Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 16 (1852)
- Issue
- Heft 15 (5.4.1852)
- Date
- 1852-04-05
- Page
- Seite 177 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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177 neben einander vollendet hat: sv entwickelte und entwickelt sich die Menschheit in einem beständigen Fortschreilen von der niedrigsten zu immer höherer Stufe des Daseins. Man hat hieran gezweifelt, aber die Thatsachen' sprechen zu bestimmt. Brauchelch auf die Fortschritte der Künste und Wissenschaften hinzuweijen, dieser wesentlichen Arbeit des Menschengeistes? auf die ungeheueren Fort« schritte der Baukunst, der Schifffahrt, der Mechanik, Mathematik, aller Naturwissenschaften, die unendliche Verfeinerung aller Gewerke und Fabrikation? Vor dem Anfang unsrer Zeitrechnung sang ein lateinischer Dichter, Lucrez, voll Enthusiasmus: wer kann wol glauben, daß Künste und Wissenschaften eine noch größere Höhe erreichen könnnen, als sie schon erreicht haben — und doch hatte man damals noch keinen Kompas, keine geschliffenen Gläser, keine Buchdruckerkunst, kein Schießpulver, keine Dampfmaschine u. s. w. u. s. w. Brauche ich auf die unermeßliche Durcharbritung der Jurisprudenz, der Philologie, der Philosophie, der Medizin u. s. f. zu verweisen? Kann man die fortschreitende Entwickelung des menschlichen Charakters leugnen, wenn man von der Naivetät Homers zur ' Objektivität der pindarischen Lyrik, der Subjektivetät der mittelalterlichen Poesie, zur Idealität Shakespeare's, Dante's, Schillers übergeht? Muß man dieselben nicht anerkennen, wenn man die patriarchalische Staatsverfassung der asiatischen Völker, dann die, doch immer nur auf die an Zahl geringen Stammglieder beschränkte Demokratie'der Griechen und Römer, die Gliederung des mittelalterlichen Feudalstaates, den rationellen Absolutismus des modernen Europa's, der die Gleichheit aller Staatsglieder in großen Staaten anerkennt, den KonstitutionaliSmus Englands und den amerikanischen Staat überblickt? Aber auch da, wo man es am Schärfsten bestreitet, auf dem Gebiete der Sittlichkeit, ist die fortschreitende Entwickelung unverkennbar, sobald man die Dinge im großen Ganzen betrachtet, denn ein leidenschaft durchwühltes Wesen wird der einzelne Mensch immer bleiben. Aber sicher ist es wahr, von einzelnen Vorkommnissen abgesehen, daß das sittliche Bewußtsein der Menschheit, die allgemeinen sittlichen Grundsätze, die sowol von der Gesellschaft als giltkg anerkannt und geübt werden, als auch die Massen immer mehr durchdringen, bedeutende Fortschritte gemacht haben. Während selbst Geister, wie Plato, Aristoteles, im Alterthum den Sklavenstand als nothwendig und sogar moralisch gerechtfertigt anerkannten, sind jetzt die allgemeinen. Menschenrechte Niemandem zweifelhaft und vielfach durchgedrungen. Während das klassische Alterthüm von Unterstützung der'Hilfsbedürftigen wenig wußte, hat nicht allein das System der Anstalten für Arme, Kranke, Alte, der allgemeinen Lehr-, Arbeitsanstalten, Lebens- und Wittwenverficherungen ü. dgl. eine ungeheure Ausdehnung erlangt, sondern, waS noch viel mehr sagt, die Verpflichtung der Gesellschaft auch die durch sie gebrachten Schädigungen zu heilen, wird immer mehr anerkannt, wenn auch damit noch lange dicht die Mittel gefunden sind, die dies nachhaltig vermögen. Man sehe ferner auf die Fortschritte der Kriminaljustiz, aus der die Autodafes und Herenprozesse, die Folter unb lettres cachets, die Inquisition und die Vehme gewichen, endlich das heimliche und schriftliche Verfahren beseitigt sh,d. Endlich werke man noch einen Blick auf die Kriegführung, man vergleiche diese noch im dreißigjährigen Kriege, ja noch in der Verwüstung der Pfalz unter Ludwig XIV* mit der in den ungeheueren Feldzügen von 1792 bis 1815, und man wird überall auch den sittlichen Fortschritt der Menschheit nicht verkennen, sobald man überhaupt weder einen idealen Maßstab anlegt,, der nicht in das Reich des Sublunarischen gehört,' noch an einzelnen Fakten klebt, welche für. das große Ganze Nichts entscheiden. ' Hierbei hat man nun Zwiefaches wohl zu bedenken'. Die fortschreitende Entwickelung der Menschheit geht nicht in gerader, ununterbrochener Linie vor fichi Wenn Völker ihre Aufgaben gelöst, ihre Lebenskraft aufgezehrt hüben, müssen sie abtreten, wie die Individuen; wenn große Zeiträume ihre Prinzipien vollendet haben, sterben sie ab, wie die Generationen; ja große Völkerhaufen aus gemeinsamen Stamm müssen, so sie veraltet und erschöpft sind, der Vernichtung anheimfallen, und neue Stammfamilien treten an die Stelle, urkrsiftige, um ihre Bahn 'abzukreisen, um neue Lebenselemente herbeizuführen, neue Prinzipien aufzubringen und zu entwickeln vom Baume deS Lebens. Da muß es zu Zeiten kommen, daß ganze Kulturstufen zusammenbrechen, und eine Zeitlang neue Finsterniß die Menschenwelt bedeckt, weil daS Neue nicht fertig zur Welt kommen kann, sondern erst sich entwickeln muß. Es geschieht aber doch nur, um einer neuen Kraft die Bahn und den Raum zu schaffen. Es ist ein scheinbarer großer Rückschritt zu einem weitern Fortschritt der Menschheit. . So sanken alle Völker deS Alterthums mitsammen in'S Grab, mit ihnen überdeckte daS Mittelalter lange Zeit ihre ganze Zivilisation — aber nur um der großen germanischen Familie die Welt zu ubergeben ' zu einer neuen Kultur. Noch aber hat sich kein Kulturmittel 15*