Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1854)
- Date
- 1854-04-24
- Page
- Seite 210 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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21V Der arme Haufirer legt seinen Plunder bei Seite, zieht sein bestes Kleid an und erhebt seine gebeugte Gestalt. Und hier, glaube ich, ist gerade die tiefste Poesie des Festes und sein höchster Sinn zu finden; weil der festliche Mensch aus den Sclavenbanden der Alltagsarbeit und auS dem staubichten Elende sich erheben und sich zu einem idealen Menschen verwandeln soll, der nicht seiner engen Kammer, noch seinem dumpfen Nahrungsgeschäfte, sondern dem Universum angehört. Dies seltsame Volk kommt dann festlich zusammen, und wo fie nur sitzen mögen, in welchem fernen und feindlichen Winkel der Erde es sei, schauen fie sich als das alte Volk Israel an, als Abrahams und Jakobs Kinder, und als die Blüthe der Menschheit, welche Gottes eigene Hand mitten in die Welt gepflanzt hat. Ich wohnte dem Passafest im Ghetto bei. Zufällig kam ich zu der Kunde von dem Tage, weil ich, den Ghetto durchwandernd, vor jeder Thüre blankgescheuerte Kessel und an jedem Brunnen die Gefäße reinigen sah. Man sagte mir, es geschehe um des Ostersefies willen, das in einigen Tagen gefeiert werden solle. Das Osterfest der Juden gilt dem Andenken an die Auswanderung aus dem Aegyptenlande. Dem wundersamen Volk ist es ideelles Freiheitsfest und ein tröstlich prophetisches, zumal in Ghetto-Gefangenschaft. Nach den großen kirchlichen Feierlichkeiten der Char- und Osterwoche im Sanct Peter und in der Sirtinischen Capelle, welche im Verein so großer Werke und so großer Mächte die allerhöchste Production des christlichen CultuS find, ist es ungemein anziehend in jenem dunklen Ghetto-Winkel einer Osterceremonie Leizuwohnen, und hier die uralten, kaum veränderten Grundlagen für jenen katholischen Cultus Roms aufzustnden. Es find die Wurzeln dieses Cultus, und je prachtvoller der Baum sich entfaltet hat, desto tiefer begräbt sich seine Wurzel in die Nacht. Das Fest ward in der Synkgoge gefeiert. Ich sagte schon, daß die Synagoge der Juden Roms dem Palaste Cenci gegenüber liegt; fie vereinigt fünf Schulen in einem Hause, die seuola äel lempio, Catalana, Castigliana, Siciliana und Scuola Nuova, woraus fich erkennen läßt, daß der römische Ghetto in fünf Sprengel oder Parochien zerfällt, von denen jede eine gewisse besondere Art darstellt, je nach der vorherrschenden Nationalität der Judensprengel, deren Väter entweder seit altersher römisch-jüdisch gewesen find, oder von Spanien und Sicilien hergeleitet werden. Man sagte mir, daß der Sprengel del Tempio behaupte, vor allen andern Hebräern von den Juden unter Titus abzustammen. Jede Synagoge hat ihre Schulein welcher die Kinder nöthdürftig lesen, schreiben und rechnen lernen, Wissenschaften aber nicht gelehrt werden, und eine jede hat ihr Allerheiligstes, worin der Pentateuch aufbewahrt wird. . . Ich sah drei dieser Tempelsäle an dem Osterfeste. Die Armuth des Ghetto hat - sich hier Gold und Silber abgerungen, um ein mosaisches Haus in aller Stille und Heimlichkeit auszustatten. Schon von außen verräth sich das Synagogengebäude nicht allein durch Inschriften, sondern durch seinen vereinzelten Bausthl. Seltsam ist eS in seiner Dürftigkeit zu betrachten, und rührend die naive Aermlichkeit der Kunstmittel, mit denen die Juden ihr Gotteshaus gleichsam verstohlen und nächtlicherweile ausgeziert haben, in Rom, wo die Tempel, die Kirchen und Marmorsäulen in unübersehbarer Pracht sich ausdehnen. Es scheint, als hätten die Juden auS dieser Fülle deS römischen Marmors ein Paar kleine" Säulenstümpfe, ein Paar Capitäler und einige Marmorstücke hinweg gestohlen, um sie in ihr Gotteshaus in aller Stille einzufügen, daß es daran erinnere, wie einst der Tempel von Jerusalem so herrlich war. Das kleine Frontispiz, welches sie in der Mitte des Synagogengebäudes eingefügt haben, ist mit korinthischen Pfeilern geschmückt, und lehrt, daß auch in den Ghetto der römische. Baustyl eingedrungen ist. Auf dem Friese deS Hauses, dem man ansieht, wie es nach und nach sich erweiterte, prangt in Stuck das Abbild des fiebenarmigen Leuchters, die Harfe Davids, und die Cither Mirjams. Ein Schriftgelehrter hatte mich auf den Abend in den Tempelsaal eingeladen, wo, wie er sagte, die Vesper würde gesungen werden, und ich ein vortrefflich auSgeführteS Oratorium würde zu hören bekommen. Am Abend drängte sich demnach das Judenvolk vor dem Eingang der Synagoge. Auch Römer, selbst einige Priester, waren unter der Menge zu bemerken; wohl eine halbe Stunde ließ man warten, ehe aufgethan wurde. Es freute mich nicht wenig, zu warten und warten zu sehen, weil mich dies als ein Zeichen der Souverainetät ergötzte, geübt einmal auch von einer unterdrückten und verachteten Menschensecte. Als nun die Thüren sich aufthaten, stieg man über enge Stiege in den Tempelsaal. Ich sah die stattliche Judensynagoge Livorno's, die reichste vielleicht in der Welt; doch erschien sie mir bei weitem weniger merkwürdig, als diese Tempelzimmer des römischen Ghetto'S. Das HauS in Livorno ist groß, vornehm und nüchtern; die Tempelzimmer in Rom find klein, ganz alt, höchst malerisch, bizarr und fremdländisch. Durchaus in der Weise der ka-