Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1854)
- Date
- 1854-05-29
- Page
- Seite 277 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3225877-3225900--13891-3243360- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
m zusetzen. —7 Füge ich noch hinzu, daß'die Beamten, sowohl die belgischen als die französischen, als die höflichsten und feinsten sich benehmen, und daß, wie man den französischen Boden betritt, auch das laute, lebendige Wessen anhebt, das Rufen und laute Schwätzen auf den Perron-, — um nun lediglich auf Brüssel unfern Blick haften zu lassen. Brüssel.... ist eS in der That die schöne Stadt, ist einsonderS die überaus herzliche Aufnahme, die ich bei dem würdigen, besonnenen und für das Judenthum so hingegebenen Oberrabbiner Lob und bei dem Vorstande des belgischen Consistoriums der Israeliten, dem menschenfreundlichen, einnehmenden Präsidenten La aßen und dem scharfblickenden und warmempfindenden Vicepräfidenten Oppenheim genoß, so daß in der großen Angelegenheit, in deren Dienst ich reifete, ich schon Alles fertig fand, was ich nur wünschen konnte— oder, was daS Wahrscheinliche ist, war es alles dies und zwar in Verbindung mit dem heitersten, lieblichsten Wetter: mir erschien Brüssel als die liebenswürdigste, anziehendste Stadt, die ich jemals gesehen, selbst Wien, Dresden, Berlin nicht ausgenommen. Wie gesagt, einen großen Theil haben dir Menschen daran, in deren Mitte mich die günstige Hand deS Geschickes geführt hatte ich dachte nur immer: mag dies für Deine Mission ein p'ö ein gutes Omen, fein!... Brüssel ist die netteste, propreste Stadt. ES mag Aehnliches in Holland sein, da es aber in Brüssel zugleich nicht den Charakter peinlicher Aengstlichkeit hat, so kann diese Propretät nicht anders als den freundlichsten Eindruck machen. Da werden jeden Morgen die Straßen gefegt, die blauen Trottoirsseine mit Wasser begössen und gescheuert, die mattweißen . Häuser bis an den Giebel bespritzt, daß die Wände ohne Staub und Flecken find. Daher sah ich in-der Stadt kaum vier, fünf Häuser abgeputzt werden, und die ganze Stadt sah, wie man sagt, wie „aus . dem Ei gepellt" aus. Dabei lauter ssattliche Häuser, und sehr prächtige Bauwerke, so-daß der Aufenthalt sowohl während, einiger Tage als durch eine längere Zeit hindurch sehr intcressirt. Brüssel besteht aus einem altern und neuern Stadttheil, jener iss zugleich der untere, während dieser auf der Höhe liegt, zuder die. Straßen lehn hinauf führen; schöne Boulevards führen um die ganze StadK Der ältere Stadttheil hat zwei Glanzpunkte, das Rathhaus und die Cathedrale (St. Gudule). DaS RathhauS, an der einen Seite des regelmäßig viereckigen „großen Platzes," der^ von herrlichen, zum Theil wieder aufgeputzten Gebäuden, m Zunfthäuftrn, eingefaßt, und auf welchem das Blut der Grafen Egmont und Hoorn und fünfundzwanzig anderer niederländischer Edlen durch das Henkerschwert Alba's floß — das Rathhaus ist das schönste dieser in Belgien so überaus bevorzugten Gehäude. Jndeß ist es insonderS der vordere 1442 vollendete Theil, der interessirt, die Hinterfronte iss später hinzugefügt. Am herrlichsten aber ist der über dem Portal in der Mitte sich 364 Fuß erhebende, zierliche gothische Thurm. Spaßhaft war eS mir aber zu sehen, wie mehrere Brüsseler, mit denen ich sprach, noch nicht wußten, daß der Thurm nicht in der Mitte steht, daß links von ihm nur sieben, rechts zehn Fenster Front sich befinden, und die sieben den zehn und den Thurmfenstern in der Bauart nicht ganz entsprechen. Die Cathedrale auf der Höhe, zu welcher eine schöne Freitreppe führt, hat eine imposante Fronte, drei Portale, von denen das mittlere das bedeutendste, zwei Thürme, die aber nur bis zur Gallerie geführt sind. Das Schiss und Kreuz entsprechen zwar in der Bauart, aber weniger in der Größe dieser mächtigen Fronte, und was das schlimmste, man hat dicht an die beiden Seiten des Kreuzbalcons zwei rußige, gar nicht anpässende Bauten angeklebt, zwischen denen hinten das herrliche, hohe Chor wieder in seiner Schönheit herausquillt. Man sagte mir, sie sollten abgebrochen werden. Leider! versäumte ich es, die Kirche zu besuchen, die innen sehr Interessantes enthalten soll. Ein ganz Anderes der obere Stadttheil: Palast an Palast, Denkmäler, Park, Museen. Alles dies nicht grandios, aber nett, proper, elegant, heiter, anziehend. Das hohe Reiterbild Gottfrieds von Bouillon an der Stelle, wo er 1097 den'versammelten Rittern die Parole „Gott will es!" gab, auf dem Platze vor der Kirche St. Jacques du CaÜdenberg, und das Standbild des Anatomen Vesalius sind sehr gelungene Erzbildcr. An der gedachten Kirche, die ganz neuern Styls, daher unbedeutend ist, fielen uns die Statuen von Moses und David zu beiden Seiten des Portals auf. David ist. in theatralisch-entzückter Stellung mit .der Harfe, Moses ein finsterer, abgemagerter Ascetiker — in der Thal, diese gigantischen Gestalten des Alterthums: gelingen den. modernen Künstlern nicht.. Es sind Aufgaben,, die über die Lebens- . kraft der. Modernen hinauSragen. Lch. besuchte die Deputirtenkammer, und zwar als gerade, eine, belgische Lebensfrage, das .Nachdrucksgesetz, diseutirt ward, lebhaft, stürmisch, fast -7-. es wurde gerade über die Entschädigung verhandelt. Die erste Abstimmung ergab eine Majorität dafür, die: zweite Abstimmung wurde verschoben. Als ich 22*