Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1852-12-13 · Heft 51 (13.12.1852) · p. Seite 612

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
16 (1852)
Issue
Heft 51 (13.12.1852)
Date
1852-12-13
Page
Seite 612 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3225768-3225820--12818-3243019
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

612 Geburten fast unbekannt. Was die religiöse Stufe betrifft, ans welcher die hiesigen Juden stehen, so werden wir im zweiten Artikel hierauf Bezug nehmen, an welchem wir ^angekommen. b) Kultus. Für die gottesdienstlichen Versammlungen bestehen in Hoppstätten, Soetern, Bosen und Oberstem gesetzlich anerkannte Synagogen, die Juden in anderen Orten sind auf Privatandacht beschränkt. Die Leitung des Gottesdienstes liegt überall dem Rabbiner ob, in dessen Abwesenheit geprüften Lehrern. -Der Landrabbiner wird nach vorangegangener, vom Regierungssitze stattgefundener Prüfung auf Vorschlag der Regierung landesherrlich bestätigt, hat seinen Sitz zu Hoppstätten, ist der Regierung unmittelbar untergeordnet und hat die jüdischen Kirchen- und Schulverhältnisse unter seiner Aufsicht. Er erhält zu seiner Besoldung aus der Staatskasse eine dem Staatsgehalte der christlichen Konfessionen gleichkommende Beisteuer von 500 Frks. Bei den Armenkommissionen der politischen Gemeinde ist er ständisches Mitglied, hat Stempel- und Portofreiyeit, ist bei Amtsfahrten von der Erlegung der Chaussee- und Brückengelder befreit, kurz in allen Beziehungen den christlichen Geistlichen völlig gleichgestellt, woraus erhellet, daß die Stellung eines hiesigen Rabbinen wo! eine der schönsten in Deutschland ist. Der erste Rabbine im Fürstenthüme war der gegenwärtig als Provinzialrabbiner in Hanau angestellte Felsen stein. Von seinem Wirken in den hier völlig verwahrlosten Gemeinden ist dem Schreiber dieses Nichts bekannt. Er gehörte zur Klaffe jener Rabbiner», die einmal im Besitze eines Predigerstuhles, gleich den Göttern Epikurs, im dolce far mente sich gefallend ansrufen: O, wie ist mir so wohl. Ihm folgte der energisch wirkende und die Bahn brechende Rabbiner vr. Grün bau»n, gegenwärtig zu Landau in der Pfalz. Er verewigte sich in Hoppstättcn durch seine Bemühungen, die er sich um die im Jahre 1834 und 35 erbaute sehr schöne Synagoge mit Wohnung für den Landrabbiner gab, und zu welcher die Staatskasse eine Ilnterterstützung von 1000 fl. darreichte. Nach seiner Entfernung kanr der jetzt zu Oldenburg wirkende Landrabbiner Wechsler, der sich durch Abänderung des Judeneides, -durch Unterstützung der Lehrer und Verbesserung der Schulen Verdienste erwarb, und überhaupt im Birkenfeldischen den Namen eines biedern, offenen, ruhig handelnden und versöhnlichen Charakters zurückließ, während der ganzen Zeit seines Wirkens jedoch viele Kämpfe n»it dcn'Oithv-- doren zu bestehen hatte, von denen heute'viele herzlich bereuen, seinen Bestrebungen auf solche Weise entgegengetreten zu sein. Nach seinem Abgänge (1841) wurde Herr vr. Einhorn (»vie der vorige gleichfalls aus Baiern) berufen. Herr vr. Einhorn, eine geistige und sittliche Größe, pastoralklug, entschieden, beharrlich, in allen Sphären seines Berufslebens ein Meister, »virkte, wie selten Einer, vortheilhaft für das reformatorische Prinzip im hiesigen Lande. Schade, daß dieser Mann mit der Welt von Ideen, Joie er in seinem Kopfe birgt, so wenig literarisch thätig. „Wein viel gegeben ist, muß viel thun." Nach seiner fünfjährigen hierländischen Wirksamkeit erhielt er den Ruf als LandeSrabbincr nach Mecklenburg-Schwerin und Herr. B. Goldmann aus der Pfalz trat an seine Stelle. -Es ist noch nicht an der Zeit, über dessen amtliche Thätigkeit zu Gericht zu sitzen und am Wenigsten darf Schreiber dieses, in seiner ihm subordinirten Stellung', ohne den Verdacht eines eckeln Schinarotzers auf sich zu ziehen, sein Lobredner werden. Alle Rabbiner» stellten es sich zur Aufgabe, durch häufige Religionsvorträge nn Sinne des entschiedenen Fortschrittes nicht nur die Gemeinde am Sitze des Rabbinats mit geläuterten Relrgionswahrheiten bekannt zu mache»», sondern auch die religiösen Bedürfnisse der übrigen Gemeinden durch Belehrung und Errnahnung zu befriedigen, und wechselte»! daher in der Art ab, daß sie in jeder Synagoge jährlich wenigstens 4 Mal Vorträge hielten, außerdem,aber auch bei jeder wichtigen Angelegenheit sich in diesen Gemeinden einfanden und ihnen den geistlichen Beistand jederzeit bereitwillig und gern zu Thcil werden ließen. Dadurch wurde nun der Umschwung der religiösen Ansickten hier zu Lande bewirkt. Dank sei es dein Genius der Menschheit, Dank auch der weisen und uner»nüdeten Sorgfalt dieser Rabbinen, daß die durch Lehre uud Leben veralteten und verderblichen Mißbräuche der Gestunungen in daS Meer der Vergessenheit sanken. Ja, Dank diesen Männern , die durch Wort und Beispiel gewaltig und ohne Scheu und Rückhalt gegen die Verderbtheit und religiöse Blindheit der Generation predigten und wirkten. Ihr Eifer »st nicht unerhört verschallt, ihre Lehren trugen Früchte und viele ihrer Verbesserungen und Einrichtungen sind ewige Denkinäter ihrer warmen und redlichen Bemühungen um das Beste ihrer Religionsgenvffen. Vor 12 Jahren ging hier au» Sabbat noch kein Israelit aus dein Weichbilde seines Ortes, ohne das Sacktuch um die Hand zu leger»; vor 12 Jahren war es noch unerhörte Verderbtheit, Milch oder Brod von Christen anzunehmen, wenn mau nicht zuvor von der religiösen Reinheit lieber-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.