Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1854)
- Date
- 1854-04-24
- Page
- Seite 202 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2VL wollen — sondern die wir wecken, nähren, fördern, befestigen .und mit Stolz düräuf verweisen wollen, eine Solidarität, welche in der altern Zeit wohl gekannt war, in der neuesten Zeit wieder erstanden ist, aber während der Verknöcherung innerhalb des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts verschwunden war, weil damals der Jude in der That nur die Gemeinde loci kannte, und über deren enge Grenze hinaus nichts für ihn eristirte. Diese wahrhafte Solidarität der Juden ist: die Theilnahme Aller an der Selbstständigkeit (Integrität und Autonomie) unseres Glaubens, an der Verbreitung der menschengeschlechtlichen Bildung unter unseren Glaubensgenossen und an. der Durchführung und Verwirklichung der bürgerlichen Gleichstellung durch die ganzeWelt. Für diese drei Momente haben wir Allesammt einzutreten; in diesen muß „Einer für Alle und Alle für Einen" stehen; für diese haben wir Opfer zu tragen, und können wir Opfer verlangen. Die Selbstständigkeit unseres Glaubens — denn für diesen eristiren wir als Juden, für diesen haben unsere Väter die Verfolgungen der Jahrtausende getragen, in diesem haben wir unsere Mission, die Befriedigung unserer Selbst; von diesem jeden Einfluß von außen und jeden Zwang von innen fern zu halten, ist unser Aller Pflicht, in deren Erfüllung weder Meer und Gebirge, noch politische und nationale Grenzen einen Unterschied hereinbringen. Die menschengeschlechtliche Bildung aller unserer Glaubensgenossen — denn mit Nichten widerstreitet diese unserer Religion in ihrer Wesenheit, sondern vielmehr liegt in der Religion Moscheh's und der Propheten das Ziel- und Endpunkt der menschengeschlechtlichen Entwickelung; aber gerade darum ist der Stamm Judas überall berufen, einen lebendigen Antheil an der Cultur zu nehmen, welche bei aller Einwirkung des Heidenthums doch auch wesentlich von der „religiösen Idee" influencirt worden ist. Jeder Theil der jüdischen Glaubensgenossenschaft, welcher der Cultur fern bleibt, finkt unaufhaltsam zur untersten socialen, dann intellektuellen, und endlich auch religiösen Stufe herab, und da der jüdische Stamm keinen nationalen Mittelpunkt mehr, sondern vielmehr seinen Beruf in aller Welt hat, so dürfen die anderen Theile desselben nicht dulden, daß bedeutende Massen von ihm also untergehen. Noch näher liegt es, daß, so lange in bedeutenden Lheilen der Welt den Juden als solchen die bürgerliche Berechtigung entzogen wird, auch überhaupt diese Idee nicht cvnsolidirt, nicht abgemacht und unantastbar geworden ist. Erst durch die allgemeine Berechtigung der Juden überall —wir meinen, in allen größeren'Staaten- Rudolstadt und Luzern mögen immerhin Ausnahmen bilden — ist die Aufgabe des Judenthums in der neuern Zeit, sich als Religion innerhalb der menschengeschlechtlichen Cultur und bürgerlichen Gleichberechtigung zu erhalten und auszuarbeiten, gesichert. Es war eine Zeit, wo alles Zusammenwirken zu solchen Zwecken uns sehr übel genommen, wo alsbald von Koterie, Kameraderie und dergleichen geschrieen ward; gerade zu einer Zeit, wo sich nur erst schwache Funken dieses gemeinsamen Bewußtseins und Interesses in den Juden selbst zeigten. Die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" pflanzte in diesem Bewußtsein und für dieses gemeinsame Interesse, für diese Solidarität ihre Fahne auf, und ist ihr bis heute nicht untreu geworden. Alles Andere war ihr stets Nebensache — Hauptsache blieb ihr: Selbstständigkeit unseres Glaubens (gleichbedeutend mit dem Kampf gegen jeden Glaubenszwang von außen und innen —), menschengeschlechtliche Bildung aller unserer Glaubensgenossen und bürgerliche Gleichberechtigung für unsere Glaubensgenossen in aller Welt. Auf diesen drei Momenten hielten wir immer das Leben, die Erhaltung und die Erfüllung unserer Religion in unserer Zeit beruhend; ohne sie bloßes Vegetiren; für sie daher aller Kampf, alle Anstrengung, alle Aufopferung — jedoch nur auf ächt israelitischem Wege, d. h. auf dem Wege des Geistes und der Entwickelung: „fürchte Gott und den König!" Und gerade darum können wir nicht allein nicht anstehen, sondern müssen es für eine dringende Pflicht aller unserer Glaubensgenossen in allen Ländern erklären: unfern Brüdern im Orient zu Hülfe zu kommen! Es heißt hier zuerst: die bürgerliche Berechtigung auch für sie zu erlangen; dann: nicht bloS auf dem Papiere, sondern auch in Wirklichkeit; dies Letztere ist aber nicht Sache der türkischen Regierung, sondern der Juden selbst, welche aus ihrer Indolenz, aus ihrem Schlummer, aus ihrer Unthätigkeit geweckt und erhoben werden müssen; dies Letztere kann aber nur dadurch geschehen, daß sie in intellektueller und industrieller Beziehung zur Höhe der menschengeschlechtlichen Bildung gebracht werden. Hierzu den Impuls, den Anfang, die Gelegenheit, die Eröffnung der Bahn zu geben, ist der Beruf, ist die heilige Pflicht der europäischen und amerikanischen Juden! Wehe, wenn