Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 16 (1852)
- Issue
- Heft 35 (23.8.1852)
- Date
- 1852-08-23
- Page
- Seite 420 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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ferS SonntagSlked von Kreuzer. Angenehm und wohlthuend wirkte auf die Zuhörer eine Motette von Laur, ausgeführt von der Sektion Baden. Erschütterung und Bewunderung -rächte die Sektion Oberaargau mit ihrem Lied: Vor der Schlacht, von Küken, hervor. Schön und mit vieler Kunst trug der aarauer Verein: Die Welt ist so schön, von Fischer, vor. Einen mächtigen Eindruck machte der Schluß, ein BundeSlied von Näzeli, von der aus lauter großen und korpulenten Männern bestehenden Freiämtersektion gesungen. Um 4 Uhr ging es aus der Kirche zur Speisehütte, wo sich die Chöre einzeln ein jeder an seinen Tisch setzten. Die Toaste wollte anfänglich nicht recht gehen, wegen allzu großen Tumultes; nachdem sich jedoch die Menge zu reduziren begann, wurde eS auf der Rednerbühne im-, mer lebendiger und launige und ernste Toaste wechsln ab. Lehrer DreisuS brachte folgenden Toast, der als die erste Rede eines Israeliten an das aarguische Volk die Oeffentlichkeit verdient: „Freudig begrüßen wir israelitische Sänger aus dem Surbthale das hohe Fest, das uns heute in den Kreis der aargauischen Männerchöre führt. Höher hebt sich unser Herz und Jubel füllt unsere Seele ob des brüderlichen Willkomms, der uns heute zu Theil geworden. Für uns ist dieses Fest von desto größerer Bedeutung, da unsre Fahne zum ersten Male in dem Sängerbünde weilet, wo die Gefühle für Gott, Freiheit und Vaterland geweckt und gestärkt werden. Ob dieses Heils, das uns nun geworden, ist unser ganzes Wesen feierlich gestinnnt und schauen wir frohen Muthes auf zum Allvater, der das Band der menschlichen Herzen so innig bindet. — Wahrlich einen schönem Tag haben wir noch nie erlebt! —r Doch eine düstere, schwere Wolke trübt un° sern Horizont und hindert unfern Blick zum höhren Himmel des reinen Sängerlebens. Ein Gedanke ernst und schwer mahnt unS an jenen Sänger, an Babilons Strömen, der, als er zum Gesänge aufgefordert wurde, seine Harfe an die Weide hing mit den Worten: Wie kann ich göttliche Lieder singen auf fremden Boden?! Ihr werdet mich staunend fragen, ob wir denn den schweizerischen, organischen Boden fremd nennen? Nein, nicht wir nennen ihn fremd. Unser Herz, unser Verstand und die Urkunden der Geschichte sagen uns, daß wir Schweizer, daß wir Aargauer, und dennoch sind wir in die engen Marken deS SurbthalS eingebannt, da ist unser Ghetto, wo wir wie ein fremdes Geschlecht gehalten find, obschon wir da eine PrüfungSzeit von mehr denn einem halben Jahrtausend bestanden haben. Wir müssen der schönsten und heiligsten Rechte entbehren, welche dem Menschen, dem Schweizer lieb und theuer sind. Unsere Kraft ist gelähmt, unser Mund ist todt und wir müssen eS als ein Gnadengeschenk ansehen, wenn irgendwo in den weiten Gauen unsers Vaterlandes uns eine Stätte gegönnt wird zur Fristung unsers Daseins. Wahrlich, so lange wir einer solchen Behandlung ausgesetzt find, haben wir unser verlorenes Jerusalem noch nicht gefunden. Wenn wir aber von Freiheit nnd - Vaterland fingen und unser Gefühl in ernster Begeisterung sich regt für diese schönen Güter, so mischt sich allemal in daö Freudegefühl, daS diese Lieder in uns wecken, ein Gefühl der Wehmuth und des Trübsinns. Verzeihet mir, meine lieben Sängerfreunde, wenn ich an diesem Tage der Freude solche Klagetöne hören lasse. Es drangen sich dieselben unwillkürlich auS unserer freien Brust. Der Sänger muß frei sein. Unfteiheit ist die ärgste Disharmonie und der Gegensatz alles dessen,, was der Sängerbund erzielen will. Doch nicht immerfort ist unser Blick auf die zerschellte Harfe an der babilonischen Trauerweide geheftet, nicht diese haben wir zu unserm Symbol gewählt. Auf unserer Fahne erblicket ihr den Phönir. DaS Sinnbild der Verjüngung soll verkünden, daß wir Theil nehmen an der geistigen Auferstehung, an der Wiedergeburt deS AargauS und der Eidgenossenschaft. Wenn auch bürgerlich und politisch auf einen engen Raum beschränkt, so haben wir dennoch Sinn und Herz für Alles was zur Hebung unsere Vaterlandes beiträgt. Zu dieser Theilnahme bot uns der aargauische Männerchor brüderlich die Hand. Treu seiner Aufgabe, das Band der Bruderliebe enger zu knüpfen, weckt er durch die Harmonie der Töne der Seelen Harmonie, welche nur reine Akkorde und keinen Mißton anstimmt und nicht den Bruder verschmäht, weil er nicht in gleicher Weise zum Allvater betet. Diese auf ewigen, unabänderlichen Gesetzen gegründete Harmonie, ist die heilige Urkunde, welche um die Menschen ein Band schlingt, das enger und fester knüpft, als alle geschriebenen und gedruckten Verfassungen und Gesetze. Fern von aller Klasseneintheilung und Kategorienfabrikation fördert fie Liebe und Eintracht und einiget Alle, deren Herz für daS Große und Gute schlägt. Dieser Seelenharmonie mein Lebehoch!" Der Redner wurde durch viele und rauschende BeifallSbezeugungen unterbrochen und von allen Seiten tönte es den Sängern, welche neben ihrem Redner auf Geheiß des Präsidenten des FestkomitöS Platz genommen/ zu: Wir glauben All' an einen Gott. Zu ihrem Leidwesen konnten sie dieses Lied nicht auswendig singen und stimm-