Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1854)
- Date
- 1854-05-08
- Page
- Seite 230 (sequence 4)
- Language
- German
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280 ägyptische Regierung bereits gegriffen haben. Dieses Mittel bietet schon äußerlich die größten Vortheile dar, denn dadurch würde den einzelnen Gemeinden, die sich zur Theilnahme bestimmen, die geringsten Opfer auferlegt, und es kann die Geldhülfe von Privaten und anderen Gemeinden am leichtesten so in Anspruch genommen und verwendet werden. Sehen wir nun genauer zu, wie dies auszuführen wäre. Zunächst muß man sich deutlich machen, daß es sich bei diesen Jünglingen nicht sowohl um eine gelehrte Bildung handelt, als vielmehr um eine lebensmäßige, durch welche sie befähigt werden, in alle Lebenswege einzugehen. Sie müssen zum Lehrfach, zum kaufmännischen Stande, zum intelligenten Handwerker sich bestimmen können, sie müssen eben so sich zu Aerzten.und Chirurgen, zu Baumeistern und anderen wissenschaftlichen Fächern'fortzubilden vermögen. Es kann ferner sich nicht um die Erziehung von Kindern handeln, sondern um die Bildung von Jünglingen, welche schon die Verhältnisse der Heimath kennen, und in denen ein Bewußtsein ihrer Stellung und ihres Zweckes, der Aufgabe, zu deren Lösung sie gebildet werden, vorhanden ist, oder geweckt werden kann, während Kinder nur europäifirt würden. ES würde also gelten, eine Anzahl solcher Jünglinge einige genügende Jahre in Europa unterrichten und ausbilden zu lassen, und dann nach ihrer Heimath zurückzukehren, und für diese eine andere Anzahl eintreten zu lassen. Die nach dem Orient Zurückgekehrten würden durch Ausübung ihres Gewerbes oder Berufes, durch ihre Verbindung mit Europa, durch ihre Brauchbarkeit inmitten einer unwissenden Bevölkerung leicht zu Brod und Ansehen gelangen und für ihre Umgebungen und Kreise zu Pflanzstätten der Bildung und Gesittung werden — wobei auf die anerkannte und überall bewährte Bildungsfähigkeit und Geistesenergie deS jüdischen Stammes zu rechnen ist. Gerade aus allen diesen Gründen ist es nicht zu rathen, an die Errichtung eines besonder« Instituts für türkische Juden zu denken. Sie sollen das europäische Leben kennen lernen, sie sollen durch die Nothwendigkeit gedrungen sein, sich in djes europäische Leben einzusenken, und das können sie nur erreichen, wenn kein gesondertes Institut für sie besteht. Vielmehr eristiren jetzt in den europäischen Hauptstädten überall jüdische pädagogische Institute, in welche diese Jünglinge ausgenommen würden, ich nenne z. B. in Wien das Institut des Herrn S. SzLntö, der sich dazu bereit, erklärt hat, und in welchem bereits mehrere Jünglinge fremder Zunge —- auch aus der Türkei — bald mit deutscher Sprache und Sitte vertraut wurden. Es wird dies um so leichter sein, als die türkischen Juden nur alt-spanisch-sprechen. AuS denselben Gründen darf auch nicht daran gedacht werden, die sämmtlichen Jünglinge in eine europäische Stadt zu bringen, vielmehr sollen sie möglichst in Paris, London, Padua, Wien, Hamburg, natürlich nicht vereinzelt, sondern überall in einer Anzahl von acht bis zehn, oder wie viel die Möglichkeit ist, gebildet werden, damit der Eine so mit englischem, der Andere mit französischem, der Dritte mit italienischem, deutschem dgl. Leben vertraut werde und in Verbindung komme, so im Stande, die Fäden mit allen diesen Sitzen der Civilisation für ihre Heimath anzuknüpfen. Dies ist in den Hauptzügen das Mittel, welches eine Culturumwandlung in der orientalischen Judenheit ermöglichen, bewirken wird. Man sage nicht, dies sei immerhin ein kleines Mittel, der Million Heilsbedürftiger gegenüber. Wir halten diese Million für ein Pulverfaß, in das der Zündfunke fallen muß. Diesen zu geben, ist unsere heiligste Pflicht. Vor hundert Jahren gab es der gebildeten Juden auch in großen Gemeinden Europa's nur höchst wenige, und heute ist der ganze Weg zurück-' gelegt. Wir vertrauen dabei auf die Bildungsfähigkeit des jüdischen Stammes und auf die begünstigende Leitung der göttlichen Vorsehung, die Alles zur rechten Zeit werden läßt. Um nun daS vorgesteckte Ziel zu erreichen, ist zu erwirken: 1) daß zuvörderst die jüdischen Gemeinden in den europäischen Hauptstädten sich bereit erklären, einige jüdische Jünglinge aus der Türkei in einer dortigen Anstalt zu erhalten und auszubilden; 2) daß auch die Privatwohlthätigkeit aus anderen Gemeinden die zur weitern Ausführung benöthigten Mittel darbiete; 3) daß die türkische Regierung sich für die Ausführung interessire, z. B. die Ueberfahrt nach Europa übernehme, und ihr in einiger Art einen ofsiciösen Charakter verleihe; 4) daß in den europäischen Hauptstädten/ in welchen dergleichen Jünglinge gebildet werden, entweder die Gemeindevorstände, oder eine von ihr ernannte Commission, oder einige befähigte und beeiferte Männer die Fürsorge für die Ausführung übernehmen;