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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1852-09-06 · Heft 37 (6.9.1852) · p. Seite 446

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
16 (1852)
Issue
Heft 37 (6.9.1852)
Date
1852-09-06
Page
Seite 446 (sequence 10)
Language
German
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446 hatte er die Augen geschloffen, so fiel ein so starkes Licht ihm in dieselben, daß er sie wieder aufthun mußte, und, waS er vorher gar nicht gewahrt hatte, gegenüber dem Ecksteine, auf dem er saß, stand ein großes Gebäude, aus dessen zahllosen Fenstern ein unendliches Licht strahlte. Plötzlich öffneten sich die Pforten, und in dem gewaltigen Lichtglanz, der herausquoll, sah er zwei, drei Gestalten, die ihm winkten und winkten, bis er nicht mehr widerstehen konnte, und die Geige fest an das Herz gedrückt, hinüberschritt.. Die Gestalten traten ihm auS dem Weg, und er hinein. Zuerst befand er sich in einer prächtigen Vorhalle, worin unermeßliches Volk; da war ein Geschwüre und Gemurmel, daß eS wie brausendes Meer ihm schien. Aber waS das Sonderbarste, aus der Menge nickte ihm bald der, bald jener zu, und wenn er hinsah, erkannte er Leute, die ein, zwei, zehn, zwölf Jahre schon todt und wohlbegraben waren, und er sah sie in den Kleidern und mit dem Aussehen und den Geberden, wie er sie in ihren letzten Lebensjahren so oft gesehen. Freute er sich dann, daß sie doch noch lebten, und ihr Tod ein Jrrthum gewesen, in dem er befangen, und trat auf sie loS, um sie zu begrüßen — husch, da waren sie davon, er sah sie noch in der Ferne, und dann verschwunden.... Aber mit Einem Male thaten sich die Leut' auseinander und bildeten eine Straße, durch die er-vorwärts mußte. Sah er sich auf einem Male in einem Ungeheuern Saale, so prächtig, so herrlich, selbst des reichen Parneß Hirsch Saal war ein Kinderspiel dagegen. Alles von Marmel und Gold und Spiegel, Kronleuchter, Häuser groß, mit zahllosen Kerzen, Guirlanden ringsum von tausend Blumen ... an der Wand, dem Eingang gegenüber, stand aber ein hoher Thron, mit rothem Sammet und Goldfranzen, und auf den Stufen lagen zu jeder Seite goldene Löwen, ihre Augen große Karfunkelsteine; ünd auf dem Throne saß der König, er wußte, eS war Achafchweiraufch, und neben ihm die Königin Ester.... Wer beschreibt die Pracht ihrer Herrlichkeit, die güldenen Kronen auf ihren Köpfen, die Zepter mit Edelsteinen in ihren Händen ... kein Mensch kann's. Karpel blickte sich um, auch den Großvesier Mordechai zu sehen — aber der darf ja an der Purimlust keinen Theil nehmen, aus Strafe, weil er das Gesetzesstudium vernachlässigen mußte, als er das große Reich verwaltete.... Lange stand Karpel mit seiner Geige von ferne, denn seine Augen konnten sich nicht satt sehen an all dem Glanz und der Majestät. Da winkte der König mit dem Zepter ihn herbei, er trat vor den Thron, und der König hob an : „Karpel, ich freu' mich, Dich zu sehen gesund und munter hier in unsrer Mitte.... Nun sollst Du uns auch was vorgeigen, denn die Todten können zwar fingen und pusten und gurgeln, aber spielen können sie nicht; und ich habe großes Verlangen nach „dem Tone des HornS und der Flöte, der Zither, der Sabcha, des Psalters und der Pfeife", die ich so lange nicht gehört; nimm Deine Geige und spiele...." Anfangs schauderte Karpel, da er von den „Todten" hörte, aber er faßte Muth, er wußte nicht wie, Und schnell die Geige zur 'Hand und loSgestrichen. Kaum hatte er seine erste Melodie begonnenes» reichte Achafchweiraufch gar zierlich die linke Hand in Glaceehandschuh der Königin Ester, die stiegen Beide vom Throne, und begannen den Tanz/ mit Krone und Zepter und dem samMtnen Königsmantel, dessen Schleppe vier Pagen trugen, die hinterdrein - tanzten. Und stehe, ihnen nach reihten sich Männlein und Weiblein in glitzernder Pracht, und tanzten nach, eine unabsehbare Reihe, ultd je mehr er strich, tanzten sie, und je mehr sie tanzten, geigte er, immer schneller, immer wilder, schon war seine dritte Melodie vorüber, und er begann die erste von Neuem, bald rannten die drei wieder durcheinander, aber das störte Karpel nicht, und nicht Achafchweiraufch und Esther nicht, und alle tanzenden Männlein und Weiblein nicht. Endlich blieb der König stehen und Karpel hielt an: „Karpel, mein Guter!" hob jener an, „kannst Dn denn weiter Nichts als Dies?" Antwortete Karpel: „Nein! und ist das nicht genug?" „Sehr schön, mein Karpel, aber mein Oberhofsänger soll Dir meine Leibmelodie Vorsingen, und die sollst Du Nachspielen." ... Winkte der König, kam der Oberhofsänger, ein langer, langer, spindeldürrer Mann in schwarzseidnem Kaftan und Gürtel, und mit einem mächtigen Zwickelbart, der pflanzte sich vor Karpel hin und sperrte den Mund weit auf, und Karpel sperrte die Ohren auf ... aber so viel auch Beide aufsperrten, hörte Karpel doch keinen Laut . . . und doch, mit einem Male war es ihm, als ob ihm eine neue, nie gehörte, nie geahnte Melodie in die Seele ranne, und er hob den Bogen auf, und strich die Fidel, und neue Töne entquollen ihr, und lustig ging's fort und fort — eine vierte Melodie! Das war ein Jubel in der Seele Karpels, und Achafchweiraufch freute sich über die Maßen, daß er so schnell sein Leiblied gefaßt, und fort ging's von Neuem in wirbelndem Tanz nach der neuen Melodie.... Viele, viele Stunden verflossen, Karpel in seinem Enthusiasmus fühlte sich nicht müde, und'die Tanzenden gar nicht — da plötzlich blieb Achafchweiraufch stehen, und #

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