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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1852-05-24 · Heft 22 (24.5.1852) · p. Seite 261

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
16 (1852)
Issue
Heft 22 (24.5.1852)
Date
1852-05-24
Page
Seite 261 (sequence 9)
Language
German
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Eine Hauptrolle in der kirchlichen Musik spielt unbegreiflicher Weise.die Fuge. S'elb^.der^Theoretiker Lpbe, auch ein Verehrer des. Alten, sagt „über die Fuge in der Kirche": „Ueberall, wo die Musik erscheint, erscheint sie um ihrer selbst willen;- fie kann deshalb wol sagen: wer mich nicht versteht, bleibe fort. Nur in der Kirche .ist es anders. In der Kirche ist fie nicht um ihrer selbst willen da , sondern^fie erscheint, hier. als. Dienerin des Kultus, der Religion, und muß fich den Zwecken' derselben fügen. In die Kirche kommt das Publikum nicht der Musik wegen, sondern die Musik kommt deS Publikums wegen." Wenn dies aber der Fall iss, wie ich recht gern zugebe, warum wendet man da die kälteste und gelehrteste Musikform, die Fuge, an, welche für den größten Theil der Gemeinde Nichts ist als ein völlig unverständlicher Tonwirrwar, ein sinnverwirrendes, lächerliches oder widerwärtiges, unausstehliches Durcheinanderplärren, wie man eS etwa in. einem Jrrenhaufe, nicht aber in einem Gotteshause erwarten kann? v Um das Widersinnige der Fugenüerwendung in der Kirchenmusik zu zeigen, erinnere ich Sie an das als erhabenstes und kirchlichstes Musikwerk der neuern Zeit gepriesene, von dem größten Musikgenie geschaffenean daS Requiem von Mozart und in diesem an die — Doppelfuge über Kyrie unt) Christe eleison. Wenn doch die gelehrten Musiker versuchen wollten, sich das Gefühl der versammelten -Gemeinde lebhaft vorzustellen, die von Für, Albrechtsbürger, Märpurg rc. Nichts weiß; sie würden vielleicht erkennen, welchen Eindruck jene Doppelfugenoch dazu über -Worte einer fremden Sprache, auf das ungeübte und ungelehrte Ohr, welchen Eindruck sie aufdas andachtsuchende Herz machen muß.- Die eine Stimme fängt das eine Thema an , dann kommt die zweite mit dem zweiten, Kontrasubjekt, in Sechszehntheilrouladen, und nun rollen diese Singschlangen endlos fort, winden und schlingen sich in der verschiedensten Art durcheinander und der Hörer vernimmt die zwei Worte Christe elei —--son! Ist dies eine Sprache für daS Herz? Soll darin auch der, welcher arm ist an Geist, oder betrübten Herzens, Verständniß oder gar Trost finden? Kann dieses Hin- und Herzerren eM andächtige Stimmung, ich will gar nicht sagen weckm; nur aufkommen lassen? Solche Musik ist die. Sprache der Künstlereitelkeit, der Gelehrsamkeit oder im besten Falle, den ich gern beiMo» zart gelten lassen will, des gänzlichen VerkenHnS des eigentlichen Zweckes aller KirchenmustkÄIne Ausnahme. Wird daS Herz und/ daS ungelehrte Ohr durch die Fuge nicht zerrissen, so langweilt die Kirchenmusik zum großen..Theile. , ' . , . . Hören- Sie selbst /ein Oratorium von Händel , einem der größten Komponisten'— seiner Zeit.; t Ich für meinen Theil scheue mich nicht auch'hier die nackte Wahrheit zu sagen und bin der Ueberzeugung, daß jeder Unbefangene; der sich weder von der Furcht vor dem historischen Recht,: noch-von derMajestät;deS allgemeinen Kredo,- noch .durch Kunstgelehrte, Noch durch fanatische Verehrer des Alten und Hergebrachten ^einschüchtern läßt, der sich nicht selbst belügt,! sondern überall nur der Wahrheit die Ehre giebt, auf die 'Frage, waS er empfunden habe, sich die.Antwort geben-wird: ich habe bei den meisten» Nummern einschläfernde Langeweile - im Ganzen nur -Mißstimmung, und Zerrissenheit empfunden. Und gewiß, jene Arien, die einst jung und neu waren, jetzt aber in Gedanken und Form alt: und verwittert sind; jene Triller und Kadenzen , die damals ■ wie Reifröcke, Perrücken-: Puder und Schönpflästerchen modifchl waren, die man für geschmackvoll, für Schmucks und Verschönerung hielt, die jetzt aber mit den Zöpfen abgeschmackt und lächerlich erscheinen; jene Phrasen, die sich wie! riesige Seeschlangen hknziehen und endlos , sinnlos wiederholt werden, der stillen Geduld und dem ungebildeten Ohr früherer Zeiten angemessen und vielleicht gar genehm, wenigstens erträglich waren, unserer lebendiger», raschen Zeit aber unerträglich langsam, unserm. gebildeten Ohr verletzend erscheinen; jene Rouladen, die? wie viele. Ellen langes Band nach, allen Richtungen spielen und flattern und die ihre Berechtigung einzig und allein in der geläufigen Kehle Und. der Eitelkeit her Sänger Haben, , auf uns aber keinen andern Eindruck machen wie das Kunststück der Gauklerdie sich endloses Band aus dem Munde wickeln, --- .alle diese mit. der alten Mode, die allein sie schuf, abgestorbenen -Dinge - die unbegreiflicher Weise für schön und wirkungsvoll gehalten werden — in der Kirche, in welcher die Mode am.' Allerwenigstenzu schaffen hat! — können in unserer Zeit: nichts anderes als LächelnM Gähnen oder Mißbehagen erregen, chöchstenS^rinAiMM^ sches Interesse, daS seinLMMMä^ÄbWMM^N ders, nur n icht^imäGW^M^^^Wüchen'- bat, oder spaßhafte Ball in historischem Kostüm, ,.dejf. inMr^^e abzuhalten eine Heiligthumsschändung ist. . Auch.ich verehre^Händel als einen, der größtem Meister seiner Zeit, der eben that und schrieb, waS seine Zeit wollte und ihr gefiel. Cr ist nicht dafür verant- 22*

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