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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1852-09-06 · Heft 37 (6.9.1852) · p. Seite 445

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
16 (1852)
Issue
Heft 37 (6.9.1852)
Date
1852-09-06
Page
Seite 445 (sequence 9)
Language
German
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man den Mann „Karmel mit der .Gefge", MS so zuging. .Er .hatte eine Geige, die hing Jahr aus Jahr ein an der Wand, und .oh er sie früh und spät anschmunzelte wie; eine Geliebte, an der Einem alles Sinnen und Trachten j hängt, daß man sah, die Geige beschäftige ihn Tag und; Nacht, so nahm er sie doch niemals herunter. Sein Lieblingswort war daher, wenn von den Jungen, die ihn zu verhöhnen pflegten, ein gutmüthiges Bürschchen einmal! hei ihm stehen blieb: „Du, hör', ich will Dir auch ein! Räthsel aufgeben; was ist das, wenn'S an der Wand! hängt, ist's traurig, wenn man'S 'runter nimmt, ist's 'ne \ Violin'?" — Aber wenn am Purimfeste die Sonne dieletzten Schatten geworfen, wenn die Dämmerung des na-! hend.en Frühjahrs den duftigen Schleier über die Stadt! breitete, wenn in den Häusern der Söhne Juda'S zur; Feier des heitern Festes Kerzen über Kerzen sich entzünde-! ten auf den bestgedeckten Tischen, und Kalbsbraten und? geschmorte Pflaumen überall erschienen, und wenn diese aufgeräumt waren, mächtige Bowlen an die Stelle kamen,! .auß denen der starke Duft des Punsches in die Höhe! stieg) und wenn dann bunte Gestalten, in Mäntel v.er-z mummt, durch die Straßen huschten, hinter drein im hel-\ len Mondenschein die Jungen: „Maske! Maske!" und v bald in dieses, bald in jenes Haus schlüpften, auf der; Flur die Vermummung abwarsen und in die hell erleuchteten Zimmer traten, um sich anstannen, errathen und bewirthen zu lassen, auch lustige Sprüchlein zu sagen und in der „Maskenfreiheit" sich Scherze und Schalkstreiche z zu erlauben; oder es fuhren ganze Gesellschaften „Verj stellte:" in einem Wagen herum, und statteten ihre Vi-; fiten ab — — da hatte auch unser Männchen längst! seine Geige von der Wand genommen, hatte sie probirt s und gestimmt, hatte mächtig darauf herumgestrichen (seine; Feinde sagten „gekratzt"), und war hinausgegangen, um; auch die Runde zu machen, und in allen „guten" Häu-; fern, hie und da auch in einer Hütte, vorzusprechen. Und wo er eintrat, und sein „Gut Purim, gut Purim, ihr; hiebe Leut'!" entgegenrief, da ward er mit Jubel empfangen: „Karpel mit der Geig' ist da! Gotteswillkommen, Karpel!" Und nun fing er an zu streichen. Zuerst strich er sich die Haare aus der viel- und tiefgefurch- , ten, breiten Stirn, daß sie in die Höhe standen, dann strich er hochbegeistert mit dem Bogen -über die Geige, und nun fing er an. Allerdings standen ihm nur drei Melodiken zu Gebote, die er immer und immer wieder spielte, wenn auch nicht immer in derselben Folge, aber diese wie fertig.und mit welcher Force! und imHer den Bogen bis Wf-den untersten Knopf, und die Geige herumgeworfen Nach links, daß er fast sich um sich selbst drehen mußte, um nur mit dem Bogen auf die Saiten zu kommen, und dabei den Kopf bald links, bald rechts, daß er manchmal wie-auf den Nacken zu stehen kam ~ und nach jeder Melodie wurde ihm ein Glas Punsch aufgezwungen, und da gerieth er in Feuer, und nun geriethen in seiner doppelten Begeisterung seine drei Melodieen untereinander, und ein Paar Takte -der einen wechselten mit einem Paar Takte der andern, das gab ein höllisches .Konzert, daß er zuletzt alle drei mit einem Strich zu spielen schien, und die Leute lachten sich halb todt, und hielten sich die Ohren zu, und kreischten: „hör', auf, hör' auf!" er ließ sich aber nicht stören und da sprang wol Einer in die Höhe und her Andre, und hielten ihm den Ellbogen fest, er aber machte sich auf Augenblicke frei und strich weiter, da stopfte man ihm die Taschen voll Kuchen, und wenn der Lärm lang genug gedauert, schoben sie ihn zur Thür hinaus-^-daZ .war eine Purimlust! Draußen auf der Straße schüttelte er dann mit dem Kopf, warf den Kuchen aus »den Taschen, denn-der Instinkt sagte ihm, sie müßten leer sein, um-anderwärts wieder gefüllt zu werden, ging ein Paar .Häuser und stand -still — aber wie er wieder an ein» hell erleuchtetes HauS kam, husch! war er wieder hinein, und der Spektakel sing von Neuem an. . .. Das war „Karpel mit der Geige". War er einmal auch fp in vielen Häusern gewesen, daß es spät in die Mitternacht gekommen war, und hatte den Heimweg angetreten. War'S heut' überaus gut gegangen, überall war er freundlich empfangen worden, und man hatte ihm des guten Getränks so viel gespendet, daß, so viel Karpel auch zu lassen vermochte, doch der Kopf ihm etwas stark umnebelt war. Kurios,-tanzt-' ihm doch heut der Mond wie auf der Straße herum, daß er schier glaubte, er könnt' ihn fangen, und er einige Male ansetzte., ihm nachznlaufen, und die Häuser standen alle auf den Dächern, und die großen, schwarzen Schornsteine waren die Beine, auf denen sie marschirten und hüpften, als wollten sie mit einer großen Polonäse den Ball eröffnen; was Wunder, daß er ihnen auswich, aber darum nur um so eher auf sie stieß und von der einen Seite zur andern geworfen wurde; bald war er daher aus dem Wege gekommen, und gerieth.hin, wo er sich nicht mehr zu finden wußte; .und da fühlte er sich.endlich sehr müde, und fetzte sich voll Grauens ans.einen Eckstein, und fast war eS ihm, als schliefe er ein.... Aber daS kann doch nicht.gewesen sein; denn kaum .37*

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