Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 16 (1852)
- Issue
- Heft 38 (13.9.1852)
- Date
- 1852-09-13
- Page
- Seite 456 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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456 der Schnurrer sehr übler Latin ei Die Ernte war schon das zweite-Mal schlecht ausgefallen. DaS kümmerte zwar Veit Schnurrer nicht) dimtr er hatte wahrlich! Nichts abzüdrnten und Nichts eknzüthün—7 aber es drohete allgemeine NöthdeM: Lande—auch dafür schlug sein Herz nicht-sehr/ denn was ging ihn das Land andas er mit flüchtiger Sohle durchschritt — aber in dieser allgemeinen Noch ' und Theuerung hauShaltete man im Lande -mehr als ' sonst, Und wandte seine Gaben lieber den heimischen, zahlreichen Bedürftigen zu-, und sah jeden fremden Schnurzer als überlästigen Zehrer an. Daher war es diesmal eine beschwerliche und armselige Fahrt durch das Reich, und in den Leibern seiner Familie, die in seiner Füße Spürenging- ' hatte schon die ganze Hungersnoth ihren Sitz aufgcfchlagen und einen Botrath von Mangel angelegt, - der im bevorstehenden Winter zu einem erdrückenden Ueberflüß heranzuwachsen drohte. Aber waS half es? Die üble Laune gar Nichts, und das Brüten und Trachten auch Nichts. Er begann fich zu trösten. „Haben doch meine Väter und meiner Väter Väter gelebt vom Schnurren und sind nicht gestorben daran, wird'S mir auch nicht anders gehen." — „Hat man je schon gehört, daß ein ehrlicher Schnurrer mmgekommen vor Hunger? Noch Hab' ich's nicht gehört, und warum soll es mir gerade zum ersten Mal passtren?" — „Schade, daß Rachel (sein..Weib) schon vot einem Jahr ist niedergekommen, zu, Purim müßt' es geschehen, dann wär' für den Winter ziemlich gesorgt." — „Na, ich mach'S nicht anders, der alte Gott lebt noch." Wandte sich um nach denen, die ihm folgten. Siehe, sie zögen dahin langsam und schwerfällig; denn es war Abend-geworden, und zogen sie doch schon den -ganzen lieben Tag, denn die Stadt, wo sie geherbergt, und die Stadt, wohin sie wollten-, lagen weit auseinander. Die Sonne sank eben in einem Meere von Glüth unter; ein werter Ström von Gold strahlen ergoß sich vom Himmel und durchleuchtete die Zweige der Bäume, und strahlte wieder von der Spiegelfläche des Wassers. Aber was kümmerten sich die armseligen Wanderer daruM? Denn erstens waren sie sehr müde, zweitens schleppten sie ihre Bündel Lumpen mühselig fort, zum Ueberflüß hatten sie großen Hunger, und drittens bekümmerten sie sich nie üm so Was, wenn sie auch nicht müde und hungrig waren?:.. ' Endlich gelangten sie in die Nähe einer Stadt. Der Schnurrer schien wohlbekannt mit der Gegend, denn er -lenkte seine großen Beine und zerrissenen Schuhe von der Heerstraße ab, ging durch einen kleinen Fichtenhain, und staüd bald vor -einem einstöckigen) aber langen Hause, das an der Fronte einer weithin sich -streckenden Mauer -stand: Er öffnete die Thüre. Ein großer, dürrer, aber wie es schien kräftiger Mann mit mächtigem schwarzen Backenbart fuhr ihn an. „Was, seid Ihr schon wieder da? Noch kein halbes Jahr, und, Ihr habt hier eine! Woche gelegen mit Eurem schmutzigen Weib und Kindern^..." „Guter, lieber, barmherziger Reb Hersch, habt doch Erbarmen mit mir armen Mann, und schreit nicht so gewaltig mit mir. Wollt Ihr mich nicht haben, schmeißt mich raus, schmeißt mein Weib raus, schmeißt meine Kinder raus, aber schreit mich nicht so mächtig an, denn ichzittre schon am ganzen Leib.. . V' „Zittert so viel Ihr wollt) aber kommt nicht so oft wieder. rief der Mann schon etwas ruhiger. ,-Nu, werd' ich wahrhaftig nicht wieder kommen, jetzt bin ich aber doch schon da.;.." „So legt Euch hinter in die Scheune-, das Haus ist schon voll von Euresgleichen...." Sagt's- und ließ den Schnurrer stehen, um den sich bereits die Glieder seiner Familie gereiht hatten. „Komm!" sagte er zu seinem Weibe. Sie schritten durch'sHaus, über den Hof, iw eine Scheune, darin Nichts als einige alte Strohbündel. Wie es sich der' alte-Schnurrer und seine Familie da bequem gemachtwie sie zu einem Abendbrod gekommen, das freilich eben nur Brod war, soll uns hier Nichts angehen. Es war stockdunkel in der Scheune, und die Familie lag auf dem Stroh und schnarchte nach des TageS Mühen weidlich. Der alte Schnurrer aber sann und sann; es war ihm ' heute gar eigen zu Muthe, in seinem Leben hatt' er noch nicht bedacht, wie es am nächsten Tage werden sollte, und heut' könnt' er nicht schlafen vor dem Gedanken, wie es den nächsten Winter werden sollte — freilich! der letzivergangene war auch zu trübselig gewesen. Ward er immer unruhiger, warf sich von einer Seite zur andern, endlich lag es ihm wie ein Älp auf der Brust, er stand auf — angekleidet war er ja'— und trat leise zur Scheune hinaus. Draußen war der Mond aüfgegangen, aber, die Wölken fuhren um ihn und über ihn-, daß er' nur ein falbes, durchbrochenes Licht verstreuen konnte. Einige Schritte und unser Schnurrer stand am Rande des großen jüdischen Kirchhofs der dortigen Gemeinde-, deün die Scheune gehörte zum Tvdtengräberhaüse, das zugleich Herberge für die wandernden, schnurrenden-Juden war: Als er -so stand vor dem großen Gräberfelde, das theils von dunkelen Schatten bedeckt-- theils vom weißen Mondlicht übergossen war, und die vielen großen und kleinen Grabsteine starrten wie mächtige weiße Finger aus