Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1854)
- Date
- 1854-03-27
- Page
- Seite 156 (sequence 6)
- Language
- German
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156 diesem Jahrhundert angehören, haben die Bänke der christlichen lateinischen Schulen und Gymnasien abgeseffen, ist dadurch die Toleranz gefördert worden? — Mit Nichten! Wo in der Literatur es spukt, da müssen die Gespenster „Judenjungen" sein. Die Religion ist dadurch bei allen ReligionSgenoffenschaften unterwühlt worden. -- Es kann unter solchen Umständen nur gerühmt werden, daß viele israelitische Familienväter in Stuttgart auf Gründung einer israelitischen Elementarschule dringen, besonders da die politische Gemeinde — die Stadt — den Etat einer israelitischen Gemeindeschule zu bestreiten hat. Sollte nicht der Sitz der israelitischen Oberkirchenbehörde in allen religiösen Angelegenheiten dem Lande als Muster voranleuchten? — Eine israelitische Volksschule in Stuttgart könnte zugleich mit sich eine Musterschule für jüdische Schulaspiranten verbinden-, der Rabbine Stuttgarts' und dessen Vicar könnten; die Schulamtszöglinge in der mosaischen Glaubenslehre unterrichten. — Aber zu was Vorschläge und Hoffnungen bei der unverbesserlichen Blafirtheit gewisser- Schichten unseres Volks! So ist im Laufe des Jahres 1853 die Stelle eines Oberkirchenvorstehers durch den Tod des seligen vr.DreisuS erledigt worden, die Königliche Oberkirchenbehötdd schlägt nun dem Königlichen Ministerium drei Personen vor, von denen dasselbe eine zu der Stelle ernennt. Nun haben die Israeliten vom Lande Agitation dafür in's Werk gesetzt, daß auch. die orthodoxe Richtung bei der Königlichen Oberkirchenbehörde vertreten werde, der Herr Cultusminister selbst soll sich dahin geäußert haben, daß die Königliche Regierung dem Wunsche der Israeliten deS Landes Rechnung tragen wolle. Die Orthodoxen schlugen den Weinhändler Hirsch aus Stuttgart als ihren Vertrauensmann vor. ~ Die Königliche Oberkirchenbehörde nahm diesen Vorschlag auch in ihrer Präsentation an die Königliche Regierung neben zwei anderen Namen auf. — Ein anderer Theil der Israeliten Württembergs, besonders die Städter, Aerzte und Rechtsconsulenten, protestirten gegen die obigen Vorschläge und designirten den Privatgelehrten Adolph Levi, Vorsteher der israelitischen Waisenanstalt, als ihren Vertrauensmann. Auch diese Petition wurde mit vielen Unterschriften bedeckt. Doch ließ sich diese Petition in Reflexionen über den von der orthodoxen Parthei vorgeschlagenen Kandidaten aus, die entschieden ungerecht und unbillig waren. ES kann gewiß dem achtbaren, allerseits geschätzten von seinen-Verehrern in den Vordergrund gestellten Herrn Adolph Levi nicht damit gedient sein, und wir sind es-überzeugt, er mißbilligt derartige Agitationen, wenn irgend rin Charakter oder eine Persönlichkeit angegriffen wird, wo man eS nur mit-dem Princip zu thun hat. — Wenn die Israeliten des Landes, die der Orthodoxie angehören, in der kirchlichen Oberbehörde vertreten sein wollen, so ist dieses ein gerechter Wunsch. Zwar kann sich in Beziehung auf Befähigung, Charakter und Uneigennützigkeit gewiß kein Candidat mit Herrn Levi messen, aber Vertreter der Orthodoxie wird er nicht sein wollen. ES handelt sich nun darum, von welchen Principien das Königliche Cultministerium bei der Wiederbesetzung der OberkirchenvorsteherSstette leiten läßt - - wird' die intellektuelle Tüchtigkeit den Ausschlag geben, oder soll eine bestimmte religiöse Anschauung berücksichtigt werden? — : Unser Waisenverem hat in der theuern Zeit schwer zu kämpfen, und nur die unermüdliche Thätigkeit deS Vorstehers Adolph Levi bringt es dahin, daß die Pflegebefohlenen keinen Mangel leiden. Durch die Fürsorge, des Vorstandes wird auch englischer Unterricht in der israelitischen Waisenschule ertheilt, weil die Eleven der Anstalt, wenn sie derselben entwachsen sind, öfters in Amerika ihr Auskommen zu suchen gezwungen sind. Nach dem jüngsten Rechenschaftsbericht beträgt das Vermögen der „Wilhelmspflege" 29,500 Gulden. — Unsere Städte nehmen, wie oben bemerkt, an israelitischer Bevölkerung zu, so wächst Ulm zu einer ansehnlichen Gemeinde an; zu bedauern ist eS, daß sich Di*. Heß vom Vorsteheramte zurückgezogen hat und durch Privatintereffen die Führung des Gemeindehaushalts erschwert wird. ES ist dies daS alte Lied, das schon Heinrich Heine gesungen : „Ich liebe die Alten und liebe die Neuen, ich schwör es beim ewigen Gotte" rc. Auf kirchlichem Gebiete ist in diesem Jahre nichts Erhebliches geschehen. Von den Visttationen deS Kirchenraths Maier wurde schon in diesen Spalten berichtet, dieselben wirken wohlthätig, Nur meinen die Leute vom Lande, daß eS eine Anomalie sei, in der Provinz das zu verlangen, was in der Hauptstadt am Sitze des Collegiums der Centralkirchenstelle nicht ausgeführt wird. — Dieser Vorwurf kann nicht, die