Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 16 (1852)
- Issue
- Heft 38 (13.9.1852)
- Date
- 1852-09-13
- Page
- Seite 458 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3225768-3225807--12651-3242839- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Kreidestrichen stehen sehen, in der Hand einen Fetzen altes Papier- Es hatte ihm Muhe-- genug gekostet; das; Andere haben nur mit sich selbst und: ihrer Feigheit kämpfen .bei dergleichen,. unser Schnurrer hatte erst mit -dem grausigen Reb Hersch zu kämpfen, - der ihn-zwar nicht des Landes, aber doch des Hekdisch verweisen wollte, das' er durchaus am Morgen verlassen sollte; dann m it dem Hunger, denn .die Leute in der .Stadt erkannten ihn Alle wieder und. warfen mit Scheltworten die Thüre vor ihm zu; dann mit der Mühsal, unvermerkt auf den Scheimesboden zu gelangen,, ein passendes Stück Scheimes zu finden und zu machen, daß die Thür offen blieb und er heimlich im Shnagogengebäude; auch seiner Frau Neugierde zu befriedigen, als er ihr sagte, er würde diese Nacht nicht heim kommen — heim? guter Scholem — abereS sei, er hat Alles.überwunden/ und steht jetzt an dem gewünschten. Orte und harret , voll Herzklopfens der Dinge, die da kommen würden. - ..! Der letzte Schall; der Glocke war um Zwölf verhallt: da erhellte sich der dunkle Raum wie mit Einem'Schlage, nur der Winkel um Scholem blieb finster. Da rauschten plötzlich zahllose-Gestalten zu der offnen Thüre herein und füllten den Raum des BodenS; immer dichter schaarten ste sich.; wer da kam/ begrüßte die Bekannten; die Unter-" .Haltung wurde laut und lauter, doch war eS.cin solches Gebabbel, daß man kein Wort verstehen konnte. DaS waren die Dalles des Landes, und-, ihre Zahl wuchs mit jeder Sekunde, daß: man. nicht begriff, wie sie Platz fanden, aber in den Winkel Scholems kam Keiner. Was für eine Versammlung armseliger heruntergekommener Gestalten! Von Allen stachen allerdings die Dalles der wandernden Schnurrer . am Meisten hervor durch die Erbärmlichkeit ihres Aussehens und ihrer Kleider, aber die zahlreichsten waren sie doch nicht —7 zahlreicher waren die DalleS derer, welche die Blöße der Armuth mit dem scheidenfadigen Gewände des Scheins bedecken, der verschämten Armen,, die da „Alles verloren, nur nicht die Ehre", öder gar derer, welche hinter einem äußern Glanz die drückendsten Sorgen und Entbehrungen verbergen. Dann sah man wieder die abgemagerten Dalles der Geizigen, die bei Gold und Silber darben und hungern;- dann den hochmüthigen Dall.es von' Gelehrten -, die Frau und Kinder in Elend umkommen lassen, während sie auf den Fluren der Wissenschaft - schwärmen und die Erde und die Menschen verachten als weit unter ihnen; den Dalles.der Künstler,., namentlich der Musiker (Solcher gab es' ehemals viele unttt den Juden, Klesmorim genannt), die um einer Melodie 'willen Brod und Kleid vergessen.... Hier gab sich Alles und Jedes; wie es war , der-Schein war vergessen,' - man trug sein Elend, und seinen ' Schmutz zur Schau, wußte man doch wo man war, und wer hierchereintrat, sagte' zum Nachbarn: „Trotzdem du sagst; du bist ein Dalphenbist du doch ein Dalphen/' ' Scholem hatte von Anfang an mit der äußersten Anstrengung auf Alles gehorcht, was zu seinen Ohreü drang. Er wußte,/daß das kleine Meß, 'dem er das Mätzchen genommen, Nur die Wahrheit gesagt haben konnte, aber es war nun an ihm/ nicht zu überhören, was ihn von seinem DalleS befreien -könnte. Aber so viel» er horchte und horchte, war es Nichts : „was die reden, weiß ich Alles allein..." sagte er trübselig zu sich, und ließ den Kopf hängen. .v.- Plötzlich entstand eine Bewegung im Haufen der Dalles. Ein fester Schritt war auf der Treppe gehört worden, daß sie knarrte. Der Haufen an der Thüre theilte sich. Hoch hinwegragend über die geknickten, verkümmerten und verschrünzelten Gestalten der Dalles trab Einer mit hochgehobnem Haupte, stolzem Nacken, - aufgenchtetem Rücken, schönen Hängebauch und fast geputzt, mit Berlocks und Ringen und Brustnadel und goldner Brille unter sie, sie machten eine Gasse bis zur Mitte des Bodenswo auf mannigfaltigem Gerümpel ein alter Stuhl mit drei - Beinen stand. Hierhin lenkte der Stolze seinen Schrittsetzte sich auf den Stuhl, daß er krachte, überschaute' die Mengeblinzelte auch mit dem Auge nach der Ecke mit den Kreidestrichen und hob an — Alles horchte ehrerbietig — -±- „Wuridert Ihr Euch, daß ich gekommen bin '— aber was zu wundern? So herausstaffirt wie Ihr mich seht, bin ich doch noch wahrhaftig ein rechtschaffener Dalles, wie irgend Einer—und so sehr ich das unter den Menschen verleugne, unter Euch sag' ich eS gern, denn bei mir selbst ist das gerade mein Ruhm. . .1)1 Hob Einer aus der Menge an: „Nu sag' aberH^wie steht's doch mit Dir?" / Scholem im Winkel beugte den Oberkörper vor, und spitzte die-Ohren. " Versetzte Jener: ,,Ihr seid allesammt dummes Lumpengesindel, ich will's Euch sagen. Ich biss so gut ein DalleSwie Ihr. .. . aberOder Unterschied ist: Ihr seid Dalles zu Fuß — ssch bin der Dalles zu Wagen/ ich fahr' schnurren ... das ist der Unterschied.. . ." Ein großes Gemurmel erhob sich: -//ein fahrender Dalles", „ein Dalles zu Roß und Wagen" ./ . „was Wunder, eine neue- Sach' . .