Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 16 (1852)
- Issue
- Heft 41 (4.10.1852)
- Date
- 1852-10-04
- Page
- Seite 487 (sequence 3)
- Language
- German
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487 zu den wichtigsten Momenten der nächsten Gegenwart gehört. - IV. All Dies führt aber zunächst auf den materiellen Grund alles jüdischen Lebens hin, auf die Gemeinde, und Jeder, der die Verhältnisse kennt, wird eS verstehen, wenn wir als eine Lebensbedingung deS JudenthümS die Konfolidirung und Festgestaltung, der jüdischen Religion S gemeinden in großen und kleinen Lokalitäten, in großem und kleinem Umfange anerkennen. Ohne Gemeinde, keine Institute; ohne Institute ein vages, zerrissenes, zufälliges Leben mit faulen, flüchtigen Fruchten, die bei der größten Anstrengung unter der Hand wie SodomSäpfel zu Stazrb und Asche zergehen. In welchem Zustande die jüdische Gemeinde in großen Lgnderstrichen, nicht sich befindet, sondern zu Boden liegt, brauchen wir nicht auszuführen. Daß es demnächst überall das erste, wichtigste Geschäft ist, die jüdische Gemeinde zu rekonstruiren und auf solider Basis im Geiste der Zeit neu zu beleben, ist das Sicherste. Möge es hierzu weder an festen, unerschütterlichen Männern, noch an den gesetzlichen Anordnungen der hohen Staatsregierungen fehlen! V. Und so sind wir in dieser Uebersicht auf dem realen, materiellen Boden angelangt, und dürfen nicht verfehlen, auch an die sozialen Verhältnisse unserer Glaubensgenossen zu erinnern. Einer kräftigen, strebreichcn Bewegung können wir auch hier nicht entbehren, soll die Zukunft nicht nach mancherlei Seiten eine drohende, gefahrbringende sein. So ehrcnwerth, so unentbehrlich der Handel ist, so lächerlich, namentlich in unsrer Zeit, Deklamationen gegen den Handel sind: so darf doch ungestraft keine ganze Genossenschaft, wie kein ganzes Volk, allein dem Handel zugewendrt sein, oder gar nur einzelnen Zweigen des Handels obliegen. Ein solches Verhältniß crgiebt eine exklusive Stellung in der bürgerlichen Welt, und wir Juden müssen ans jeder exklusiven Stellung in der bürgerlichen Welt heraus! Es ist wahr, daß die Geschichte uns diese Stellung gegeben hat, es ist nicht minder wahr, daß Nichts schwieriger ist, als aus einer geschichtlich gegebenen Stellung herauszukommen, und gerade der Handel hat in unseren Tagen so viel Verlockendes und Anziehendes, daß dadurch jede Aenderung nur um so schwieriger ist: aber gerade'dkese Schwierigkeiten erfordern eine um so größere Achtsamkeit, eine opferreichere Anstrengung. Die Vereine für Handwerker und Ackerbauer unter den Juden müssen überall belebt und mit größeren Mitteln dotirt werden; die Anleitung und Hinführung zur Thätigkeit in Fabrik, Mechanik, Chemie, Baufach u. dgl. nach allen ihren Stufen vom bloßen Arbeiter bis zum Prinzipal und Unternehmer muß überall gegeben und geweckt werden. Welch Gebiet der Thätigkeit! Dies ist es, was sich uns als Aufgabe der. Gegenwart und nächsten Zukunft im Judenthume darstellt.. Wir können zu wenig gebracht haben, was wir aber hier hingestellt, daS ist sicher Forderung der Zeit, das ist aber auch wahrhaftig „des Schweißes der Edelen werth!" Der Tag ist kurz, der Arbeit viel — o daß es nicht an Arbeitern fehle! Aber wir vertrauen dem guten Geiste Israels, der ihm in seinen schlimmsten Zeiten nicht gefehlt, wir vertrauen, noch mehr der höchsten Leitung Dessen, der „in seiner Gnade uns bis hierher geführt — Er wird uns nicht verlassen und nicht verstoßen!" . . . Zeitungsnachrichten. Deutschland. Frankfurt am Main, im September. Daß man mit den Verhältnissen unserer Glaubensgenossen in Deutschland noch lange nicht zu Rande ist, daß wir im Nächsten noch einer besonder» Zukunft entgegenzusehen haben, geht auch aus folgendem Artikel deS Fr. I. hervor: Ist anders die Fassung deö Bundesbeschlusses in der frankfurter Verfassungsangelegenheit, so wie fie mitgetheilt wird, eine richtige, so würde die von dem Senate stets als verfassungsmäßig zu Stande gekommen betrachtete politische Gleichberechtigung der Israeliten, Landbewohner und Beisassen, nicht sowol wegen ihrer Unvereinbarkeit mit den Grundsätzen des Bundes, als -vielmehr wegen ihres illegalen Ursprunges beanstandet. Auch an Lübeck soll ein ähnlicher Bundesbeschluß ergangen sein, der indeß zunächst nur die Israeliten betreffen würde, da den dortigen Landbewohnern schon von früher her gleiche politische Rechte mit den Stadtbewohnern zukommen. Anders mit den Israeliten in Lübeck. Ihnen wurde auch die politische Emanzipation erst durch die neue bereits in Kraft getretene Verfassung. Ihre früheren Verhältnisse waren folgende: Durch den Vergleich von 1806 mit Dänemark kam das von vielen Judenfamilien bewohnte holsteinische Dorf Moisling unter Lübeck. Als dieses mit den übrigen Hansestädten 1810 unter fran-