Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 16 (1852)
- Issue
- Heft 34 (16.8.1852)
- Date
- 1852-08-16
- Page
- Seite 404 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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404 Epoche noch viele Mische Mathematiker anführen. Die mathematischen Doktrinen wurden von den Arabern .eifrig kultivirt, und die Juden blieben nicht.zurück. Das gute Beispiel erweckte neue Kräfte und auch die christlichen Herrscher auf der iberischen Halbinsel förderten Künste und Wissenschaften. Johann, ll., König von Portugal,. berief die gelehrtesten Männer seines Reiches,-um so die Schifffahrt und dadurch die Entdeckung neuer Weltgegenden zu fördern. Ein Konnte wurde gebildet, bestehend auS seinen beiden Aerzten Roderigo und. Joseph,-Letzterer ein Jude, welche die gelehrtesten Astronomen ihrer Zeit waren, und der berühmte Martin Behem wurde ihnen beigesellt. Von diesem Rathe, in welchem also auch jüdische Gelehrsamkeit thätig war, ging die Anwendung des Astrolab auf die Schifffahrt aus. Diesem Rathe legte Columbus seine weltverändernden Plane vor, die bekanntlich verworfen wurden.*) Manche Juden bekleideten auch öffentliche Lehrämter der mathematischen Wissenschaften; so war der Verfasser des Geschichtswerks 'jlloN)'', Abraham benSamuelSakut, Professor der Astronomie zu Saragossa. Nach Vertreibung der Juden aus Spanien und Por? tugal war eine trübe Zeit in Israel, wo keine Wissenschaft aufkeimen konnte, und es brauchte lange Zeit, .bis sich . wieder einige Spuren mathematischer Thätigkeit nn Deutschland zeigten. Zu Anfang des 17ten Jahrhunderts fördert Kaiser Rudolph die Astronomie mit besonderer Vorliebe. Er berief den berühmten Dänen Tyho diBrahe zu sich, dem er das Schloß. Benatek bei Prag zu astronomischen Beobachtungen einräumte. Dieses Mäzenat erweckte auch unter den dortigen Juden tüchtige Kräfte. Der Rabbiner Löw, unter dem Namen „der Hohe Rabbi Löw" bekannt, war mit dem Kaiser befreundet, und dankte diese hohe Gunst gewiß seinen Mathematischen Kenntnissen. ' Das prager Ghetto erzählt noch heute allerhand Legenden von dem alten Rabbi, die offenbar der Tüchtigkeit des; Mannes in den mathematischen' Fächern ihre Entstehung danken. Der Golemsage, von dem leblosen Menschen, der; ihn die ganze Woche bediente, und nur am Sabbat rastete, liegt wahrscheinlich ein künstliches, von ihm verfertigtes Automat zu Grunde, dessen komplizirten Mechanismus der streng fromme Rabbi am Sabbat, nicht in Bewegung setzen mochte. Bei einer andern Sage,, nach welcher der Rabbi das hradschiner Schloß in seine.Wohnung zauberte, als ihn der Kaiser mir einem Besuche erfreute, denkt wol Jeder selbst an eine Camera obscura. Ein an¬ *) Washington Irving: Columbus. derer jüdischer Astronom jener Zeit war der bereits ^erwähnte David 'Gans. Er lebte.in Freundschaft mit Tyho di Brahe, besuchte ihn dreimal auf dem Schloß Benatek, 'blieb jedesmal 5 Tage dort, und . half ihm arbeiten i), Kurze Zeit, darauf erregte ein anderer Jude durchs seine große Gelehrsamkeit, durch die Tiefe und Schärfe, seiner Ansichten,, durch die Neuheit seiner philosophischen Systems großes Aufsehen.-. Der Name Benedikt Spinoza ist weltberühmt.. In unserer Skizze gebührt ihm darum ein Platz, weil er zuerst die Mathematik auf die Philosophie anwendete, und sein System auf mathematische Prinzipien fußte. Im 18ten Jahrhundert erschienen viele theologische Schriften über psw und ‘paifin, welche mehr oder weniger mathematische Sätze enthalten. So schrieb der bekannte Elia Willna auch ein Werk über Algebra 2), und ähnliche Werke erschienen von David Rachbi — bha Yn — und Joseph Piwani in Prag — sjöti pW. Mit dem Toleranzedikt Kaiser Joseph II. brach für die ganze Judenheit Europa's eine neue Aera an; man fühlte, daß. man dem Leben angehöxe--^wench siuch Ldie^GWer, von der langen Lähmung Her,- sich nur schwach bewegten. Es zeigte sich das Streben auf wissenschaftlichem Gebiete gemeinnützig zu wirken, Der scharfsinnige Talmudist Saruch Eidlitz zu Prag schrieb sein Rechenbuch naab» pawNN hebräisch und deutsch. Offenbar hatte er ein anderes Publikum vor Augen als die früheren Autoren ähnlicher Werke. - In neuerer Zeit haben sich viele Juden als Mathematiker ausgezeichnet, besonders-zählen sie viele gute Rechner,. was auch der Grund sein mag, daß sie so viel Handelsgeist besitzen. Meyer Hirsch, Lindau, Gunz, Stern u. A. m. sind als tüchtige Arithmetiker bekannt; in neuester Zeit erhielt der polnische Jude SlonimSky den großen Preis von der'Akademie zu Petersburg für die von ihm erfundene Rechenmaschine. . Seitdem die Pforten der Wissenschaften. den Juden geöffnet wurden, und sie an der allgemeinen Bildung theilnehmen, ist die. Mathematik nicht mehr ausschließlich in den Händen der Rabbinen, sie hat ihre Jünger, , die ihr mit ungetheiltem Eifer anhängen. In unserm Jährhundert ist eS der einzige Kreuzenach, welcher die Theologie und die Mathematik mit gleicher Auszeichnung zu seinen Lieblingsstudien machte. .; - __■ V . *) Gans: 2) J-pbN ans»; Prag 1811, Vorrede.