Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1854)
- Date
- 1854-01-09
- Page
- Seite 22 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Schritte in völliger Dunkelheit. Dann wandte man sich, wenn man die Oertlichkeit kannte, um eine scharfe Ecke, drängte sich einige Schritte durch einen engen Gang, und siehe, ein freundliches Gemach, licht, breit, hoch, ausgerüstet mit einfachen, aber brauchbaren Gerüchen liegt vor uns. Woher das Licht kam? Man merkte es kaum, denn es war die Felswand durch lausend kleine Löcher nach allen Richtungen hin durchbohrt, welche zusammengenommen sehr viel Licht und Luft hereinließen, ohne daß sie von außen wie bemerklich waren. Außerdem sah man von der Hinterwand noch andere Gänge auslauftn, die wohl in andere Räume führten. In dem Gemache saß ein Greis auf einem kleinen Divan, auf seinen Knieen lag eine Rolle, in der er las. Es war eine Gestalt, wie sie da saß, die großen Eindruck, wenn auch einen gemischten, machte. Er mußte lang, hager, mit engem Brustkasten und schmalen Schultern sein) der Silberbart fiel in zwei langen Spitzen herab. Welch' fester, strenger Mund, die eingefallenen Backen unter breiten Jochbeinen) welche hohe, viereckige, felsige Stirn, an der keine einzige Furche haftete; aber die hochgerötheten Wangen, das große, rollende Auge mit dem stechenden Blickwelch' ein Denker, welch' eine Selbstüberwindung, welche Gewalt der Hingebung, aber auch diese Leidenschaft, diese unerbittliche Strenge, keine Schonung, keine Nachsicht.... keine Liebe?.. In diese Schlucht, in diese Felsengrotte gehörte solch ein Mensch.... Der Jüngling war rasch hinaufgeklettert, rasch hatte er die Vorhöhle, den Gang zurückgelegt, rasch trat er in das Gemach, aber wie er den Greis erblickte, trat er zurück, dann aber eilte er auf ihn zu, warf sich fast zu feinen Füßen, und küßte wiederholt seine Hand. „Was ist Dir, Ben Babusch?" sprach der Greis. „Hier Dich zu finden, Dich, das Licht Jsrael's.... und während Juda Deiner so sehr bedarf?.... Du geflüchtet, Du verborgen.... und so schuldlos....." „Wünschtest Du es anders, lhörichter Jüngling?.... und wer sagt Dir schuldlos?.... Hier auf Erden leidet Niemand schuldlos, Alles ist gerechte Vergeltung Gottes, und so Du heimgesucht wirst, untersuche Dein Leben, bis Du gefunden, wofür Du die Sühne unterlassen, daß sie Gott sich selbst nimmt.W.." „Ach, mein Lehrer!.." erwiederte zögernd der junge Mann, „wenn ich Dich verfolgt, verbannt, im Schooße der Erde verborgen sehe — kann ich Deinen Worten kaum glauben...." , „Wie? Du frevelst, Wahnwitziger? In einem und demselben Augenblicke, mit einem und demselben Hauche Deines Mundes sündigst Du wider Gott, den gerechten Richter, und widersprichst Deinem Lehrer — hast Du nun nicht gerade den Schmerz als Strafe verdient, den Du bei meinem Anblicke an diesem Orte empfandest?.... Bedenke, Unerfahrener, warum ist Hillel nicht an diesem Orte? warum sitzt er jetzt ruhig in seiner Schüler Mitte, und mildert des Volkes Weh, und laßt das Licht der Lehre nicht verlöschen in unsrer Mitte?.... Merkst Du nicht die gerechte Vergeltung?...." „Weil Hillel frühzeitig Frieden schloß mit Her ödes dem Wüthrich, und ihm Nachgiebigkeit erwies, und...." „Unverständiger, der Das nicht begreifen will — weil ich von jeher hitzig, leidenschaftlich, ohne Geduld, hartnäckig, wild — darum bin ich in die Eingeweide der Erde geschleudert, um da Ruhe und Frieden zu finden; weil ich das Schwert des Gesetzes zu scharf und spitzig geschliffen, daß sich Tausende daran verwundeten — darum ist es jetzt ganz meiner Hand entwunden, weil —" „Halt ein, Rabbi, mit Deinen Selbstanklangen; Du vergissest Deiner unermeßlichen Verdienste...." „Und Du der unermeßlichen Herrlichkeit, die mir Unwürdigem der Gott Jsrael's verliehen, auf dem Stuhle seiner Propheten und Richter zu sitzen.... ja, schweig, denn Du bist kleinlich, niemals wirst Du...." da stockte der Greis, er schlug sich vor die Stirn, und versank in tiefes Nachdenken. Nach einer Weile blickte der Greis in die Höhe; der Jüngling stand noch in der früher» Stellung da. „Ja, ich bemühe mich, jene Strenge und Leidenschaftlichkeit zu mäßigen, die mich Zeit meines Lebens geleitet haben, und vielleicht gelingt es mir in dieser Einsamkeit — aber Jüngling, nur mäßigen, nicht unterdrücken! Denn auch Hillel's, des großen Weisen, Ruhe und Sanftmuth und Nachgiebigkeit ist ein arger Fehler, und wird jetzt streng gerichtet-daß er jetzt in Jerusalem leben, daß er Herodes den Frevler vor sich sehen, daß er sich vor ihm beugen und seine Gräuelthaten, wenigstens durch Stillschweigen gut heißen muß — o welche Pein! lieber in dieser Felsenhöhle, wo der Tropfen Wassers gemessen, und das gedörrte Weizenkorn gezählt werden muß. Dies ist die Vergeltung. ... denn wenn an j e n ein Tage meine Stimme durchgedrungen, hätte Hillel nicht Besonnenheit und Zurückhaltung gepredigt, so wäre das Diadem Juda's nie von der Stirn des „elenden Jdumäers" entweiht worden...."