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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1854-03-27 · Heft 13 (27.3.1854) · p. Seite 153

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
18 (1854)
Issue
Heft 13 (27.3.1854)
Date
1854-03-27
Page
Seite 153 (sequence 3)
Language
German
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153 machen, da sie in der Hauptsache gewiß noch heute die Wahrheit schildern. Es heißt da*): „Vor zwei Jahren waren es der Jahre dreihundert (1538) , daß Schiffe mit spanischen Juden gen Constantinopel fuhren, und beim Sultan um Erlaubniß nachsuchten, sich daselbst niederzulaffen. Es kam eine eigene Stipulation zu Stande, die sehr weitläufig ist, und viele der wunderlichsten Bedingungen enthält. Sie mußten Alles eingehen, kauften sich und bauten Häuser in Chaskioi, und wurden als Chasraja (Chas heißt echt, lheuer) den sämmtlichen Raja'S (Nicht-Türken) gleich gestellt. Sie müssen, wie jeder Raja, den Haradsch (Kopfsteuer) entrichten, der aber sehr mäßig ist. Sie hatten ungefähr 100 Familien griechischer Juden vorgefunden, die aber in großem Elend standen, sie selbst brachten sehr bedeutende Reichthümer mit. Seit der Zeit haben sie wechselnd bald in höherem, bald in geringerem Ansehen gestanden, sie waren ausgezeichnete Astrologen , Aerzte, sie waren Zoll- und Steuerpächter, Banquiers der Pascha's, die Zwischenhändler der großherrlichen Münze und dergleichen mehr, bis im Jahre 1827 der im höchsten Ansehen stehende Kamonho auf Befehl des Sultans, weil er die Ausführung eines vom Sultan erlassenen Todesbefehles Hintertrieben, an einem Freitag Nachmittag hingerichtet wurde**). Seitdem sanken sie immer mehr, wurden aus. allen Positionen, namentlich von den katholischen Armeniern, die unter französischem Schutze stehen , verdrängt, und so einfiuß- und schutzlos. Jeder christliche Raja findet einen Annehmer, wer vertheidigt den Juden? Niemand... In Constantinvpel wohnen mindestens 60,000 Juden, und zwar in fünf Stadtvierteln, in jedem dieser aber in besonderen Quartieren. Ein jüdisches HauS erkennt man stets aus allen anderen heraus, durch die Verfallenheit, zerbrochenen Fenster, die spitze Winkel haben, und besonders an der Wäsche, die zu aller Zeit zum Trocknen vor - den Fenstern, auch des Reichsten, hängt. Nur muß man den Juden am Sabbat von dem Juden an den Wochentagen unterscheiden. Am Sabbat richtet seine gebeugte Gestalt sich wieder auf, nimmt die spanische Grandezza wieder an, da ist jedes" Gesicht gewaschen, Alles erscheint in weiß gewaschenen Kleidern u. s. w. Leider! kommt nur der Jude am-Sabbat nicht aus sei- *) Wir bitten die Briefe selbst zu lesen 1840 9fr. 7. 8. 10. . ■' ' **) ES war dies doch wohl nur der äußere Ausgangspunkt, der währe Grund lag in dem seid langer Zeit vorbereiteten Verfall in geistiger Beziehung: •. Redact. nem Quartiere heraus! Am Sonnabend Abend wird der Jude traurig, fällt zusammen, am andern Tage ist er wieder in den Schmutz der Woche versunken , Alles ist unreinlich an ihm, um ihn, namentlich die Frauen mit den schmutzigsten Gewändern behängen, wer ihn sieht, muß ihn verachten, vermeiden... Die 6O,OO0 Juden Constantinopels sind theils Handwerker aller Art, und die Bedürfnisse der Juden selbst werden nur von Juden beschafft, Maurer, Zimmerer, Schmiede, Bäcker u. s. w. Einige Gewerke werden nur von Juden betrieben, wie Diamant-, Glasschleifen. Theils sind sie Makler der christlichen Kaufleute, Händler aller Art u. s. w. -r- Eine abstoßende Erscheinung auf der Straße bilden die jüdischen Frauen, ihre Kleidung die unpassendste, am wenigsten kleidsam/ sie schürfen in ihren Pantoffeln einher, mit lautem Geschwätz in ihrem Jargon. Denn der Jude spricht noch jetzt ein höchst verdorbenes Spanisch mit unzähligen Brocken anderer. Sprachen, namentlich der heiligen Sprache, vermischt. — Sämmtliche Juden Eonstantinopcls stehen unter einem Chacham - Baschi. Derselbe repräsentier die Gemeinde bei der hohen.Pforte, zieht den Haradsch ein , und übt die Gerichtsbarkeit bis auf Leben und Tod , in religiösen und bürgerlichen Dingen zwischen Juden; sein Ausspruch ist unumstößlich, Bastonnäde verhängt er nach Gutdünken. Der Chacham-Baschi, dem türkische Kavassen (Gensd'armen) zu Gebote stehen, wird von den Vorstehern der Gemeinden aller Quartiere ernannt und der Pforte vorgefchlagen. Sie wählen — nicht den Gelehrtesten, denn den und seinen „Fluch" fürchten sie allzusehr, sondern — einen Mann, den sie leiten zu können glauben. — Neben einigen reichen Individuen herrscht unter den Juden Constantinopels außerordentlich viel Armuth, ohne daß, außer einem Pesthospital, Armenanstalten beständen. Sie stehen aber im Rufe der Ehrlichkeit den Armeniern und Griechen voran. — Die Kinder lernen in den jüdischen Schulen nichts als eorrect hebräisch lesen, weiter gar nichts. Im achten Jahre verläßt das Knäbchen die Schule, und geht — in's Geschäft, oder in's Bet Hamidrasch , wenn er Chacbam werden will. Es ist dies nicht schwer, denn den Pilpul kennen sie nicht, sie nehmen die großen Commentatoren des Talmuds trocken Wort für Wort, wie sie da stehen; in der heiligen Sprache werden sie selten firm, eS ist verdorben, was sie sprechen, oder vielmehr flottem. Dies ist die ganze Erziehung des türkischen Juden! Die pünktliche Beobachtung des Gesetzes steht unter der Wacht deS Chacham-Baschi und seines Synedriums, die nicht mit

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