Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1854)
- Date
- 1854-05-08
- Page
- Seite 229 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3225877-3225897--13840-3243306- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
europäischen Bildung und Sitte geweckt und erhoben werde — so kann dies nicht anders, als durch europäische Hülfe geschehen, und wer wäre hierzu berufen, wenn nicht die europäischen und amerikanischen Juden? Daß wir hiermit kein unmögliches Werk, keinen unmöglichen Vorgang, kein unerreichbares Ziel bezeichnet haben, dafür spricht der europäische Jude selbst, der in fast fünfzig Jahren sich aus höchster Unwissenheit und Abgeschlossenheit in Masse hrrausgearbeitet hat. Aber der europäische Jude wohnte mitten in einer gebildeten und intelligenten Bevölkerung; er stand schon an den Quellen selbst; er brauchte nur den Damm zu überschreiten, der zwischen ihm und jenen aufgeworfen war, und er konnte schöpfen, seinen Durst stillen und sich neu beleben. Anders mit den türkischen Juden. Was sie brauchen, muß ihnen gebracht werden, wenigstens zum Beginne. Die Hülfe der europäischen Juden ist unumgänglich, bis Wissen und Geschick die ersten Wurzeln unter ihnen selbst gefaßt haben. Die nächste und wichtigste Frage ist demnach: auf welche Weise, durch welche Mittel ist diese große Culturumwandlung bei den orientalischen Juden zu ermöglichen? Die Antwort ist nicht schwierig und eine zwiefache. Zuerst haben die europäischen Juden darüber zu wachen und allen Einfluß darauf zu verwenden: daß die türkischen Juden bei der bürgerlichen Berechtigung, welche den Rajah's (Nicht-Türken) zu Theil wird, nicht hintenangesetzt, nicht ausgeschlossen werden. Diese Frage, ist noch nicht gelöst. Allerdings hat der englische Minister,. Lord Clarendon, eine günstige Erklärung gegeben; auch hat der Ferman über die neue türkische Gerichts-Verfassung, welcher veröffentlicht worden, die Juden nicht ausgeschlossen; endlich soll der provisorische Tractat zwischen den Westmächten und der Türkei in einem fünften Artikel von der Berechtigung der „nicht-muselmännischen" Bevölkerung sprechen. Hingegen lesen wir in den öffentlichen Blättern stets nur von der Vergünstigung der „christlichen" Unterthanen des Sultans; und von den bekannten Ansichten mancher europäischen Staatsregierungen läßt eS sich voraussetzen, daß im zukünftigen Friedensvertrage nur von den Bekennern der christlichen Kirchen die Rede sein wird. Wir wollen hier nicht auseinandersetzen, woduxch Dem zu entgehen sei, und welche Motive die türkische Regierung selbst bewegen müssen, die Juden von den den Rajah'S zu ertheilenden Rechten nicht auszuschließen. Genug, daß diese Seite unserer Angelegenheit niemals außer Acht gelassen werden darf, sondern vielmehr fortgesetzte Aufmerksamkeit und angemessene Einwirkung verdient. Zweitens müssen die europäischen Juden die geistige Cultur unmittelbar in der Masse ihrer türkischen Glaubens gen offen wecken und pflegen, bis sie darin heimisch geworden. ES ist leicht einzusehen, daß dies noch weit wichtiger ist; denn mögen die türkischen Juden gleichgestellt werden oder nicht, wie es in der Türkei steht und stehen wird, müssen unsere Glaubensgenossen ohne zu erlangende Cultur in namenloses Elend versinken und in demselben untergehen. Zu diesem Zwecke ist daS einzig wirksame Mittel: junge türkische Juden in europäischen Hauptstädten zu erziehen und auszu- Hilden. Allerdings böte sich als ein anderes Mittel dar: europäische Schulen in der Türkei anzulegen. Aber alle urtheilsfähige Männer halten dies nach der Sachlage für unmöglich. Diese Schulen würden von den Chachams und Fanatikern befeind« werden, bis sie aufgegeben sind; ihre Wirkung würde nach dem Austritt der Zöglinge in kürzester Zeit wieder verwischt sein; ferner handelt es sich auch gar nicht allein um irgend ein Maß Wissen, sondern eben sy sehr um Bekanntschaft mit europäischen Verhältnissen, mit europäischer Sitte, um unmittelbares Bekanntwerden mit europäischer Industrie, europäischem Commerz, europäischem Handwerk, europäischer Schule. Nur durch diese unmittelbare Berührung türkisch-jüdischer Jünglinge mit der europäischen Cultur kann eine gedeihliche Wirkung erhofft werden, während europäische Schulen dort auf felsigen Grund stoßen, vegetiren, bald zu Grunde gehen würden. Abgesehen hiervon würde die Errichtung jüdischer Schulen Summen erfordern, die schwerlich zu beschaffen wären. Es sind mit der Lage des Orients die französischen Besitzungen in Afrika nicht zu vergleichen. Hier waren für unsere Glaubensgenossen Schulen am angemessensten, denn das unmittelbare französische Leben machte ihnen diese und die darin zu erlangende Bildung zur unumgänglichsten Nothwendigkeit. Die türkischen Juden bleiben immer inmitten orientalischen Lebens und fühlen somit daS Bedürfniß fast gar nicht, bis eS erst in ihnen durch die Vortheile geweckt fein wird, welche sie dmch europäische Bildung erlangm werden. Es bleibt also nichts übrig, als: eine Anzahl junger türkischer Juden in europäischen Hauptstädten zu erziehen, z« welchem Mittel ihrerseits die serbische, türkische und