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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1852-04-05 · Heft 15 (5.4.1852) · p. Seite 176

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
16 (1852)
Issue
Heft 15 (5.4.1852)
Date
1852-04-05
Page
Seite 176 (sequence 8)
Language
German
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176 eine etwas lokale und nationale Färbung unter den lokal und national vorwaltenden Bedingungen annehmend. So stellen sich, auch die verschiedenen Zeiträume als einzelne Organismen dar, in welchen ein großes Prinzip sein individuelles, aber'organisches Leben durchführt. Und stehe! auch hierfür zeigt sich dem Kundigen ein Analogon in der leiblichen Sphäre. Denn nicht etwa allein, daß von Zeit zu Zeit Epidemieen entstehen, sondern jede Zeit hat ihre epidemische Krankheitskonstitution, eine allgemeine Krankheitsanlage, die über große Welttheile sich erstreckt; so Mitte und Ende des vorigen Jahrhunderts die gastrische, dann die irritable (Vrownianismus), dann die inflammatorische (Brousseaiö), dann die nervöse u. s. w., eine Ansicht, worauf jetzt «ein ganz neues medizinisches System sich gründet, daS Rademachersche. Wir haben also, g. Z., unfern Blick schon dahinerhoben, daß, wie jeder Mensch ein Organismus, so auch jedes einzelne Volk ein vollständiger, nach den Gesehen des Organischen werdender,-bestehendermnd absterbender Organismus, und dann wieder jede Zeit in ihrem einheitlichen Prinzip ein solcher Organismus ist. Jetzt sagen wir, wie ein Volk und eine Zeit alle seine und ihre Individuen trotz ihrem Sonderleben zu Einem Organismus vereinig: so vereinigt die Menschheit alle Völker und Zeiten zu Einem organischen Leben, dessen Hauptgefetz die Entwickelung ist. Erklären und erweisen wir uns diise näher. Indem die Natur zahllose Geschöpfe, sämmtlich von verschiedenem Bau, verschiedener Form, Lebensart, Lebensdauer u. s. f. geschaffen, hatte sie keinen andern Zweck, als erstens alle möglichen Arten von Formen und Bauweisen des geschöpflichen Daseins, die nur sein können, zu erschaffen, zweitens aber, von der tiefsten und einfachsten Stufe zu immer vollkommneren, ausgebildeteren, entwickelteren Geschöpfen heraufzusteigen und alle diese Lebens¬ und Organisationsstufen bis zur möglich vollkommensten auszufüllen. Was so die Natur in der Summe aller Geschöpfe, das vollbringt die Menschheit in der Summe aller Völker und Zeiten. Zuerst ist es nicht zu verkennen, -daß ein jedes Volk seine bestimmte Anlage, seinen bestimmten Charakter hat, also seine bestimmte Stufe im Ganzen der Menschheit einnimmt und ausfüllt. Die Grandezza des Spaniers neben der Leichtigkeit des Franzosen, das dolce far niente des Italieners mitten in seiner Erregbarkeit, neben der besonnenen und angestrengten Betriebsamkeit des Deutschen, der steife, aber überall praktische Ernst des Engländers neben der unruhigen und Nichts schaffenden Leidenschaftlichkeit des Polen u. s. f., alle diese Züge,- denen andere bei allen Völkern nachzuweisen sind — man stelle z. B. den beweglichen Nordamerikaner neben den unbeweglichen Chinesen, den hitzigen Dänen neben den indolenten Türken, ja schon den sanguinischen Belger neben den phlegmatischen Holländer, wie denn auch der Charakter sich selbst provinziell erkennen läßt — sie sind zu hervorstechend, um einen Zweifel zuzulassen. Aber ebenso gewiß hatte und hat jede Nation ihren bestimmten Beruf, ihre weltgeschichtliche Aufgabe zu lösen. Wer, um nur Einiges anzuführen, auf die, Handel und Schifffahrt begründenden Phönizier und auf die, Kunst und Wissenschaft begründenden Griechen, auf daS religiöse Lebenselement der Israeliten, aus denen die religiöse Idee hervorging, und die das Jus erschaffenden Römer blickt, wer sieht, wie die modernen Italiener die moderne Kunst, und die Engländer den Welthandel und den konstitutionellen Staat zu schaffen hatten, die Deutschen die Theologie, Philosophie und Philologie zur höchsten Blüte gebracht, während die Franzosen alle möglichen modernen Staatsformen durchzukämpfen haben u. s. f., der muß die Ueberzeugung gewinnen, daß, natürlich ohne etwa damit eine ängstliche Abgrenzung zu setzen, doch jede, mit höheren Anlagen begabte Nation eine aus ihrem Charakter und ihrer Stellung hervorgehende Aufgabe, ihwen Theil an dem großen weltgeschichtlichen Bau der Menschheit zu lösen hat. Nicht minder wiederum die verschiedenen Zeiten der Menschheit. Die Naivetät des höchsten Alterthums in der Welt der Inder, Perser, Egypter bis in den Gesängen Homers, die sinnlich-klare Anschauung und der plastische Ernst im spätem Alterthum der Griechen und Römer unterscheidet sich so wesentlich von der wilden und tiefen Gemüthswelt deS Mittelalters, die bis zum Fanatismus stieg, und von der Beweglichkeit, zerfahrenden Mannigfaltigkeit und kritisch zersetzenden Vielseitigkeit der modernen Welt, daß eine Verwechslung nicht stattfinden kann. Dasselbe gilt aber auch für kleinere Zeiträume, und der Kundige wird z. V. die letzten drei Jahrhunderte sehr leicht in ihren Abschattirungen erfassen. Und so sehen wir ein, daß wie in der Natur alle möglichen Daseinsformen gegeben wurden, so auch das Menschengeschlecht in der Gesammtheit seiner Völker und Zeiten alle möglichen Charaktere, Anlagen und Aufgaben schaffen, entwickeln und ausbilden soll. Aber, m. Z., wie die Natur in allen diesen Geschöpfen von der einfachsten und tiefsten Stufe des Daseins bis zur höchsten Organisation steigt und diese Entwickelung

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