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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1852-11-22 · Heft 48 (22.11.1852) · p. Seite 570

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
16 (1852)
Issue
Heft 48 (22.11.1852)
Date
1852-11-22
Page
Seite 570 (sequence 2)
Language
German
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570 selbst schädlich sein für diesen und jenen — aber im Ganzen hält diese Geistesrichtung doch die Masse über dem, Sump .wehe / wo dem Menschen die Menschen/erst ganss gleichgiltig - gew orhdn!' Ja, es"'ist "eine Richtung, der wir kn unsrer Glaubensgenoffenschaft mit die Erhaltung der Religiosität und Sittlichkeit zu danken haben — und was verfällt in Israel, das hat namentlich seinen Grund darin, daß dieser Ehrenpunkt seit einem halben Jahrhundert von den Juden mehr außerhalb' ihres eignen, des jüdischen Kreises gelegt worden ist, als innerhalb desselben. Es ist das Extrem zur früher» Zeit, wo der Ehrenpunkt allein innerhalb des jüdischen Kreises lag.... 'Alles dies bewirkt, daß der jüdischen Jugend ein anderes, besonderes Maaß des Unterrichtes, der Bildung, des Wissens nothwendig ist. Der Handel bedarf eines größer« Wissens, einer größer« intensiven und extensiven Geistesbildung als andere Gewerbe; und wer in diesen rascher, vorwärts kommen will, desgleichen. Es ist dem Einen gegeben, sich behaglich auf die Bank niederzulassen, und, darauf ruhend, zu schaffen was vor ihm liegt, dem Andern nicht, sondern rastlos vorwärts zu streben. Letzteres ist dem Juden durch Stellung und Natur geboten. ES wurden .ihm anderthalb Jahrtausende der Besitz des BodenS und der Betrieb der Gewerbe vorenthalten, was' Wunder, daß er anders ist und anders braucht, als Andere? Die jüdische Jugend kann sich daher mit dem gewöhnlichen Maß . des Wissens uud der gewöhnlichen Methode deS Lernens in der Volkselementarschule, ja rcsp. in der Bürgerschule in der Regel nicht begnügen. . Sie bedarf eines größern und weitern Wissens', sie bedarf deshalb und ihrer Jndivid-ualität nach einer raschern, leb Haftern Methode!... Ob man eine Sache anders wünscht, darauf konunt eS wenigen: die Hauptsache im Leben, insonders im ge« gegenwärtigen Leben ist, die Dinge zu verstehen, wie sie einmal liegen, und von da ab rasch und tüchtig weiter zu streben, nicht aber mit dem unfruchtbaren Bemühen sich abzuquälen, die Grundlage abzuändern, oder gar umzuschaffen. Wenn irgend Etwas, so haben die letzten Jahre gelehrt, daß eS nichts Gefährlicheres und nichts Erfolgloseres giebt, als die geschichtliche Grundlage der Gesellschaft.-zu verkennen und anders als auf dieser geschichtlichen Grundlage zu operiren. Auch dem Judenthume hat die Romantik der ersten Hälfte dieses.Jahr-, Hunderts, das Theoretisiren und Erperimentiren s priori genug geschadet. .Wir müssen ganz und gar R e a l ift.e n — aber keine Materialisten — werden, wenn wir mehr und Besseres erreichen wollen. Von diesem Standpunkte aus glaube ich, daß obiger' Satz keine Widerlegung, zu fürchten braucht. Wir sagen, die jüdische Jugend bedarf ihrer Stellung wegen eines größern und weitern Wissens, als in der Regel die Volkselementarschule und resp. die Bürgerschule bietet, dieser Umstand und dazu ihre Individualität, erfordert eine rascher fördernde, lebhaftere Methode. Allerdings weiß ich, daß hiermit sehr oft der Gründlichkeit geschadet wird, und das ist oft Schade, oft aber, ich sage es offen, nicht Schade. Lasse man mich ein Beispiel heranbringen. In meiner Jugend hatte ich, und meine Schulkameraden in der jüdischen Schule mit mir, einen Rechnenlehrer, der sich niemals mit der Exposition des Wie? und Warums? der inneren Verhältnisse, der Erklärung der Prozesse und Operationen beim Rechnen aufhielt, vielleicht weil er sie nicht zu geben verstand — sondern der einfach sagte: Kinder, so und so macht Jhr'S. Sofort giyg es nun auf die Erempel los, die einfach der Rechnungsart angepaßt waren, wer fix und richtig rechnete, der wurde gelobt und oben angesetzt. Und wir wurden Alle Rechner, wie man sie nur wünschen kann, es war erstaunlich, und noch jetzt will ich mit jedem Kaufmann um die Wette rechnen. Mein Nachbar, ein Schüler der Bürgerschule, der rechnete 'noch zu der Zeit, wo ich die Arithmetik längst hinter mir hatte, wie viel kosten 10 Zentner 3 Stein 6 Pfund 17 Loth 4"/i2 Quentchen, wenn 15 Zentner 1 Stein 12 Pfund 9 Loth 35/e Quentchen kosten 128 Thlr. 16 Gr. 917/is $f.? und — konnte es natürlich nicht rechnen — ich Mußte ihm oft aus der Noth helfen! Es ist wahr, ein Rechnenlehrer, der auS der jüdischen Schule hervorgehen wollte,'hätte noch einen besonder« Kursus durchmachen müssen; da aber "/i2 Kauf- und Gewerbsleute wurden, so waren sie prächtig ausgestellt, und die Kaufhäuser warben ordentlich um die abgehenden Schüler. So in der Methode, so im Umfang deS Wissens, denn eine übersichtliche Kenntniß der Geschichte und Geographie, eine gute Grundlage in einer oder zwei modernen Sprachen, eine schon leichte und richtige Ausdrucksweise im deutschen Stil wird der jüdischen Jugend sehr wohl thun, und wie soll sie diese in den gewöhnlichen Volks- und Bürgerschulen erhalten—- wir sprechen natürlich von Gymnasien und höheren Handlungsschulen nicht. (Schluß folgt.)

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