Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1854)
- Date
- 1854-06-05
- Page
- Seite 288 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3225877-3225901--13903-3243373- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
288 ein beständiger Ausdruck desselben war (von Rabbiner Mortara). Im literarischen Theil, welcher die Biographie von Zeitgenossen giebt, wird das Leben des Redakteurs" -dieser Zeitung fortgesetzt (von de la Torre). Der historische Theil -giebt die Fortsetzung der Zerstreuung der Israeliten Portugals und insbesondere ihre Literaturgeschichte. Bibliographie: Kritik Don S. D. Luzzattö, 6rammatioa della linguai Ebraicä. Vermischtes und Notizen. — ■■■;'; ' Herr Dr. M. Wiener in Hannover wird eine Uebersetzung von S. D. Luzzatto's Grammatik der hebräischen Sprache mit Genehmigung des Herrn Verfassers herausgeben, worauf wir im Voraus aufmerksam machen, da nur Gediegenes zu erwarten ist. Correspondenz. Paris, 23. Mai. - Pariser Skizzen. I. Ich habe auf der Kuppel des Pantheon und auf dem platten Dache des Are de I'Etoile gestanden. Ich sah Paris zu meinen Füßen. Von jener Kuppel aus sieht man das ungeheure Häusermeer, welches Paris heißt, nach allen Seiten sich ausdehnen, man kann die einzelnen großen Stadttheile verfolgen, man bekommt ein Bild des gesammten Paris. 'Aber vom Are de TEloile erblickt man Paris in seiner Umgebung) während der östliche Theil der Stadt schon zu einer perspektivischen Linke, zu einem großen Streifen zusammenrückt, sehen wir die Höhenzüge, welche die Stadt umgeben, und sogar die noch weiteren rings herum; der Montmartre, der Moni Valerien und folgende blicken uns trüb-ernst mit ihren Befestigungen an, während die Baumwelt der Tuillerien, der charaps Elysees, des bois de Boulogne und noch weiter hin, von Neuilly, St. Cloud'das Bild erfrischen und beleben. Von unten her hört man noch das Geschrei der Ausrufer, das Gerassel der Wagen, das.Gewühl der Menschen. . Es ist > ein ungeheurer Blick, den man von solcher Höhe auf solch ein Menschenwerk thut. Wir sind da noch nicht so hoch gerathen, daß die Schöpfung des Menschen einem Ameisenhaufen gleiche, den der Fuß des Wanderers zertrete, sondern sie wirkt noch in all ihrer Fülle und Mächtigkeit auf uns, und. dennoch überschauen wir sie. Zunächst erstaunen wir über die riesenhafte Masse von Bauwerken, über die scheinbare Ünermeßlichkeit der Gebäude; denn nicht genüg, daß sich über ein weites, weites Feld Haus bei Haus reiht, immer wieder und wieder rücken Bataillone von Gebäuden in's Feld, /werfen sich Schwadronen von Bauten über daS Weichbild hinaus; hier, glaubst Du, wird's aufhören, denn die Vegetation hat sich'nicht verdrängen lassen' — aber Du siehst darüber' hinaus, da fängt das Gewimmel der Menschenwohnungen erst recht wieder an. Wendest Du Dich" nun zurück-, und blickst auf das Innere dieser Massen, da siehst Du die zahllosen Dächer immer dichter und dichter sich drängen, daß die dünnen Streifen, welche als Straßen hindurch laufen, gänzlich verschwinden, so schmal' werden sie und so hoch die Häuser, welche sie verdecken. Aber mitten in diesen Massen richten sich einzelne Bauwerke auf und strecken sich gen Himmel. Mögen immerhin unter dem wogenden Gewühle der Menschen alle Einzelnen ihre persönlichen Zwecke verfolgen, ihren individuellen Absichten nachgehen — es giebt doch immer Richtungen, indenen sich Viele begegnen und erheben, und die dann über'die Masse mit ihren kleinen, individuellen Anlagen und Charakteren hinausragen. Dort stehst Du den Dom der Tuillerien hervor blicken, unter seiner stolzen Huth vieles Herzklopfen und viele Veränderung bergend — da wurde dem guten Ludwig XVI. die phrygische Mütze auf den Kopf gedrückt, da würden die Schweizer und Garden gemordet, da mußten Napoleon und Ludwig XVHI. (bei seiner Flucht) und Karl X. und Ludwig Philipp und zuletzt auch die averituriers unb ouvriers, die sich darin niedergelassen, nach und nach Abschied nehmen — und welche Bürgschaften giebt eine solche Vergangenheit für die Zukunft? So ist dieser Dom das Symbol der wandelnden Menschenherrsckiaft und all ihrer Schrecken; hoch hinauf ragt sie, wie dieser vierseitige Dom, aber wie Du von dem langen Körper der Tuillerien weiter nichts siehst, weil Bauten und Gebüsch sie Dir verbergen, so ist es ja auch um den, welcher die Gewalt über seine Mitmenschen zu tragen hat; nur die strahlende Krone erblickt man, während der weite Unterbau der Jntriguen und Kämpfe uns verborgen sind.... Weiter zurück gewahrst Du' die mächtigen Thürme von Notre-Dame, zwischen und hinter sich das gewaltige Schiff der Kirche, wohl das höchste aller Kirchen. Das müßte doch das Symbol der Frömmigkeit, der Religiosität sein. Aber es ist ein eigen Ding um die Pariser Frömmigkeit. Sie zehrt" noch immer an ihrem Saint- Louis; seitdem hat es viele, im Alter frömmelnde franm