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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1854-06-05 · Heft 23 (5.6.1854) · p. Seite 282

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
18 (1854)
Issue
Heft 23 (5.6.1854)
Date
1854-06-05
Page
Seite 282 (sequence 2)
Language
German
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282 aussprechen, daß wir wie die schlafenden Jungfrauen im Mährchen seien?! Ach, es .ist sehr grausam, seines Vaterlandes nur mit Seufzern-gedenken zü dürfen, jenes schönen,, grüßen Vaters landes, auf das man so stolz sein könnte, nach dem man stch so sehr sehnet, wenn man es eben verlassen, nach seinen Bergen und Thälcrn, nach seinen Eichen und Föhren, nach seinen altväterischen Städten und traulichen Dörfern -Die Franzosen nennen Frankreich „la belle France“ — ich muß gestehen, was ich davon gesehen habe, von Valenciennes bis Paris, von Paris bis Straßbur-g, konnte auf dieses Beiwort keinen Anspruch machen. Es mag im mittäglichen Frankreich anders sein, aber nichts als Ebene auf Ebene, keine reichen Waldungen und viele Ströme und Flüsse und hohe Berge und Thäler — ist ganz gut, aber nicht „schön." Aber wenn nun dennoch so Vieles „schön" und herrlich darin ist?... Man hat öfter gesagt: gerade diese Beschränkungen, dieser Druck, diese Zurückstoßung haben auch ihren Nutzen, man fühlt sich um so mehr genöthigt, aufgestachelt, während die freie Bewegung lässig werden läßt-eS mag im Anfang, in der Kindheit der modernen jüdischen Cultur so gewesen sein, daß der Stab, an den man das junge Bäumlein gebunden, das Hin- und Herschießen, das zu üppige Wachsthum nach glleN Seiten hin verhinderte — aber schnüre den Eichbaum in eiserne Schienen, und rede ihm ein, das sei ihm gesund.' hemme jede freie Entwickelung, jede Circulation der Säfte, und behaupte, nun schlagen diese nach innen!... Nein! nein! man verfährt übel an uns, und mancher Raub wird an uns begangen — doch nein! nicht allein an uns, auch an der Allgemeinheit, der wir mehr nützen könnten.... Aber wie? habe ich meinen Lesern nichts weiter zu sagen? brauche ich darum nach Paris zu gehen? Doch nein! ich habe Vieles gesammelt, und trage-es als fleißige Biene nach Hause. Ja, man muß in Paris gewesen sein! Der Blick wird weiter, der Maßstab größer, das Urtheil schärfer, die Vorstellung richtiger. Mag man zuerst erstaunen, überwältigt sein — später von Manchem wieder zurück kommen, ja vielleicht enttäuscht werden — es ist ein Großes, wo Zwölsmalhunderttausend Menschen immerfort arbeiten, schaffen, wirken an Einem Platze, wo die Werke der Jahrhunderte, die Schätze einer großen Nation zusammen fließen, und man geht nicht davon, ohne tief influirt zu sein.... Jerusalem, Rom, Paris — das sind die drei wichtigsten, weltgeschichtlichen Plätze der Erde, Knotenpunkte des menschengeschlechtlichen Lebens.... den Einen habe ich nun gesehen, werde ich auch an Euren Thoren stehen, ihr andern Beiden? ... Doch still — jetzt zuvor wieder nach der Heimath zurück, nach der schönen, trauten Heimath, nach dem geliebten, glücklichen Heerde, zu den theuren Wesen, die ich mein nenne — und dann, lieber Leser, so Gott will, mehr! Zeitungsnachrichten. Deutschland. Dresden, 22. Mai. (Privatmitth.) Vor einigen Wochen war in der Berliner Nationalzeitung und später auch in der Allgemeinen Zeitung des Judenthums Nr. 20 eine, dem Vernehmen nach auch durch Kreuzband an Notabilitaten in verschiedenen Gegenden Deutschlands zugesendete anonyme Anfrage an die Leiter des in Breslau projectirten Rabbiner-Seminars zu lesen, vier Fragen enthaltend, um deren Beantwortung die gedachten Leiter des Seminars ersucht werden. Anstatt irgend einer Namensunterschrist befinden sich am Schluffe jenes Aufsatzes blos die Worte „ein Verein von Freunden der Wahrheit und des orthodoxen Judenthums." — Weder die »Art und Weise der ersten Veröffentlichung, noch Ton und Inhalt des Aufsatzes selbst ließen vermuthen, daß er wirklich von „frommen Juden" herrühre; Alles ließ vielmehr schließen, es sei dies ein von ganz entgegengesetzter Seite veranlaßter Kunstgriff, um die öffentliche Meinung irre zu leiten und die Beförderer deS Seminars in Verlegenheit zu setzen. Dergleichen Diatribew mußten mit Stillschweigen übergangen werden. — Nach neuerlich eingegangenen Nachrichten sollen jedoch wirklich Leute, die sich für „orthodox" halten und bei ihrer Partei sogar im Gerüche der Heiligkeit stehen, Verfasser und Verbreiter jeneSMachwerks sein. Trotz dem glauben wir dennoch nicht, daß die künftigen Leiter deS Seminars, am wenigsten der über alle diese.Erbärmlichkeiten erhabene, bei Errichtung des Seminars bloS den einzigen Zweck Conservirung des wahren JudenthumS und der jüdischen Wissenschaft auch für die folgenden Geschlechter im Auge habende Oberrabbiner Dr. Frankel auch nur einen Moment seiner kostbaren Zeit dazu verwenden werde, um jene von

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