Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1854)
- Date
- 1854-04-24
- Page
- Seite 205 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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205 Die Befürchtung, daß die Müfti's es den Rabbinern und Staats-Christen an Toleranz gegen die Juden zuvorthun möchten, und daß die Juden verschiedener germanischer Staaten am Ende den Sultan zu bitten haben würden, er möge sich für sie bei ihren respectiven Regierungen und Legislaturen wegen Erlangung einer gerechten bürgerlichen Gleichstellung verwenden, diese Befürchtung scheint doch noch nicht in Erfüllung zu gehen; denn die Rothschild'sche Anleihe ist nicht zu Stande gekommen und der Cadi will auch keine jüdische Zeugen gegen Moslems zulassen. Partout comme chez nous. Die Rabbiner in Stambul werden sich freuen, denn sonst hätten sie auch muselmännische und christliche Zeugen vor ihren Beth- Dins zulassen müssen, und vielleicht obendrein die Macht verloren, ihre unbemittelten Glaubensgenossen auSpeitschen zu lassen. Es geht nicht so rasch mit solchen Reformen! In dem Getümmel des Kriegs, da verspricht man wohl einmal in der Hitze etwas, aber wer wird denn verlangen, daß ein solches Versprechen nachher erfüllt werde? Exemplasunt odiosa. Aber bei dieser Gelegenheit muß doch eine andere Misere zur Sprache gebracht werden. Seit einiger Zeit haben sich in deutschen, englischen, amerikanischen und selbst französischen Blättern Romantiker m.it dem Wunsche hören lassen, es möge doch eine Art von Judenstaat in Palästina errichtet werden: Nun, in Herametern oder in Terzinen, sogar in Makamen macht sich daS Ding recht artig. Aber ich behaupte, daß kein größeres allgemeines Unglück die Juden treffen könnte, als wenn — was haben Staatsmänner nicht mitunter für Grillen? — auch nur der geringste Versuch dieser Art gemacht würde. Nur der Wahnsinn kann behaupten, daß das talmudische Judenthum, wie es sich — freilich mit unglaublicher Geschicklichkeit überall den Orts- und Zeitumständen Rechnung tragend — seit 1500 Jahren, ja eigentlich seit dem ersten Eril entwickelt hat,' auch nur die mindesten Elemente zur Bildung dessen, was wir einen Staat nennen, enthält. Ein innerer, irgend leidlicher Zustand, der überdies noch nicht einmal daS Embryo einer Geculla Schelema wäre, ist dabei undenkbar, und auch nur der Schatten äußerer Selbstständigkeit ist es noch mehr. DaS Einzige, was eintreten könnte, das wäre eine beiläufige Erledigung der Heiligen-Stätten- Frage; denn Griechen, Armenier und Lateiner würben wahrscheinlich an^ jedem Osterfeste, statt sich unter einander, gemeinschaftlich die Juden abprügeln. ES ist aber nothwendig, daß vernünftige Juden überall diesen Auswüchsen einer richtungslosen Presse, die unfern Feinden aber Wasser auf die Mühle liefert, gebührend entgegen treten. Ein curioseS Beispiel, wie sich die Anschauungen über Juden und jüdisches Wesen in den Generationen fortpflanzen, finde ich in der neuesten Literatur. Der Herr Ktencke hat in dem zweiten Bande seines literarhistorischen Romans: „Der Parnaß in Braunschweig" ein jüdisches Mädchen geschildert, gemalt hätte ich gesagt, wenn nicht die unvermeidlichen Rabenlocken, breite Schultern, voller Busen, feiner Teint, gebogene Nase u. s. w. nicht schon immer vorher fertig lägen, wo ein Judenmädchen auftreten soll. Nun, daß dies- Mädchen 1779 mehr Bildung besitzt', als seine Umgebung, ist in herkömmlicher Ordnung, eben so, wie daß sie sich zuletzt taufen läßt; aber sollte man'S denken, daß noch heutzutage keine besseren Stützpunkte für ihre Geschichte sich finden, als daß sie, schön, klug, reich und vornehm, gar keine andern jüdischen Freier finden kann, als krummbeinige, jüdelnde Pulthusaren, gar polnische Rabbinerjünglinge, und daher erst eine unbestimmte, nachher eine ausgesprochene größere Sympathie für großgewachsene, bloßhalsige, christliche Kraftknaben empfindet, daß vorzüglich die grübelnde Bewunderung der sirtinischen Madonna sie — heutzutage, wo ein und derselbe Mendelssohn die Antigone, die Walpurgisnacht, ElM und Paulus verherrlicht hat, sie innerlich zur ChrMn macht, und gar, daß dem jüdischen Vater das absolute, widerspruchlose Verfügungsrecht über seine Töchter als fester Bestandtheil der religiösen Satzungen des JudenthumS zustehend daS ganze Buch hindurch dargeftellt, und dieser Tochter selbstredend eben so wenig Gefühl für ihre jüdischen Eltern beigemeffen wird,'als Shylocks Tochter Jesstda. Bei diesem deutschen Scribenten könnte man wahrlich das boodol vor wa vor amedu alenu parodirend anwenden! Ich glaube, Herr Klencke wäre im Stande, einen neuen cumberländischen Juden jetzt zu schreiben*). , *) Man kann sich übrigens beruhigen, wenn man sich erinnert, welche Figuren Herr Klencke aus Lessing, .Herder, der Karschin u. s. w. macht, oder, wie Prutz sagt, wie Klencke die geistigen Heroen unserer deutschen Literatur „einschlachtet und Wurst daraüs macht" — an die Lachmann'sche Geschichte nicht zu erinnern. Redact.