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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1854-05-29 · Heft 22 (29.5.1854) · p. Seite 278

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
18 (1854)
Issue
Heft 22 (29.5.1854)
Date
1854-05-29
Page
Seite 278 (sequence 12)
Language
German
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m die Sitzung verließ, nahm ich einen kleinen KiMM an, der Mch nach einem entfernten Platze führen sollte. Der Knabe schwatzte sehr nett, so daß ich ihn frag, warum er kein. Metier erlerne? Die Antwort lautete: „Ach, mein Herr! ich bin Buchdruckerlehrling, aber wegen des neuen Gesetzes, düs deü Nachdruck verbietet) bin ich und viele Knaben entlassen worden; matt hat nichts mehr, uns zu beschäftigen." Ob der Knabe von den votirteü Entschädigungssummen etwas erhält? Schwerlich. Aber um so mehr muß man den Schritt achten, den Regierung und Kammern gethan, um das Eigenthümsrecht auch des Geistes zu schützen und die Gerechtigkeit siegen zu machen! In dem Justizpalast sah ich die beiden Gemälde von Gallait, die Abdankung Kaiser Karl V. und das Kompromiß der niederländischen Edelleute. Gewöhnlich ^lobt man das erstere mehr als das zweite, und hat wohl Recht, denn es ist -ein Meisterwerk an Composition, Zeichnung, Farbenstimmung — aber ich empfand doch viel mehr bei dem zweiten, denn jenes stellt einen bedeutungsvollen Act zweier Persönlichkeiten, die man beide nicht liebt, vor, während dieses aus dem Leben einer Nation gegriffen und von weithingreisenden Folgen war. Was da Karl V. thut, wäre einige Jahre später doch geschehen, daß Phi-; lipp II. die Regierung antrat, aber die Scene, wie Hoorn i unterschreibt, Egmont entschlossen zusieht, Oranien ermahnt, Brederode antreibt, und sie fast Alle dies mit dem Tode durch den Henker bezahlen, aber daraus die Unabhängigkeit und frische Blüthe ihrer Nation hervorsprießt, solche! Scene ist hinreißend. Mag demnach die Farbengebung nicht gelungen sein, mögen die meisten Gesichter namentlich fürchterlich blaß erscheinen, wie sie wohl im Korbe; des Nachrichters ausgesehen, diese edlen, markigen, charakteristischen Köpfe und Gestalten, insonders dieser unterzeichnende Hoorn mit der furchtbaren Narbe auf der Stirn, reißen hin und fesseln. Aber lassen wir nun diese Skizze, die den Leser nur ein wenig ergötzen und ihm von den mannigfaltigen Ge-! nüssen, die/ ohne zu überstürzen und zu erdrücken, in Brüs-' fei ihn erwarten, einen kleinen Geschmack geben soll. Der - Leser kann sich vorstellen, daß Mich auch die jüdischen Ver-1 hältnisse dort insonders interessirten. Aber in einem Lande,, das nur einige Tausend Israeliten zählt, das denselben ] nicht blos völlige bürgerliche Berechtigung im unbeding-' testen Sinne gewährt, sondern ihren Cultus auch völlig; gleichberechtigt neben der katholischen und protestantischen ' Kikchs behandelt, so daß für denselben auch vom Budget,; was nur in der Billigkeit liegt, erlängt wird, das ferner unter der seelsorgerischen Obhut eines, seine Aufgabe so treu und warm, und so einsichtsvoll in die Verhältnisse der Zeit auffassenden Geistlichen, wie der Oberrabbiner Lob ist, und unter der administrativen Verwaltungeines aufgeklärten Und für die Religion! der Väter beeifttten Consistoriums steht, läßt sich voraussetzen, daß alle Institutionen in möglichst blühender Lage sich befinden. — Die Synagoge ist ein ziemlich großes Und würdiges Gebäude von außen und innen, aber fern von aller Schönheit, ein. langes Viereck, nicht gewölbt, nicht zu hoch, einfach ausgeschmückt, wie gesagt, genügend, aber ohne Eindruck. Der Gottesdienst ist unangetastet, jedoch in Münchener Weise geordnet, aber mit Orgelbegleitung, wodurch die Schwächen des Ehors bedeckt werden, Er-ist darum würdig, wenn auch ohne tiefem Eindruck, doch in einigen Momenten wahrhaft erhebend, so der Art des Aushebens, des Segens läl "p-Q'» {in der /«). Der Oberrabbiner, welcher französisch predigt, spricht Mindestens jeden Sabbat vor der geöffneten- Lade in derselben Sprache das Gebet nach dem Lesen aus der Thora, anknüpfend an die Sidra oder Hapthora. -— Da ich ebew nur dem Sabbatgottesdienst beiwohnte, kann ich nur hierüber sprechen, aber jedenfalls zeugt er von einem besonnenen, gemäßigten, nicht nach Effect, aber nach religiöser Gebarung strebenden Geiste. — Der religiöse Unterricht geschieht in einer geordneten Religionsschule, in welcher ein besonderer Lehrer angestellt ist. Ich wohnte einer Catechisation des Oberrabbiners mit den Confirmanden (die Confirmation geschieht am Schebuvchfeste) bei, iü welcher die Kinder sehr brav antworteten, und gute Kenntniß verriethen — schade nur, das sie hier, wie es in katholischen Ländern der Fall ist, so sehr frühzeitig coNfirmirt werden im zwölften und dreizehnten Jahre wodurch der Unterricht engere Grenzen und nicht so tiefe Einwirkung hat. Alles dies natürlich in französischer Sprache, welche in Brüssel die Sprache der oberen, und mittleren Schichten ist. Die Untere Volks (lasse spricht vlämisch, : die meisten Juden auch deutsch/ wenn auch schon nicht mehr richtig. —So schied ich aus Brüssel mit dom befriedigenden Bewußtsein^ mich. mit einem schönen Bilde bereichert, und mir einige edle, würdige Freunde mehr erworben zu haben! - - ,i

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