Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1854)
- Date
- 1854-05-15
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Offene Anfrage <rn die Leiter der zu Folge des Progrnmms vom Februar dieses Jahres in Breslau zu eröffnenden Seminars für Rabbiner und Lehrer. Nicht-leicht war wohl eine Kunde mehr geeignet/ jedes jüdische Gemüth mit Freude zu erfüllen, als die Nachricht, die das oben bezeichnte Programm von der Errichtung eines Seminars für Rabbiner und Lehrer zu Breslau,' in alle jüdischen Kreise brachte. — Jst'S doch eben eine solche Anstalt, deren endliche Realisirung seit Jahren von allen Freunden des Judenthums herbei gewünscht wird, giebt'S doch fast keinen Kreis im deutschen Vatcrlande, in welchem nicht gerade eine solche Anstalt bisher schmerzlich vermißt wurde, wird doch eben eine solche Anstalt alle unsere Hoffnungen in ihrem Schooße tragen. Aber eben weil wir die ganze volle Bedeutung zu würdigen wissen, die eine solche Anstalt für „Glauben und Wissenschaft" und, fügen wir hinzu, für die ganze religiöse Entwickelung unserer Gemeinden und Schulen haben wird, eben darum halten wir eine offene Anfrage nach den Principien, auf welchen hier für „Glauben und Wissenschaft" eine.Pflanzstätte gebaut werden.soll, nicht nur für berechtigt, sondern für unabweisbare Pflicht. Wäre eine solche Anstalt identisch mit der einmal in früheren Jahren projectirt gewesenen jüdisch - theologischen Facultät, und hätte als solche die jüdische Wissenschaft im Allgemeinen zu pflegen, so dürfte man vielleicht an der Berechtigung.einer solchen Anfrage zweifeln, könnte wenigstens eine solche Anfrage durch die Entgegnung abzuweisen versuchen: als Stätte der Wissenschaft dürfe dort eben keinem Principe gehuldigt werden,, je principloser, je voraussetzungsloser, um so freier werde sich die Forschung bewegen, um so kräftiger die Geister auf einander blitzen. Es dürfe, ja die..ernste Wissenschaft müsse Alles in Zweifel ziehen, ussd dürfe als Wissenschaft eben vor keinem Resultate im UorquS zurück beben. Von wissenschaftlichem Standpunkte wäre nicht einmal Gefahr dabei, wenn auch in einem fünfzigjährigen Studium des wellenartig sich bewegenden wissenschaftlichen Fortschrittes des menschlichen Geistes einmal der Wissenschaft selbst ihr Object unter den Händen schwände, und an einer Mischen Facpltät die Noneristenz oder doch die Nichtmehreristenz des alten JudenthumeS gelehrt würde: Die Wissenschaft würde immer blützen- und wenn sie auch zuletzt nur als hochkritischer Sacristan die Leichensteine der Begrabenen registrirte. Allein ein „Seminar für Rabbiner und Lehrer" ist kein rein wissenschaftliches Institut, die Aufgabe, die es zu lösen übernimmt, gilt nicht der rein theoretischen Wissenschaft,^ sondern, der Forschung für's Leben, für's unmittelbar practische -Leben, eS will Glauben und Wissenschaft nicht an sich, sondern als Träger und Hebel des von ihnen zu tragenden und zu bewegenden. Lehens Pflegen, eS will Rabbiner und Lehrer für jüdische Gemeinden und Schulen, somit Männer erziehen, die im Dienste eines bestimmten Glaubens einst wirken, für die gegebenen Wahrheiten, eines bestimmten Glaubens die Geister und Gemüther der Erwachsenen entflammen, die Herren der Heranwachsenden erziehen sollen, eS will Pflanzstätte von Männern werden, deren Pflege einst die jüdischen Gemeinden, ihre heiligsten Güter, ihre theuersten Pfänder, anvertrauen sollen. . Da ist die Frage nicht nur eine berechtigte, da ist eS für alle jüdischen Kreise eine hohe Pflicht, sich über die Frage Klarheit und wahrhaftigen Aufschluß zu verschaffen, für welche der seit einigen Decennien im Judenthume hervor getretenen Richtungen.dieses Seminar eine Pflanzstätte bilden soll, auf welchen Basen die dort zu pflegende Lehre beruhen und für „welches Judenthume die dortigen Zöglinge heran gebildet werden sollen. - . Namentlich aber ist eS diejenige Richtung, welche überhaupt noch ein Gegebenes hat, die ihr Princip und ihr System nicht erst von der Zukunft erwartet, ist eS die orthodore Richtung," die von vorn herein wissen muß , in welchem Geiste dort, die Lehre gehandhabt werden wird, ehe sie ihre Söhne und Angehörigen dieser Anstalt anvertrauen darf. ---Zunächst im Interesse deS: orthodoxen Judenthums, und überhaupt aber im Interesse der Wahrhaftigkeit und Redlichkeit, bei welchem alle Richtungen betheiligt sind, erlauben wir; unS daher die offene und. freimüthige Anfrage an die destgnirten Leiter des künftigen Seminars, in welchem Geiste und. nach welchen Principsen sie die Lehre des Judenthums zu handhaben gedenken. — ..... Wir wissen sehr wohl, daß dies identisch mit der, sonst zudringlichen Frage nach ihrem eigenen Glaubensbekenntnisse sei.. Allein Männer, die im Begriffe sind, in dem Dienst des weitesten öffentlichen Ver-