Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1854)
- Date
- 1854-05-01
- Page
- Seite 216 (sequence 4)
- Language
- German
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LIK Werth — meiner Meinung nach ist dieS gar nichts werth, sobald nicht mindestens das Beharren der Kinder im Judenthume daraus erfolgt. Wer seine Kinder taufen läßt, mag sich nur auch taufen lassen, dann hinkt er nicht auf zwei Hüsten. Für sich aber unerlaubt halten, was seinen Kindern erlaubt sei, ist lächerlich. ES liegt in der Natur-er Verhältnisse, daß der, welcher nicht gefestigt ist in seiner ganzen Glaubensauffassung, und drängenden Einsiüssen in seinen Nächsten und Theuersten immerfort ausgesetzt ist, auch nicht länge widerstehen wird. Die gemischte Ehe ist demnach, um mich eines platten Ausdrucks zu bedienen, nur wie „eine Galgenfrist," und um eine solche hat Vas Judenthum nicht noch zu buhlen. — Dies ist es, warum jeder aufrichtige Jude gegen die gemischte Ehe eingenommen sein wird, und man braucht daher in der That nicht an. die Paar Groschen Gebühren zu denken, um die Rabbinen gegen die gemischte Ehe gesinnt vörauSzusetzeru Ueberhaupt mögen die deutschen Juden doch ja nicht noch immerfort ihre Rabbinen zu bedrücken und herabzusetzen sich bemühen. Denn, da mit Ausnahme von nur vier oder fünf Stellen sämmtliche Rabbinats-, Prediger-, Lehrer-, Chasanim- und Schächterstellen, der deutschen Juden nichts als ärmliche Hungerstellen sind, so könnte eS doch kommen, daß, namentlich bei den großen Forderungen, welche, wie Ihr Correfpondent aus Hamburg selbst einmal so unübertrefflich persiflirt hat, die Gemeinden für ihre armseligen Honorarstellen, einmal die Männer fehlen, mit denen sie sie besetzen könnten. Vielleicht hielte dies der Correfpondent aus Hamburg für kein Unglück, und wäre mit den „jüdischen Hausvätern" zufrieden. Allein die würden doch wohl dabei nicht lange aushalten! — s. Preußen. Berlin, den 23. April. (Privatmitth.) Lustig und traurig zugleich ist die neueste Phase unseres jüdischen Communallebens: Der durch die Wahlen vom 23. Februar verworfene und zum Ausscheiden gedrängte Gemeindevorstand unterhandelt mit dem Polizeipräsidium wegen fortzusetzender Amtsführung mit einem Paragraphen deS Gesetzes vom 23. Juli 1847 in der Hand, dessen scharfsinnige Auslegung dem kritischen Geiste der Herren Vorsteher alle Ehre und vielleicht auch Erfolg bringt. Denn eS soll wirklich der Wunsch deS Vorstandes bei dem Decernenten der Behörde für erfüllbar erklärt worden sein, und es wird sich zeigen, ob an entscheidender Stelle man die Ansicht theilt, und ob die neuen Repräsentanten dazu schweigen werden. Daß die Herren Vorstandsmitglieder so fest an ihren Stellen kleben, ist gewiß nicht Ehr> und Habsucht, Parteizweck, Streben für Nepotismus, oder dergleichen, nein! eS ist das reine Bewußtsein ihrer Alleinfähigkeit, daS Judenthum zu retten; und eS ist diese Erscheinung um so erhebender, als die Männer, welche sich für die Rettung des Judenthums opfern, selbst keine Juden sind und also für unser Volk und unfern Glauben ohne Befangenheit und Vorurtheil kämpfen: die sämmtlichen Vorsteher nämlich, welche daS WahlauSfchreiben, daS letzte öffentliche Aktenstück, unterzeichnet haben, halten am Sabbath ihre Geschäftslocale offen, sind also dr'vnnvu nm Die bösen Wähler wollten sich nicht dazu verstehen, diese unparteiische Judenthums-Liebe zu würdigen, und wählten, im Widerspruche mit sich selbst, Reformer, welche nach Angabe des Vorstandes bei der Polizei keine Juden sind. — Am letzten Festtage fand eine seltene Feierlichkeit in der zweitgroßen Synagoge statt: Prediger Wolf, Religionslehrer der Töchterschule der Gemeinde, segnete mehre Mädchen ein, und die zahlreich anwesende Gemeinde konnte sich durch die Antworten der Kinder überzeugen, wie erfolgreich derReligionSunterricht hier geleitet wird. Die von Herrn Wolf dabei gehaltene Predigt hatte den Fehler, daß sie eine volle Stunde gedauert, und bei der Nicherfüllung des Tempelraumes, derTageshitze und dem voraufgegangenen stundenlangen Gottesdienste viele Zuhörer und sehr viele Zuhörerinnen den eingesegneten Kindern ähnlich eine öffentliche Prüfung bestehen lieA nämlich eine Geduldprüfung. Der gewissenhafte Herr Wolf giebt seinen kleinen Pfarrkindern stets volle Lehrstunden und glaubt bei großen Pfarrkindern dasselbe thun zu müssen. In der Kürze einer Predigt liegt ein Element deS homiletischen Erfolges, und das frömmste Publicum will nicht Erbauung auSstehen, Herr Wolf aber, mit einem an religiöser Warme reichen Herzen und mit einem kräftigen Organe begabt, hat sich daran gewöhnt, die Ohren aller Zuhörer für so kräftig, wie sein Organ und Redetalent zu halten. Irren wir nicht, so war es daS erste Mal, daß Mädchen aus dieser Gemeindeschule öffentlich confirmirt wurden, und die zweite Einsegnung in der Synagoge über-