Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1854)
- Date
- 1854-04-24
- Page
- Seite 208 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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208 sicherlich werden im Falle der Noth viele andere Gemeinden Nachfolgen. Das Gesetz sagt ausdrücklich, daß der Regierung bei der Wahl von CultuSbeamten — und .ein Anderes ist doch wohl ein .königlicher Landes- -rabbiner auch nicht — nur die Erklärung zusteht, ob die gewählten Männer unbescholten sind (§. 52.) Abgesehen hiervon steht der Regierung nach dem Gesetze die Aufsicht über die gesetzmäßige Verwaltung der Gemeinden zu (§. 49.) Was aber die Cultuseinrichtungen betrifft, so besagt K. 51. ausdrücklich: „Die auf den CultuS bezüglichen inneren Einrichtungen bleiben in jeder einzelnen Synagogengemeinde, so lange und so weit nicht das Statut ein Anderes festsetzt, der Vereinbarung des Vorstandes und der Repräsentanten überlassen. Die Regierung hat von diesen Einrichtungen nur in so'weit Kenntniß zu nehmen und Entscheidung zu treffen, als die öffentliche Ordnung ihr Einschreiten erfordert." So wörtlich das Gesetz. Man müßte also wirklich neugierig sein, worin die Functionen des Herrn Tiktin bestehen sollen! Nein! Wir können den Titel, der Herrn Tiktin geworden, als eine ehrenvolle Auszeichnung betrachten, derer sich diejenigen freuen mögen, welche ihm nahe stehen — aber weiter nichts! Oesterreichischer Kaiferstaat. Wien, 3. April. (Privatmitth.) Alles Interesse wird jetzt von der Politik absorbirt. „Das Schlachtroß steigt, die Trompeten klingen." Es ist auch übrigens gar kein Wunder, wenn Alles daran Interesse nimmt. Abgesehen, daß leider bei uns der Einfluß der hohen Politik auch bei Stubenmädchen und Köchinnen sich geltend macht — durch das Silberagio und den Preis der Lebensmittel — so ist sich auch andererseits nicht zu täuschen, eS ist das kein Kampf um etwas in der Welt; er gehet und wird geführt um die Welt. Und da sind wir Juden allerdings dabei betheiligt, da handelt eS sich auch um unsere Interessen. ES ist jetzt eine Phrase, die gar lieblich klingt, und manchem Spießbürger einen Moment der Ruhe gönnt, sie heißt „Neutralität." Da wird von deutscher Größe und Macht und so weiter geschwatzt, aber bei Leibe nur neutral bleiben. Als wenn es möglich wäre, wenn der Boden wankt und Alles aus den Fugen tritt, ruhig zu stehen und zuzusehen. — Doch es ist nicht meine Absicht, hier einen politischen Artikel zu schreiben. Ich wollte nur die. Juden entschuldigen, wenn sie so theilnahmsvoll sind. Wo um die Welt, wo um die Civilisation gekämpft wird, ..da sind allerdings unsere Interessen mit auf dem Spiele. Bei dieser Gelegenheit sei eS auch bemerkt, daß die vielfache verehrliche „Kreuzzeitung" in Berlin jüngst berichtet hat, daß unter den 72 politischen Journalisten in Wien 64 Juden sind. Ich habe mir Mühe genommen und erfahren, daß hier im Ganzen zehn, sage zehn Israeliten mit politischer Publicistik sich befassen, worunter vier sind, die blos da und dort auS französischen und englischen Blättern u. s. w. übersetzen. Indessen es ist das wohl nicht die erste Lüge dieser verehelichen Partei*). — Der Plan zum neuen Tempel wurde bereits vom Cultusministerium genehmigt und auf Veranlassung deS H. Chefs der obersten Polizei ist die Angelegenheit Sr. Majestät vorgelegt worden. ES ist aber kein Zweifel, daß die Sache gebilligt wird, dann wird ernstlich Hand an den Tempel gelegt werden, und die Einzahlungen, von denen bis jetzt blos die erste Rate einging, weil der Vorstand das Geld nicht aufnehmen wollte, um nicht die Interessen dafür zu zahlen, werden wieder ausgenommen. — Zur Hochzeitsfeier Sr. Majestät des Kaisers sollen mehrere arme Brautpaare auSgestattet werden. Unter denen, die die Beisteuer leisten, finden sich auch, wie gewöhnlich, wo es wohlthätige Zwecke gilt, viele Juden mit namhaften Beiträgen. — Herr Gemeinderath Wilhelm Boschan wurde zum Verwaltungsrath (Director) der niederösterreichischen EScomptegesellschaft gewählt, zugleich als Censor der Nationalbank. Lemberg, 1. April. (Privatmitth.) Unter den hier erscheinenden Blättern in polnischer Sprache zeichnete sich eines, der „Telegraph" seligen Andenkens, durch seine überall hervortretende judenfeindliche Tendenz auf eine eigene Weise auS. Es hatte zu diesem Ende eine besondere Spalte, unter der Aufschrift: *) Und wenn diese Zahl der „Kreuzzeitung" noch zu Viele sind, so erwäge —- nicht die „Kreuzzeitung" und ihr Gelichter, sondern — jeder Nornrtheilslose, daß man ja den intelligenten Köpfen unter den Juden wieder jeden Weg verrammelt hat, aus welchem sie zu Brod und Ehre gelangen könnten! Redact.