Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 16 (1852)
- Issue
- Heft 51 (13.12.1852)
- Date
- 1852-12-13
- Page
- Seite 615 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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615 weste und gelben Nankinghosen, die in die Stiefeln gingen, aber die Stiefeln, ja, sie waren selten gewichst, aber immer blanke, braungelbe Stulpen darum. Besagten kleinen Michels Frau war wie eine Latte so lang, und führte den Ehrentitel: ,,die dumme Hanne", seitdem sie einmal eine große Arzneiflasche, auf deren Papierschwanz „alle zwei Stunden einen Kinderlöffel voll zu nehmen" stand, mit Einem Male geleert, und das Lärans sie beinahe zu Tode gebracht. Aber welche Liebe beherrschte den kleinen Michel zu der großen Hanne! und wenn ich es auch nicht fürwahr halte, was man sich erzählte, daß eS im langen Laufe ihrer Ehe mehrere Male vorgekommen, daß die mächtige Gebieterin seines Hauses und Herzens ihm befohlen, den Tisch zu besteigen, um ihn bequemer zu züchtigen, und er es gethan ohne Zögern, um ihre Zufriedenheit zu erwerben, so konnte man eS doch — Beiden zutrauen. Was für ein glückliches Paar, wenn es Sabbat früh nach dem Gottesdienst zum „Lustgarten" spazirte, und die Wachtparade ansah, wo der General und die drei Obersten mit den sechs Lieutenants, den zehn Mann Soldaten und fünfundzwanzig Hautboisten ein gar glänzendes militärisches Schauspiel abgaben; welche Seligkeit leuchtete, wenigstens aus Michels grünen Augen, wenn er im blauen Leibrock, den gelben Hosen, dem Dreimaster und den Stulpen, sie im Sabbatstaat des braunen KattunrockeS mit großen gelben Blumen und der weißen Leinenmütze mit mächtiger Krause, daherftolzirten. Er trug ihr Gebetbuch, sie statt Pompadours seinen Gebetmantel im langen Beutel. Freilich, blieben sie nicht ungestört, und mancher Ruf: „Hanne, verliere Deinen Kleinen nicht", oder, „nimm Dein Schvoßkindchen lieber auf den Arm" — schlug an ihr Ohr, wer aber nicht darauf achtete, das waren sie Beide, er in seiner Liebe, in deren Paradies kein Spott und Hohn drang, sie in ihrer Gleichgiltigkeit. Ich wurde mittlerweile immer vertrauter mit Michel, da ich ihn sehr schätzte seiner Geschicklichkeit wegen, die ich bewunderte, und da stand er sogar nicht an, mit mir von seiner „schönen" Hanne zu sprechen, und wahrhaftig! ich Junge bekam seitdem Respekt vor ihr, und nannte sie vor Micheln auch einige Male so, ihm zu Liebe. Nun war der Innigkeit kein Ende, und er erzählte mir seine Lebensgeschichte, die freilich kurios genug war. „Einstmals," hob er an, „war es ganz anders, und Du magst es glauben oder nicht, wahr ist es doch, einstmals war ich noch etwas größer als meine Hanne" — ohne auf mein verblüfftes Gesicht zu achten, fuhr er fort. Hannen's Vater war ein großer, berühmter, reicher Juwelier, in dessen Diepft ich Siegelringe stach, und die Buchstaben in silbernes und goldenes Geschmeide und Geräthe gravirte, wie die Käufer es verlangten. Ich war ein großer, blühender Junge, und verdiente ein schönes Geld, da ich geschickt und arbeitsam war, und Reb Ephraim seine Leute gut bezahlte. Ich aß bei meinem Herrn am Tisch, und da dauerte es nicht lange, so konnte ich die schöne Tochter des Reb Ephraim nicht mehr ansehen, ohne einen tiefen Stich im Herzen zu fühlen. Mir schmeckte bald nicht Essen und Trinken mehr, mich floh der Schlaf des Nachts, ich ward bleich und meine Backen hohl, meine Hände zitterten, und oft träumte ich bei der Arbeit, daß ich, ohne es zu wissen, mehr feierte als that. Mein Herr ward endlich ' aufmerksam, und wie er voll unendlicher Güte war, rief er mich einst zu sich, und sagte zu mir: Lieber Michel, was fehlt Euch? Ihr schwindet täglich mehr, wie ein Schemen, Ihr sitzt vor der Arbeit und bringt Nichts fertig, und ich kenn' Euch doch ganz anders; sagt mir, was Euch ist, vielleicht kann ich Euch helfen?... Da faßte ich mir ein Herz, ich begreif's jetzt kaum, und sprach: Lieber Reb Ephraim, ich will'S Euch nicht verhehlen, scheltet nicht mit mir, ich kann Nichts dafür, ich weiß selbst nicht, wie es gekommen — ich liebe Eure Tochter.... Da war's heraus, und ich dachte, nun käme das Donnerwetter, und alsbald würd' ich zum Hause hinausgeworfen werden. Aber siehe da, Nichts von Dem. Reb Ephraim schwieg eine Zeit lang, und dachte nach. Endlich begann er: Michel, Ihr seid ein hübscher, großer Junge — Du siehst, schaltete Michel mit einem Seufzer ein, es ist die Wahrheit gewesen — und paffest ganz gut zu meiner Hanne ... er murmelte da noch Etwas in den Bart, was ich nicht verstand ... sie wird Nichts dagegen haben, und sie soll Deine Frau werden, aber unter Einer Bedingung.... Ich wußte nicht, wie mir geschah, voll Wonne und Schauer, und sagte mir, während Reb Ephraim an die Thüre gegangen, ob sie ordentlich zu sei, und an die Fenster, ob Niemand lausche, und wenn er die ganze Welt als Bedingung fordere, würd' ich fie ihm bringen — wollen wenigstens, fügte ich etwas furchtsamer hinzu.... Da zog mich Reb Ephraim in den dunkelsten Winkel und sagte: Willst Du meine Tochter, meine einzige, und all meine Habe und mein Gut haben, so mußt Du mir zuvor — den Siegelring Königs Salomo schaffen — anders nicht!... Was?... Wie?... Wo?... stammelte ich, von - grausigem Schrecken befallen. 51*