Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1854)
- Date
- 1854-06-05
- Page
- Seite 289 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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289 zösische Könige gegeben Ludwig-LI. Mr stets mit Reliquien, und-bleiernen Heiligenbildernl-behangen, Ludwig Xiy. hat jeden Lag einei Messe gehört Karl X. -war ein großer Freund dep Jesuiten aber-die Thürmevon Nütre-Dame, so, stark und -mächtig sie find, sie haben keine - Spitzen, sie steigen nicht allzuhoch hinauf, sondern eyden beim zweiten Stock mit plattem Dach; eS ist Alles breit, die /Fenster,i die Rose, die Bögen sehr breit, und steigt darum nicht in. die Höhe des Himmels, in die blaue Wölbung hinauf. - Weiter rechts die Kuppel deS Pantheon. Wenn irgend. Etwas ist diese ein Symbol der Widersprüche, die unsere: Zeit in, ihrem Schooße birgt, und vergebens zu lösen sucht. Vergebens sucht dieses glatte und: elegante Paris uns zu täuschen; ttotz seiner unaufhörlichen Strömung, ist in ihm viel Bruch der Zeit verborgen, an dem gearbeitet, und gequacksalbert wird, aber keine Heilung!... S.iehe> auf. dem mächtigen Sockel die griechische Rotunde zu einem christlichen 'Tempel gewandelt, daß sie: die Form eines Kreuzes -annahm, indem Ring an Ring gelegt ward; da wird nun Messe gelesen und Weihrauch gezündet. Aber über dem Eingang steht noch immer die Inschrift: „Den großen Männern , das. dankbare Vaterland." Oben die griechische Kuppel in? eine christliche , u.mgeändert, indem jhr. durch dreimalige Ueberwölbung die Form eines halben Eies gegeben - worden/ aber unten eine Krypta im Schooße der Erde,- in welcher die glorifieirten Sarkophage Voltaire's und Rousseau's stehen. Welche Widersprüche' Droben steht der..Beschauer und ergötzt sich am Ueberblick über das Ungeheuer Paris, in der Mitte katholischer Gottesdienst, und unten die Dankbarkeit des Vaterlandes für die ärgsten Gegner der positiven Religion! In der That, wer kann Frankreich, wer kann Paris, wer das moderne Leben besser zeichnen,, als dieses Pantheon?... So ist in unserer Zeit Alles ein anorganisches Nebeneinander, -wahrhaftig nicht mehr!:; Wir gehen weiter rechts — da erheben sich die Kuppeln - des jvst.ll.ut und dann des Hotel ä68 luvsliäes. Diese Zusammenstellung -wird./ärgern, aber, was kann ich dafür? „Was jch/in der Zugend wünsche, Hab' ich im Alter die Fülle. Aber das Uebel ist, das Mergerliche, daß man meist im Alter von dem nicht mehr Gebrauch machen kann., was man in der Zugend. wünscht, und weniger Werth darauf legt. Dann. aber kann man auch' hier nichtdas Symbolische verkennen: das Hütel^ des- Instituts: ist geschmacklos, :elnenhalbenZirkel,anjedemEnde ein Pavillon, und dahinter, eine Kuppelkirche- ~ aber das Hütel der Invaliden ist ein großes/ praktisches Gebäude undeinen erhabenen Doppeldom hinter sich , auf den ich wohl noch zurückkomme. Gerade dieses Jnvalidenhütel streckt seinen Dom am Horizont von Paris sehr markirt in die Höhe — und im Grunde genommen, war die ftanzösische Nation immer vorzugsweise kriegerisch und hat der militairischen Gloire mehr geopfert, als sie sollte. Ihre Literatur ist meist eine künstliche (nicht künstlerische), der es „am Marke des Lebens" gebricht... Paris, 24. Mai. Skizze«. II. Am Sabbath Nachmittag ging ich nach dem Bastilleplatze. Ich kam auf den Boulevard du Temple. Es fiel mir .bald etwas auf. Ich begegnete unter den Spatzierenden einer Menge frischer, rosiger Mädchengesichter, deren lange/ etwas stark gebogenen oder hervor tretenden Nasen und sprechenden Augen nicht zweifeln ließen, daß es „Gazellen Juda's" waren. Im Allgemeinen / kann man hier in Paris die jüdischen Physiognomien nicht so schnell von den übrigen Leuten unterscheiden, weil die Franzosen, namentlich aus dem Mittag , schön sehr viel südliches Gepräge haben. Man muß schon Physiognomist sein und nicht allein den ersten Blick zu Rathe ziehen. Ich sagte: die frischen, rosigen Mädchengesichter sowohl, weil man hieraus die Feier des Sabbaths Noch bei Vielen voraussetzen konnte — wenn mir auch die Meinung eines sehr achtuNgSwerthen Mannes, daß von den 18,000 Juden von Paris noch 12,000 den Sabbath feierten, übertrieben schien, schon nach den wenigen Läden, die ich geschlossen fand als auch weil ^eben diese Töchter Juda's noch frische, rosige Mädchengesichter- Haben, was ein sprechendes Zeugniß eines reinen, sittlichen Familienlebens ist, das sich noch, unter den Juden auch in Paris erhält. / - Ich weiß,ws ist ungerecht, über große Menschenmassen nach wenigen Tagen urth eilen zu wollen. Ich gebe daherwas ich sage, nicht als ein bewährtes Urtheil, sondern als den Eindruck, den der beobachtende Blick auf mich machen ließ, und der mir — von Leuten, : welche schon längere Zeit in Paris wohnen, bestätigt worden. Und hierbei nun noch eine allgemeine Bemerkung: wer- / den die Leser der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" / es übel-nehmen, wenn ich in diesen kleinen, bescheidenen!,-Skizzen" auch von anderen, nichtjüdischen Dingen spreche? 23