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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1854-05-29 · Heft 22 (29.5.1854) · p. Seite 276

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
18 (1854)
Issue
Heft 22 (29.5.1854)
Date
1854-05-29
Page
Seite 276 (sequence 10)
Language
German
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durch einen kleinern von 504 Fuß. Ja, dyn der belgischen Grenze an hat man allein neunzehn Tunnels, einige sehr lang, wenige kurz, zu durchfahren. Es macht dies einen eigenthümlichen Eindruck, auS dem Hellen Tage mit einem Male in dichte Finsterniß versetzt zu sein; oben in den Waggon ist ein Lämpchen, eingelaffen, das jetzt einen gelben Schein zp verbreiten beginnt; je weiter man in den Schooß des Berges eindringt, desto Heller flackert es, um vor dem wieder allmälig heran .dringenden Tageslicht schnell wieder zu erbleichen. Ich dachte dabei an die Kunst des Menschen, gegenüber der gewaltigen Kraft des Lebens. Bleich-und flackernd ist das Product jener — aber was hilst's? Da wir durch so mancherlei dunkle Stollen hindurch muffen, giebt sie uns doch etwas!... Gerade auf einer Höhe, durch welche ein Tunnel gebohrt ist, hat ein reicher Besitzer der Umgegend eine künstliche Ruine als Bellevue aufführen lassen. Da hast fl)u Mittelalter und moderne Zeit. Das Eine lagerte sich, auf die Höhe, kühn, müßig und üppig, währxnd die letztere , gewaltig,-rastlos und geschickt mitten in die Seiten des. Berges sich bohrte, Jenes mit dem Blick über die anmuthige Ferne, diese in das dunkle, niemals beschienene Innere der Natur. Aber jenes nur, um den pilgernden Kaufmann zu erspähen und ihn der Frucht seines Fleißes zu berauben, diese um die Schätze der Tiefe an das Licht des Tages zum Frommen Aller zu schaffen, um benachbarte, aber durch natürliche Hindernisse getrennte Völker zu verbinden, und im Zusammenwirken und Durcheinanderleben Neues und Entwickelteres gebären zu lassen! Dies sind sie, Wie gesagt, so wie man ein reizendes Thal durchfahren ist, gelangt man an einen Höhenzug, den ein Tunnel durchbohrt hat; hat man diesen durchfahren,. so liegt wieder ein anmuthiges Thal vor uns, -und man rollt am Ufer der Vesdre hin, oder setzt über den sich schlängelnden Fluß, bis sich das Bild abermals erneut. Die Stelle übrigens, welche im Mittelalter ein Raubschloß, in den jüngsten Jahrhunderten irgend eine Mühle oder ein Pachthof ^innahm, ist jetzt von einer Fabrik mit rauchendem Schlotte ausgefüllt, und. es ist ein Eigenes, wenn man in einsamer Schlucht, von murmenden Flußarmen umgeben, vom grünen Forste umschlossen , wo man.irgend ein verstecktes Jagdschloß oder eine „Lochmühle" erwartet,. plötzlich ein innen von arbeitenden Menschen wimmelndes Fabrikwesen erkennt, das seine Erzeugnisse vielleicht nach 'Adelaide im stillen Ocean oder nach Archangel am weißen.Meere sendet... . 7,; , Kein schütterer Anblick als Lüttich. Da dehnt sich über. die ganze an Berg hinansteigende Landschaft das Häusermeer der Stadt, von zahlreichen-Thürmen überragt, vor uns aus, weißlich glänzend und die Dächer mit Schiefer gedeckt. Bis auf die Höhe sind hie Häuser gestiegen, umgürtet unten hon der breiten Maas^ ein Wald von Schornsteinen starrt uns auö der. Masse überall entgegen, und dabei — wer sollte es denken —. das ganze Thal auf'S Reichste zum Gemüsebau benutzt, der fruchtbare Boden auf's Sorgfältigste bearbeitet, daß er wie ein Schachbret aussieht, so ist er -mit dem Spaten bearbeitet. Es ist ein wunderbarer Anblick, der den denkenden Menschen tief ergreift und ihn lange nicht los läßt, wenn ein bloS schönes Schauspiel seine Gefühle längst hätte zur Ruhe kommen lassen., Diese Verbindung d eS Land bau es und der Fabrikindustrie allein macht es erklärlich, daß dieses Land has bevölkertste von ganz Europa, somit derganzen Welt sein kann. Nicht die menschenreichen Gefilde der Lombardei, nicht Englands und der Rheinprovinz vielbesetzter Boden kommen Belgien gleich. In Belgien selbst leben auf jeder der 114 Quadratmeilen Flanderns 12,50,0 Menschen, während im Regierungsbezirk Düsseldorf 8560, in Deutschland überhaupt durchschnittlich nur 350V. Dessen ungeachtet ist Belgien auch das Land der katholischen Geistlichen, deren man überall umher schwärmen sieht, alte und junge, dicke und dünne, große und kleine in ihrer besonders Tracht, wie man fie z. B. in Oesterreich lange nicht iit dieser Menge trifft; ich habe fast mehr Geistliche als Soldaten in Belgien gesehen. Man denke: auf 950 Seelen kommt je ein W eltg eist - licher, der durchschnittlich 718 Frcs. Staatsgehalt bezieht; außerdem 453 Klöster, deren Bewohnerzahl immerfort wächst. ' /.-. So wie man Lüttich vorüber ist, muß abermals eine stehende Dampfmaschine den Zug die Höhe .hinauf ziehen. Oben-angelangt, ist man auf einmal in ein ganz anderes Land versetzt; man befindet sich in einem Ackerland, eben, platt, prosaisch, man hat den Walloren verlassen und ist zum Brabanter gekommen. Der Reisende, kann ruhig die Augen schließen, undsie in Brüssel offnen, , wenn er will jn Paris, denn, um es schon hier abzuthun, auch von Brüssel bis Paris ist die Landschaft so/einfach, wie etwa zwischen Magdeburg und Halle,, außer dem hübschen Thal der Oise. Das Einzige, was auf^der Reise.angenehm auffällt, das sind die herrlichen Thürme, welche, überall aus. Stadt und Dorf in die .Höhe steigen und die bedeutendsten Cathedralen und Dome versprechen, an denen der Zug vorüber führt, ohne sie unserem Klick, nur aps-

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