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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1852-09-13 · Heft 38 (13.9.1852) · p. Seite 457

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
16 (1852)
Issue
Heft 38 (13.9.1852)
Date
1852-09-13
Page
Seite 457 (sequence 9)
Language
German
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457 den Gräbernheraus :' da stieg ein eigener Gedanke in unftrm Schnurrer auf. Er erinnerte sich- / daß er schon in seiner Zugend gehört, wie um Pollmondszeit die Meißim (Lodten) auS ihren Gräbern steigen, und sich unterhalten, und wer das -Glück hat sie zu hören, vernehme, wie ihm zu helfen sei, und wer gar Etwas von ihren Gewändern fasse, dem müßten sie Rede stehen auf seine Frage. Kam mit, Einem Male ein kühner Muth in seine Seele: „Scholem, wenn du.das könntest?!.. Da schlug eS Mitternacht von den Thürmen der nahen Stadt, und durch die stille Nacht dröhnten die Glockenschläge, als wollten sie nicht aufhören. Erhob sich Plötzlich ein frischer Windeshauch und fuhr durch das hohe Gras der Gräber, daß es rauschte ohn' Ende und die Halme wogten, als ob sich Lebendiges darin rege. Und es huschte und schlupfte hierhin-,und dorthin, und eS schnurrte und knisterte. Dachte Scholem: „jetzt kommen sie/' Machte sich auf, und ging, an der westlichen Mauer entlangum auf den Theil des Feldes zu kommen,- wo die Rabbinen und Häupter der Gemeinde und Reichen lagen, denn er, dachte: „die sprechen gewiß daS Beste und Klügste." Duckte sich da hinter den ältesten und größten Leichenstein, und lugte scharf hinter ihm hervor. Mer so viel er lugte, er sah Nichts , so viel er horchte, er - hörte Nichts. Zwar hob eS sich in der Luft immer mehr wie ein Brausen, und Murmeln und Pfeifen drang geling in sein Ohr, aber keine verständlichen Laute, da zumal Alles ringsum von Wolkenschatten ganz verhüllt war. Dachte Scholem: „Die hat unser Einer in ihrem Leben nicht verstanden, versteht er'sie noch weniger nach ihrem Tode. Aber sieh! dort drüben, weithin, wo die kleinen Kinder liegen, die früh in den Armen-der weinenden Mutter gestorben, oder die namenlos dahingegangen nach wenigen Tagen Und Stunden, oder die als Fehlgeburt das Licht der Welt nie.erblickt, da glitzerten die hellen MondeSstrahlen, und schau ... da stiegen die kleinen Engelsgestalten hervor, weiß, wie Wachs, und hoben sich in die Höhe, und nicken und pusten sich zu, und da spielen und tanzen sie ... wird's dem Scholem ganz heiß im Herzen, und es kommt ordentlich.eine Wuth in seine Brust: „Die mußt du kriegen! da kannst Hr dein Glück machen!" . .. Denkt'S, und kriecht durch daS GraS immer durch die Gräber hindurch, trotz des nächtlichen Thaues , der ihm bis church die Kleider, dringt schon ist er bis hin gelangt, ämmer weiter drängt er sich zu den kleinen hüpfenden, leuchtenden Gestalten — schau, dort liegt ein Mützchen, das einem Kinde vom Haupte gefallen , daß seine goldenen Flechten frei vom Kopfe hängen —? noch einen Ruck, er greift danach, er hat's, er springt auf kn seiner ganzen Länge mit einem freudigen „Ha!" ' Da klingt's wie.ein „Weh!" durch die Luft, und es raschelt und schlurft, an ihm vorbei, dahin ist'S, ein ZedeS in seine Gruft.?... Aber das Eine mit den goldenen Flechten, das kann Nicht hinabdenn es hat sein Mützchen verloren, und sucht eS im Graft und kann eS nicht finden.. . . Da läßt Scholem das Mützchen im' Winde flattern,: es kommt herbei und hascht danachaber. Scholem hält das Mützchen fest, und geht von dannen ... das Kind ihm nach mit bittender, flehender Geberde *— bis an die . Scheune. Dasteht Scholem still und spricht: „Willst Du Dein Mützchen wieder haben, so sag' mir,'wie werd' ich meinen Dalles (Armuth) loS...." Hob mit feiner, klarer- Stimme das Kindan: „Nichts leichter als das, nimm Dir Gold und Silber und Perlen die Menge, und der DalleS ist. weg." „Kunststück!" versetzte Scholem, „wo abersoll ich Gold und Silber und Perlen die Menge nehmen?" — „Das weiß ich nicht, damit haben mir Nichts zu thun. Aber einen, guten Rath will ich Dir geben. Du weißtjeder Arme hat seinen besonder» Dalles. Nun, in morgender Nacht kommendie DalleS der umliegenden Gegend zusammen, wie sie jährlich thun am ersten Elul (zwölfte Monat), und besprechen sich zusammen. Es geschieht dies auf dem Scheimesboden*) der großen Synagoge in der Stadt. Da geh hin, und Du wirst sicher hören, wie Du Dein Glück machen, kannst. Nun gieb mir mein Mützchen...— „Noch nicht/ erst sag mir, was Hab' ich zu thun, daß ich ohne Gefahr die Dahles hören und verstehen kann?..." — „Der Scheimesboden ist offen, da geh Morgen am Tage hin, und mach', an der Misrachftite (Ostftite) in der Ecke einen dreifachen KreiS vyn Kreide. Um Mittternacht gehst Du hin, und nimmst in die Hand ein Stück Schelmes, auf dem der Name des hochgelobten Gottes dreimal steht, und stellst Dich in den Kreis, dann kann Dir Niemand was thun- und Du hörst und verstehst Alles.. .." Sagt's, Scholem läßt das Mützchen fahren — fort war'S. Es versteht sich von selbst, daß wir unfern Schnurrer die nächste Nacht um die Mitternachtsstunde auf dem Scheimesboden der großen Synagoge an der Misrachftite in einer Ecke in einem dreimal umschriebenen Kreise von *) Der Boden, wohin die Reste der verbrauchten Gebetbücher und Bibeln gelegt werden. 38*

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