Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 16 (1852)
- Issue
- Heft 40 (27.9.1852)
- Date
- 1852-09-27
- Page
- Seite 480 (sequence 8)
- Language
- German
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480 Behörde, Arretirung der Rädelsführer und tüchtige Stockhiebe zerstreuten die Haufen an zweien Tagen, und die Unruhen hörten auf. Marokko. Hamburg, im September. (Privatmitth.) fSchluß.^I Die rabbinische Gelehrsamkeit scheint übrigens in Marokko nicht weit her zu sein, wie denn auch jene Länder keine namhaften Schriftsteller dieses Faches mehr erzeugen. Daß es eine Kunst der Grammatik, einen Dikduk ha lafchon gebe, wissen die Meisten nur vom Hörensagen; dagegen wird beim „Lernen" der Sohar so hoch geachtet wie der Talmud, während andererseits zwischen Tora, Siddur, Perek, Gemara u. s. w. fast kein Unterschied gemacht wird, im gewöhnlichen Gespräch benennt man das Alles: Tora. Die Juden unterscheiden sich von den Moslems auch darin, daß sie mit Messern und Gabeln und nicht mit den bloßen Fingern essen, auch durch den Genuß deS Weines, den sie, aber nur für ihren eigenen Gebrauch, selbst bauen. Der Wein schmeckt ungefähr wie Xeres, ist aber schwer zu konserviren, weil es dort keine Fässer giebt, und sogar die Oelfäffer zum Export des sehr stark produzirten Baumöls erst aus Europa hingebracht werden müssen. Auch-Schnaps, den die Juden gern trinken, wird nicht im Lande destillirt, sondern fix und fertig eingeführt. Ebenso hat das Land keine einzige Buchdruckerei und die Juden erhalten ihre Gebet- und Parascha-Bücher (Chumaschim) aus Livorno und (wiener Arbeit) aus Triest, da ihnen die amsterdamer Athias und Prooys-Ausgaben zu theuer sind. Auch giebt es gar keine Aerzte und Chirurgen, und Alles beruht auf Hausmitteln und Sympathieen, und selbst darin ist man gegen andere Länder sehr zurück. So z. B. werden die Frauen entbunden, indem eine alte Frau, die aus dem Fußboden sitzt, sie auf den Schooß nimmt und zwei andere mit ihr herumwirthschaften. Der Umgang mit den Muhamedanern (Mauren) ist nicht, 'wie man erwarten sollte, aus das rein Kommerzielle beschränkt, man besucht und beschenkt sich gegenseitig nicht selten, und merkwürdig, der Maure nimmt keinen Anstand („nmis un laquais n’est point un Komme!") den Juden seine Frauen im Harem unverschleiert sehen zu lassen. Auch ist wie überall die jüdische Küche, und dort wahrscheinlich mit vollem Recht, sehr geschätzt. Die Juden bilden sich nicht wenig ein auf ihr Chamin 'pan *), welches zusammengesetzt ist aus spanischen Erbsen, Rind- oder Lammfleisch, Kalbszunge, Hühnern in Servietten gekocht und Eiern. Da es nun jüdische Bäcker giebt, so wird am Freitag alles Essen bei ihnen angesetzt. Am Sabbat wird allgemein dreimal geschmauset, und an jedem Sabbatausgang in allen Häusern zu Ehren des Propheten Elias auf dortige Weise mustzirt, improvisirt, gesungen und getanzt. In früheren Zeiten waren Juden häufig Minister und Schatzmeister, hatten auch die Münzverwaltung allein, dies hat sich jedoch jetzt allmälig verloren. Uebrigens steht die Judenschaft in Marokko (die in der Hafenstadt Mogador schon weniger) sehr geachtet da, und wird bei dem stets zunehmenden Verkehr mit europäischen Landern vermuthlich bald dahin gelangen, ihren natürlichen Beruf, die Vermittelung der Zivilisation in jene barbarischen Länder, mehr und mehr zu erfüllen. Belletristisches. Jüdische Mährlein. (Fortsetzung.) 4. Der verliebte Bochur. Begegneten sich einmal zwei Schedim 2) auf der Straße. Fing der Eine zum Andern an: „Was ist Dir, mein Lieber? hast Du Dich doch.sehr verändert. Wächst Du doch gar nicht in die Höhe, sondern wirst merklich breiter und breiter. . . ." Den Angeredeten schien das sehr zu verübeln; er reckte *) So nennen alle — auch die hiesigen — Juden vom sefaradischen Ritus ihr Sabbatsessen. Schaalend oder Schalet ist bestimmt ein Wort deutscher Derivation, ebensowol 'wie das Wort Schlemihl, welches ebenfalls nur der deutsche Jude kennt und das wol eigentlich ursprünglich Schlimmilius, ähnlich gebildet wie Grobianus, hei-' ßen dürfte. Vergl. Schlimm-Masel, Schlimm-Masalnik. Wenn jene beiden Ausdrücke ebräischen Ursprungs wären, so müßten sie unter allen jüdischen Stämmen bekannt sein. 2) Sched, Geist eines Menschen, gewöhnlich eines verstorbenen, doch auch Genius eines lebenden.