Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 16 (1852)
- Issue
- Heft 16 (12.4.1852)
- Date
- 1852-04-12
- Page
- Seite 184 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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184 Weg wäre, alle Achtung vor den Gesetzen zu untergraben. - Stimmen Sie daher mit Ja oder Nein, bedenken Sie aber — fährt der Redner fort — wie wehe Sie Tausenden mit der Annahme des Antrages thun werden, und wie viele berechtigte Hoffnungen Sie vernichten. Prüfen Sie daher genau, damit Sie nicht Gott versuchen. (Bravo! links.) Abg. Kühne stimmt dem Antragsteller bei, daß der Zeitmangel gegen Berathung des Antrages wol nur ein Scheingrund sei; da aber in der That das Haus Wichtigeres und Dringenderes zu thun habe, als über Anträge, wie der vorliegende, viele Worte zu verlieren, so ersuche er das hohe HauS aus größerer Schonung für den Antragsteller, lieber zur einfachen, als zur motivieren Tagesordnung über den Antrag überzugehen. _ Abg. v. Bethmann-Hollweg hält das Bedürfniß einer Aenderung der Verfassung nach dem Anträge für nicht begründet, glaubt, daß nach dem alten Worte, die mitthaten, auch mitrathen müssen, den Juden, welche in den Freiheitskämpfen neben ihren christlichen Brüdern geblutet, die Ausübung der staatsbürgerlichen Rechte nicht vorzuenthalten sei, und empfiehlt die Annahme des Amendements v. Seidlitz. Kultusminister. Der preußische Staat ist ein christlicher; das ist von allen Seiten anerkannt worden und ich freue mich dieser Anerkennung. Die Praris der Staatsregierung werde weder jetzt, wie vor dieser Zeit, eine andere, als in Anerkennung jener Wahrheit, sein. In dieser Stunde halte ich aber für genügend, mich der Erklärung des Regierungskommiffarius in der Kommission anzuschließen und damit auch dem Antrags der Kommission. Der Schluß der Debatte wird hierauf beauftragt und angenommen. Berichterstatter Stünzner spricht noch einige Worte für die Annahme des Kommisstonsantrages. In der folgenden' Abstimmung durch Namensaufruf wird der v. Seydlitz'sche Antrag mit 75 gegen 49 Stimmen angenommen. Für denselben stimmen u. A.: die Abgg. Brüggemann, Denzin, v. Frankenberg, v. Weber, Prinz Hohenlohe, Graf Rittberg, Schmückeri, v. Zander; gegen denselben: Berendt (Trier), Graf BurghauS, di Dio, v. Gerlach, FürftReuß, v. Raumer (Frankfurt), Stahl. —. Wollen wir diese Sitzung der ersten Kammer kurz charakterisiren, so müssen wir annehmen, daß diejenigen, welche für den Kommissionsantrag stimmten, mit der Verneinung der Gleichstellung einverständen find, und nur die augenblickliche Zeit für ungeeignet hielten; die Abstimmung' für - den Antrag v. Seydlitz ist allerdings eine Erklärung gegen diese Verneinung, obgleich der Antrag v. Lette noch entschiedener gewesen wäre. Die Situation ist damit aber gar nicht geändert, denn das Ministerium hat abermals erklärt, daß es den bezüglichen klaren Paragraphen der Verfassung so auslege, daß es keinen Juden zu einem Staatsdienste gelangen lasse. Das Votum der Kammer ist also faktisch ganz gleichgiltig. Aus der ersten Kammer werden die Juden so faktisch ausgeschlossen sein, in der zweiten Kammer fitzt jetzt Keiner, und wird so leicht Keiner in sie gewählt werden. Also ist die ganze Angelegenheit ohne Bedeutung. Die Köln. Ztg. tröstet zwar damit, daß ein anderes Ministerium anders interpretiren wird — indeß w ix glauben, vielleicht Männer, bevor sie Minister werden, nachher schwerlich. Und wir hielten dies eher für ein Unglück. Denn jetzt wiffen wir, es ist für uns mit dem Staatsdienst Nichts, und werden daher unsere Jugend nicht dazu erziehen und bilden. Frankreich. Paris, 1. April. Heute hat die feierliche Einweihung des Tempels zu Paris stattgefunden, in Gegenwart einer Menge israelitischer und nichtisraelitischer Notabilitäten. Die Arch. versprechen eine nähere Beschreibung. — Eine interessante Zeremonie fand den 23. März am Abend im portugiesischen Tempel zu Paris statt: eS handelte sich um die merkwürdige Entdeckung zweier Sephorim (Torarollen), welche, versteckt unter vielen anderen Gegenständen, verkauft wurden, von zwei Synagogenvorstehern gekauft und der Gemeinde geschenkt waren. Der Tempel war glänzend beleuchtet und im Aeußern so eingerichtet wie am Jom Kippur. Ein zahlreicher Zufluß von Männern und Frauen gab dem Feste etwas sehr Eindringliches. Nach einem, von der Orgel begleiteten Choral, hielt der Großrabbine Isidor eine Rede über die Natur und den Werth des göttlichen Gesetzes, über den Charakter der Majestät, der den alten Pergamenten einwohnt, auf die es geschrieben