Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 16 (1852)
- Issue
- Heft 52 (20.12.1852)
- Date
- 1852-12-20
- Page
- Seite 625 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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«25 Kurland ein gewisser Rabbiner, der auch die deutsche Sprache versteht, und aus Neurußland, nämlich aus Odessa, ein Laie, der auch die russische Sprache gelernt hat. Man forderte auch aus Litthauen einen talmud- und sonst gelehrten Mann, der aber unter dem Vorwände, daß seine Geschäfte ihn dorthin zu reisen hinderten, zurückblieb. Außer dem Gelbe für Postpferde erhielt noch jedes der Mitglieder von seiner Ortsbehörde einen Reisepaß, worin eS auch „zur Kronegehörige Bedürfnisse" eingeschrieben wurde. Da aber jede Erscheinung im weltlichen Handeln, und Wandeln den von allen Dingen der Welt abgesonderten und ganz unbewußten Rabbinen Rußlands oft sehr erregt, so war auch eine Reise, per Post und nach der Residenz, unserm wolynaer Rabbi als eine sehr seltene Erscheinung vorgekommen. ES fiel ihm zentnerschwer auf's Herz, zuerst die Umkleidung und der Umtausch seiner vorigen alten seidenen Kapote, welche er stets nach dem jüdischen Schnitt getragen, in einen von Tuch, und nach der russischen Manier zugeschnittenen Surduck umzuwandeln, seine, langen Haare mußte er länger« Befehle nach nun jetzt doch kürzen lassen, und wie wird er doch endlich Etwas verstehen, was ihn auch in der Residenz in der russischen oder sonst außer der jüdischen Sprache gefragt werden soll.... DaS Glöcklein deS Postwagens verkündete indessen dem beklommenen Rabbi die Annäherung an sein Reiseziel. Schon sah man den Wagen mit einem Mitglieds der Rabbinerkommission zu P. dahinrollen, und der Letztere freute sich doch heimlich/ wie er in P. in Angelegenheiten des JudenthumS .sogar mit dem Minister viel sprechen, streiten und urtheilen wird. Mit solchen und dergleichen Gedanken fantasirte der Deputirte aus der wolynaer chasidischen Gemeinde, während' er in P. anlangte, um auch dort seine Meinungen und-Uriheile in Angelegenheiten der jüdischen Literatur rc. in Gegenwart der Rabbinersession aufzutischen. — Es wurden ihnen Anfangs einige Fragen in Betreff der jüdischen Angelegenheiten in der russischen Sprache schriftlich vorgelegt, und die Männer verwunderten sich untereinander, die aus Wolhynien und Weißrußland herkommenden Rabbinen haben doch noch von ihrer Jugend her die russische Sprache durchaus gehaßt, wie streng ist doch das Verbot, besonders der chassidischen Gelehrten, sich mit nicht-jüdischen Schriften etwas zu beschäftigen, da laut ihrer Lehre sogar selbst ein Schauen auf nicht-jüdischen Buchstaben, die Augen verunreinigt, der aus Kurland hergeschickte Rabbiner soll zwar das Deutsche verstehen, aber von Russisch hat er Nichts gehört, und nur der odeffaer Deputirte hatte als dortiger Kaufmann daS Russische gelesen, er erschien also Gelehrter in der Rabbinerversammlung, obwol sogar deutsch gekleidet und den Bart rasirt. Im Juli 1852 saßen in den Mauern zu Petersburg in einer besondern Abtheilung des VolkSaufklärungSministeriums die dorthin geforderten und von den jüdischen Gemeinden zu Wolhynien, Kurland, Neu- und Weißrußland auserwählten Rabbinen, um sich in Angelegenheiten ihrer Glaubensgenossen zu berathen und zu urtheilen. Man legte ihnen.von dem Ministerium zuerst einige Fragen in Betreff der Zensur vor, ob eS nämlich möglich ist, viele Stellen im Talmud, wie z. B. in der Hagada u. dgl. unverständliche Gegenstände zu kürzen, oder sogar im Ganzen aus dem Talmud zu streichen? Der aus Neurußland geschickte Rabbiner, HerrB., der Einzige in dieser Versammlung, welchem diese Fragen in der russischen Sprache verständlich waren, antwortete: daß er.circa dreißig Jahre den Talmud nicht studirt habe, und daher ist eS ihm gleichgiltig, wenn man aus dem Talmud wenig oder sogar Vieles streichen wird; der wolynaer wie auch der weißrußländische Rabbiner, die von dem Chasidismus aus nur für die Lehre ihrer Rabeim besorgt sind, wofür sie sogar ihr ganzes Vermögen zu vertheilen... stets bereit sind, sorgten zwar auch für den Talmud, aber nicht wie ein echt litthauischer Rabbiner, der so eifrig ganz und gar nur dem Talmud, wie auch dessen vielfältig verschiedenen Kommentaren, Erklärungen rc. rc. lebenslang durchaus ergeben ist. Der kurländische Rabbiner stimmte mit dem Herrn B. aus Odessa ein; der Dr. Cherolson dünkte sich aber als Vertheidiger deS Talmuds in den Augen der Rabbinen aufzutreten, schrieb noch sogar nach Wilna an den dortigen jüdischen Geistlichen, daß er der Kämpfer für den Talmud zu sein wünschte, und man soll ihm daher die nöthigen Stellen im^Talmud anzeigen, da ■ex doch schon sehr lang den Talmud nicht studirt hat. ES folgten^nachher einige Fragen in Betreff der hebräischen ^Gebetbücher; das Ministerium verlangt z. B. manche Gebete, welche unserer Zeit nicht angemessen sind, abzuschaffen oder zu kürzen — o weh,