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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1852-12-13 · Heft 51 (13.12.1852) · p. Seite 614

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
16 (1852)
Issue
Heft 51 (13.12.1852)
Date
1852-12-13
Page
Seite 614 (sequence 8)
Language
German
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614 deutsch und hebräisch lesen, deutsch und hebräisch (jüdischdeutsch) schreiben, rechnen und melodisch und rhythmisch singen, sie liefern auch einen orthographisch richtigen und stilistisch befriedigenden, oft recht guten Aufsatz über Gegenstände aus dem Kinderkreise, kennen genau und gründlich die Gesetze der deutschen Sprache, die Elemente der Geographie, Geschichte, -Naturlehre, Naturgeschichte, auch das Wichtigste aus der jüdischen Geschichte haben sie inne und sind beim Austritte aus der Schule im Stande, den Pentateuch und die Gebete vollständig deutsch zu übersetzen. Fragen Sie nun, welche Umstände solche günstige Resultate bewirkten, so antworte ich: 1) daß den Gemeindemitgliedern jeder Einfluß auf das'Schulwesen genommen; 2) daß die Rabbinen Schul- und daher auch Lehrersreunde sind und den Lehrern weder in Bezug auf Methode, noch auf Lehrgang hemmende Fesseln anlegen, sondern nur gearbeitet haben wollen, auf daS Ergebniß sehen, nicht nur den Inquisitor und Polizeidiener spielen, vielmehr gerne helfen, wo geholfen werden kann und durchaus nicht fürchten, daß durch vermehrten 'Einfluß, durch ein gehobenes Ansehen der Lehrer, die Schale des Ansehens und der Achtung der Rabbiner sinkt, welche Meinung so viele unserer Rabbinen, namentlich vom vrthodoren Genre haben. Fälle also, wo z. Bl Rabbiner einzelnen Gemeindegliedern Verweise geben, weil sie den bei den Lehrern und nicht bei ihnen lernen und jene und nicht sie die Eheverträge schreiben ließen, Fälle, wo man den Lehrer im harten Winter 1 Stunde auf dem Hausplatze (wie früher die Päpste mit den Büßern verfuhren) stehen ließ, bevor sie gnädigst eingelassen wurden^ fanden und finden hier durchaus nicht statt.. Dafür wirkten hier aber auch jederzeit Männer, die Etwas verstanden, keine Verstandesblößen durch Gravität und vornehme Amtsmienen zu verhüllen brauchten und sich eines jeden Aufschwunges der Lehrer und ihrer Schulen von Herzen freuten. Ein weiterer Grund ist 3) die wenn auch nicht glänzende, doch hinreichende Besoldung und die Begeisterung der Lehrer für ihren Beruf, dem sie gern ihr Dichten und Trachten, ihr Sorgen und Leben weihen.— In den Sommermonaten vom Pesachfeste bis zum Neujahrfeste halten ^sie (nur in H. besorgt es der Rabbiner) am Sabbat vor dem Beginne des Abendgottesdienstes für die erwachsene Jugend einen Neligiousvortrag^ welcher abwechselnd in Ertheilung eines Religionsunterrichtes überhaupt in Verbindnng mit Katechisation und in Erläuterung der Sprüche/der Väter oder auch sonst lehrreicher Stellen aus der heil. Schrift, besonders aus dem Wochenabschnitt, besteht. Diese Vorträge, welche immer mit einem deutschen Liede, gesungen von der Schuljugend, erössnet und geschlossen werden, und welchen alle Mädchen und Jünglinge von 13—18 Jahren beizuwohnen haben, werden auch von älteren Personen, Männern und Frauen besucht, und wirken sehr wohlthätig. Wir möchten nur wünschen, daß für die entlassene Schuljugend Sonntagsschulen für die Wiederholung und.Erweiterung der anderen Schuldisziplinen stattfinden, da sonst so Vieles nach der Schulentlassung wieder vergessen wird.*) Belletristisches. Iü-ische Mährlein. ’ 6. Michel, der Petfchaftstecher. An einer Ecke auf dem Markte stand oster ein kleiner Tisch, an dessen Vorderseite ein großer Kasten voll großer und kleiner Siegel in die Höhe gerichtet prangte. An dem Tischchen saß Michel, der Petschaftstecher, und stach den Vorübergehenden für geringen Preis ein blankes, wenn auch plumpes Petschaft. Wir Jungen standen immer still, und sahen den rührigen Händen des kleinen ManncS zu — bis seine Frau kam, und ihm daS Mittagessen oder den Kaffee brachte, dann stoben wir auseinander, denn sie verstand daS Schelten aus dem Grunde, und wenn es galt, auch daS Zutapsen, und Jungen find immer, wie kleine Hunde, tapfrer mit dem Munde als mit den Fäusten. Aus den grünen Augen Michels hingegen lugte eine endlose Gutmüthigkeit, wenn man eS erst verstand, die Strahlen durch den gewaltig starrenden Büschel der Brauen hindurch aufzusangen; dabei ging die Stirn, man sollt's kaum glauben, von den Brauen ab schief nach der rechten Seite hin in die Höhe, und der Kopf war ganz kahl bis auf einen Kranz kleiner wolliger Silberlocken, ein großer Dreimaster saß, in den Nacken geschoben, darüber; der kleine Körper Michels stak zu.aller Zeit in einem blauen Leibrock mit blanken Knöpfen, der hinten ganz spitz bis auf die Erde lief, in gelber Schoß- *) Man sehe: Hecht über Sabbat- und Feiertägsschulen, Fulda, Müller'fche Buchhandlung, welches Schriftchen im Oriente, der pädagogischen Liturzeitung von Loos und dem Schulblalte von Geißler günstig beurtheilt wurde.

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