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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1852-09-27 · Heft 40 (27.9.1852) · p. Seite 481

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
16 (1852)
Issue
Heft 40 (27.9.1852)
Date
1852-09-27
Page
Seite 481 (sequence 9)
Language
German
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481 sich so viel er konnte, aber viel kam nicht heraus. „Red' Dir was ein," erwiderte er stotternd. „Nein, nein!" -lautete die Antwort, „kannst Dich darauf verlassen. Wie so kommt das? Dein Mensch ist doch ein Wohllerner...." Jeder Sched nämlich hat Höhe und Breite, aber keine Dicke; er ist wie eine mathematische Fläche mit zwei Ausdehnungen,. hoch und breit, aber ohne Tiefe. „Lernt" nun der Mensch, gut, so wächst, sein Sched immer höher, wo nicht, nimmt er an Höhe ab, und wächst in die Breite, und das kränkt ihn gewaltig.. „Nun, ein Wohllerner ist er just nicht, aber er thut doch was recht ist,' und wird schon vorwärts kommen trotz Deinesgleichen .. ." sagt's und läßt den stehen, der ihn angeredet hatte. Er eilte von dannen, aber vor sich selbst murmelte er doch hin: „Ob es wahr ist? ich merke so etwas selbst, ich muß doch zusehen...." Und damit eilte der Sched an den Rand eines spiegelhellen Leiches, und beschauete sich. Kopfschüttelnd gewahrte er seine ansehnliche Breite, und nahm sich vor, die Ursache davon zu erforschen. Er schlüpfte schnell in die Dachkammer des Bochur Mendel, ein stämmiger, frischer, blühender Jünglings mit ziemlichem Flaumbart um den Kinn und schwarzen, Hellen Augen im Kopf. Da saß dieser, und hatte einen großen Folianten vor sich, und schien darin eifrig zu studiren. Deß freute sich sein Sched; aber als er eine Zeit lang gewartet, und bemerkte, daß der Bochur immer auf dieselbe Stelle stierte, sah er genauer hin, und wahrhaftig, der Bochur stüdirte gar nicht, sondern ließ den Kopf hängen und seine Gedanken waren weit vom Szeifer. Der Sched bekam einen Schreck, und fühlte sich ordentlich'in die Breite wachsen. Was - that denn der Bochur? Allmälig ließ der Sched seinen Jüngling in sanften Schlummer verfallen, und schlüpfte dann in die Seele desselben hinein, um sich darin umzuthun. Da gewahrte er denn, daß der Eifer nach Erkenntniß, die Liebe zum Gesetzes^ ftudium völlig herabgekommen war, und. eine andre.,Liebe und ein andrer Eifer sich an die Stelle gesetzt ~ der Bochu.r war verliebt.... Und in wen? Auch datz that ihm die Seele seines Jünglings kund, denn vor ihr gaukelte das lockende Bild einer schönen? Jungfrau Juda'S, das Bild der lieblichen Rebekka, Tochter des Rabbi Meyer. Der Sched bekam einen noch größer« Schreck, denn er wußte, daß Rabbi Meyer ein sehr stolzer Mann, stolz auf seine Gelehrsamkeit, und wo möglich noch stolzer auf seine schöne Tochter war. Mendel aber war Nichts als einer seiner vielen Bochrim (Schüler), und hatte vor den vielen anderen Nichts voraus, als daß er ein stämmiger Bursche war, der über den Büchern noch Nichts an der Frische seiner Farben und dem Glanze seiner Augen verloren hatte, ein Verdienst, welches der Rabbi Meyer gar nicht zu würdigen verstand. Und seine Tochter? Das war die erste Sorge des SAed; er hörte zwar die schlummernde Seele des Jünglings viel' von Liebe und Gegenliebe träumen — das war' ihm aber noch nicht Sicherheit genug; als er jedoch auf dem Herzen des Bochurs eine seidne Schleife ruhen sah, so glaubte auch er, daß die schwarzlockige Rebekka bereits dÄn Jüngling ihre Aufmerksamkeit geschenkt habe, was gar Acht zu verwundern, wenn man einmal, wie Mädchen wol thun, die Bochrim die Revue passtren ließ. Jedenfalls war ihm nun der Zweifel gelöst, warum er selbst so viel von seiner Höhe verloren, und an Breite gewonnen, ja, er fürchtete 'vor der Unförmlichkeit, die ihm bevorstehe — denn was. läßt sich von einem verliebten Bochur erwarten?... Der Bochur spielte in der Thal eine armselige Figur, und war schon zum,G^gcbter seiner Genossen geworden. Er war einer der ersten Lehrzimmer des Rabbi und einer der letzten — abxr er saß still und ließ kein Wort hören, er erhob keine Frage, beantwortete keinen Einwand, ließ den Rabbi doziren, die Bochrim diSputiren, und sah man genau zu, so hatte er nicht einmal die rechte Stelle aufgeschlagen. Einmal rief ihn der Rabbi auf, aber Mendel hörte Nichts davon und saß und träumte weiter, bis sich der Rabbi unwillig äbwandte. In die Gesellschaft seiner Kameraden kam er gar nic^mehr; dagegen hatten ihn Einige etliche Male im Mondenschein am Fluß herumlaufen sehen.... Er kam in üble Nachrede, und sein . Sched grämte sich immer mehr. Endlich faßte dieser einen Entschluß, und wollte mit Mendel selbst sprechen. In einer schönen Nacht, der Vollmond hing am Himmel und leuchtete in das Fensterchen der Dachkammer hinein; die Lampe war aus-Mangel an Oel erloschen, aber Mendel saß noch auf dem Stuhl vor dem aufgeschlagenen Buche: da glaubte der Bochur mit einem Male ein Wesen zwischen sich und dem Lichtstrom des Vollmonds zu sehen, ohne daß es dadurch dunkler geworden. ■ „Mendel," rief es ihn an, und der träumerische Jüngling fuhr auf, „Mendel, was soll daraus werden?" „Ich, das weiß ich selbst nicht...." murmelte Mendel. „Ist Dir Rebekka denn gewogen?" „Sie hat mir Treue geschworen, und wenn die Welt untergeht.... 40*

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