Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 16 (1852)
- Issue
- Heft 41 (4.10.1852)
- Date
- 1852-10-04
- Page
- Seite 489 (sequence 5)
- Language
- German
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489 das Institut wirksam in's Leben treten zu lassen, denn es giebt hier keine derartige Anstalt für Israeliten. /Soeben wird auch die Wohlthätigkeit der Wiener in Anspruch genommen für die vielen tausend Wittwen und Waisen, die durch das Wüthen der Cholera in Warschau jammernd ihr Leben fristen. In allen Synagogen wurde um milde Beiträge angegangen. Wie wir hören, hat Herr Mannheimer Etwas über 200 Fl. K. M. und der Herr Rabbiner an 150 Fl. St. M. gesammelt. Freilich eine kleine Summe für eine Stadt wie Wien und zur Linderung eines solchen Elends, wie es in Warschau ist. Indessen hoffen wir, es werde denn doch noch so manche reichliche Spende einkommen. Von dev Donau, Ende September. (Privatmitth.) Ich komme eben von einer kleinen Reise aus Mähren zurück und finde in No. 37 der A. Z. d. I. meinen Brief abgedr.uckt und Ihre Bemerkungen. Es ist jetzt die Zeit, wo wir so oft und so häufig das' Sündenbekenntniß ablegen und zwar, für Sünden, die wir nic^begangen, warum sollte ich nicht ein pater peccavi sagen, wo ich gefehlt habe. Ich bekenne es also ganz offen, daß mein Vorschlag ein beinahe unausführbarer ist. Ich schäme mich dessen um so weniger, weil das Unpraktische an demselben eben daraus hervorgeht, weil ich mit „beiden Füßen" im Judenthume stehe. Mit aller Innigkeit und Liebe hänge ich demselben an und habe ihm die Kraft meines Geistes geweihet und so manche Freuden und Begünstigungen der Welt geopfert. Und die Liebe eben hat nicht immer mit fich den Verstand als Meßschnur zu untersuchen, ob das Maß ein richtiges ist. Aber indem ich bekenne, daß mein Vorschlag in seiner Wesenheit ein unpraktischer ist, so bleibt nach wie vor die Frage, wie ist das Uebel zu lindern, wie ist eS möglich Kleinodieen zu retten, die da in Unsinn und Wahnsinn in den Koth getreten, und dort aus Gleichgiltigkeit und Blasirtheit vernachlässtgt und verschleudert werden. Ich gestehe es aufrichtig, der Besuch in Mähren hat mich tief traurig gemacht. Währenddem in der großen Stadt das Indifferente unangenehm berührt, ist das Judenthum auf dem Lande — Gott verzeihe mir meine Sünden — ekelerregend. Sie kommen an einem solchen heiligen Tage, wie Nuvrn mn, in eine Synagoge, Sie hören ein fürchterliches Toben und Schreien, nun mustern Sie ein Wenig die Leute. Von der Versöhnung, die unter den Menschen selbst walten soll, ist keine Spur. Wie eS das ganze Jahr gehet, so gehet eS heute auch. Was sich ferne stehet im Leben kömmt nicht zusammen; kurz, wir möchten sagen, es ist kein Fünkchen von dem Bewußtsein, es beginne heute ein neues Jahr, eine neue Zeitrechnung. Nun finden Sie da und dort ein Paar Leute, die ruhig ihr sagen, sich überhaupt wenig durch Schreien Hervorthun, daS sind die Wohlhabenden und Begüterten. Dann giebt es eine ganze Stufenleiter von Weinen und Schreien und Jammern, und diese entspricht genau je nachdem das Herz mehr oder weniger beschwert ist. Von irgend einem Leben für eine höhere Idee ist keine Ahnung. Nichts als Materialismus und wieder Materialismus. Dazu, ich gestehe eö offen, ist eine sittliche Verkommenheit, wie ich mir sie nie gedacht. Was man sonst nur in großen Städten trifft, findet man auch da, nur mit dem Unterschiede, während in der großen Stadt das Laster in „Sammt und Seide" einhergehet, findet es sich da in schmutzigen Kotion- und Barchentkleidern. Spricht man nun mit den Eltern, und hält ihnen vor, was soll aus eueren Kindern werden? Sie wissen es selber nicht. Ich will Ihnen nur Ein Beispiel anführen. Holleschau war früher eine Gemeinde, die berühmt wegen ihrer Frömmigkeit und talmudischen Gelehrsamkeit war. Auf dem dortigen Gottesacker liegt der „Siphse Kohen" (Schach) begraben. Heute finden Sie vielleicht einen oder zwei Knaben, die noch dem Talmudstudium obliegen. Glauben Sie aber nicht, daß irgend etwas Anderes an die Stelle getreten ist. Es eristiren sogenannte „Chadorim", wo aller Unfug getrieben und der kauderwelsche jüdische Dialekt perfektionirt wird, so daß der vielgeplagte Schullehrer zunächst um das Wort mit den Schülern zu kämpfen hat. Dringt man nun darauf Schulen zu errichten, so erinnert man an die vielen Schulen, die bereits gegründet wurden und sich aufgelöst haben, weil die Seele einer Schule der Rabbiner ist und dieser, wenn er, wie zumeist der Fall ist, Nichts dagegen thut, so thut er auch Nichts dafür. Es giebt da nur einige wenige Ausnahmen, wie Weiße, Oppenheim rc. Darum genießen auch die Nabbinen nicht das Vertrauen ihrer Gemeinde, und darum meinte ich, eS müßten bei einer Rabbinerversammlung auch Laien sein.