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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1854-05-29 · Heft 22 (29.5.1854) · p. Seite 275

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
18 (1854)
Issue
Heft 22 (29.5.1854)
Date
1854-05-29
Page
Seite 275 (sequence 9)
Language
German
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275 den zu — „wälz' auf den Ewigen Deinen Weg — Er wird's vollbringen!" (Ps.) Der Abend sank thauig herunter, der westliche Himmel hüllte sich in graues Gewölk ein, die Sonne verlor sich in ein gelbes Strahlenmeer; es regnete bald wirklich. Da mußte man, als es bei Ruhrort auf der Dampffähre über den'Rhein ging, in die Cajüte sich flüchten; es ging durch die dunkle Nacht, welche nicht einmal dem Monde ein Fleckchen am Himmel gönnte, bis um Mitternacht Aachen erreicht- und ein spätes Nachtlager gesucht ward. — Fürchte der Leser nicht, eine Beschreibung der alten Kaiserstadt zu erhalten. Da es schon um neun Uhr Vormittags mit dem „Erpreß" nach Brüssel weiter ging, konnte nur ein sehr oberflächlicher Ueberblick gewonnen werden, um so mehr, da zwar der befreundete, wackere Vorsteher Levh durch einen Glücksfall aus der Heimath gerufen worden, aber doch der Rabbiner des Ortes, der strebsame Rothschild, besucht werden mußte. Als ich um sechs Uhr die Fenster meines Schlafzimmers öffnete, und die im Thale weithin sich streckende StadtM namentlich mit dem hoch sich wölbenden, wenn auch thurmlosen Dom unter dem eben gehobenen Morgennebel, auf dem Hintergründe eines ' grünen und mit einer weißen Kirche gekrönten Bergzuges gewahrte, konnte sich das Auge kaum satt sehen. Ayf die Straße getreten, freute ich mich des reinlichen, netten und eleganten Aeußern der sanft von der Höhe hinunter gleitenden Straße, in welcher freilich das neue Theater uns eine schmucklose Hinterseite zuwendet — ein Fehler, den sich kein griechischer Stamm hätte zu Schulden kommen lassen — der schönen Curanstalten um die Quelle herum, welche ihren heißen Brodem aufsteigen läßt, eine — allerdings schwache Erinnerung an Karlsbad. Der ältere Theil der Stadt zeigt dieselbe krumme, vielwinklige, enge Anlage, wie alle Rheinstädte altern Datums, und nicht diese allein. Daher nur noch einige Worte über den Dom zu Aachen. Er unterscheidet sich wesentlich von allen Domen, die ich bis jetzt gesehen habe. "Er hat kein länglichtes Schiff, kein Kreuz, keinen Thurm: sondern er besteht wesentlich auS einer stattlichen, innen säulengetragenen Rotunde/ von außen mit einer kronenförmigen Kuppel bedeckt, an welche Rotunde sich nur ein etwas sehr großes, länglichtes, hohes Chor fügt. Der Eindruck ist daher lange nicht so imponirend, wie der der bedeutsamsten Dome. eS ist Alles näher gerückt, statt in dämmernde Ferne, aber desto concentrirter ist dieser Eindruck, da die angewandten Massen unmittelbar wirken. Es war gerade Gottesdienst, kein feierlicher, von Musik beglerteter. sondern ganz einfach,' alltäglicher. Man kann aber auf den ersten Blick sehen, wie der ^katholische Cultus die Menschen viel mehr durch seine Ceremönien zu packen vermag, als der protestantische,' welcher nichts als den auf Flaschen gezogenen Begriff präsentirt, zuletzt nicht die Form, sondern die Formel. Ich halte mich überzeugt, hätte der Katholicismus zur Zeit der Reformation außer dem Cültus nicht so sehr viel Drückendes gehabt, der Protestantismus als Cultus hätte nie so vielen Eingang gefunden. Die Eisenbahn, welche von Aachen bis Lüttich führt, ist die interessanteste, welche ich bis jetzt befahren, und zwar in zwiefacher Beziehung, als Bauwerk, daS die höchsten Terrainschwierigkeiten überwunden hat, und durch die Gegend, welche sie durchläuft. Diese letztere ist wieder eben so durch die reizendste Abwechselung von Berg, Thal und' Fluß, wie durch die außerordentliche Fülle von industriellen Etablissements, welche überall zerstreut liegen, merkwürdig. Ein Fluß, Namens Vesdre, hat durch ein weites Hügelland, das bald in tüchtige Vergmassen von festem, dunkelblauem Kalkstein (Blaustem genannt), übergeht, einen Weg zu finden gehabt. Er war nicht stark genug, um die Felsen zu durchbrechen, die Berge zu zerreißen, die Hügel hinweg zu schwemmen, sondern er mußte überall die Hindernisse umgehen, er mußte durch die Felsen und Berge und um die Hügel zu schlüpfen suchen, und daher nun die tausend Windungen, bald rechts, bald links, bald vorwärts, bald rückwärts, ohnö Compaß und Plan, nur — den Zweck vor Augen, aus den Bergen zu kommen, und siehe da, Geduld und Ausdauer überwindet Alles, er findet zuletzt seinen Ausgang in die Oise, der er sich in die Arme wirft, der stärkern Schwester das Weitere überlassend. Durch dieses Land mußte die Eisenbahn geführt werden, und nun galt es vollbringen, was der Fluß nicht vermochte, einen geraden Weg 3u nivesu mitten hindurch. Welche Verwunderung! die neueste Industrie, diese Eisen - und Dampfindustrie ist romantisch geworden! die Eisenbahn romantisch, die zahllosen Fabriken romantisch! sie suchen sich die verstecktesten Thäler, die heimlichsten Winkel, sie legen sich an die Berge, fordern den Fluß auf. sie zu ummurmeln, Gott weiß, was sie träumen, Blüthen, Wiese, Hain find hier ihre nächsten Nachbarn, ihre Busenfreunde.... Zuerst wird der Zug von einer stehenden Lokomotive an einem ungeheuren Drathseil auf die Höhe gezogen; dort angekommen, fährt er zuerst durch einen 2200 Fuß langen Stollen (die Durchfahrt dauert über zwei Minuten), dann 22

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