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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1852-04-05 · Heft 15 (5.4.1852) · p. Seite 175

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
16 (1852)
Issue
Heft 15 (5.4.1852)
Date
1852-04-05
Page
Seite 175 (sequence 7)
Language
German
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175 Organismus die überraschendste Aehnlichkeit hat. -Die Kindheit, die Jugend, ihre Entfaltung zur Manneskraft mit ihrer energischen Blüte, das Abfterben und der Tod sind in der Geschichte jedes Volkes unverkennbar und leicht zu unterscheiden, wobei es freilich auf äußere Umstände, wie auf die Bedeutsamkeit seines Lebensprinzips und die Zähigkeit seiner Lebenskraft ankommt, ob es die ganze Bahn rasch oder langsam zu durchlaufen, ob'eS in den einzelnen Stadien länger oder kürzer zu verharren hatte. Es'erscheint somit jedes Volk wie Ein Individuum.. Manches Volk hat viele Jahrhunderte in der bewußtlosen Kindheit gestanden, ehe die Energie seiner höhern Entfaltung geweckt ward, wie z. B. die Araber; manches Volk erhielt sich viele Jahrhunderte im greisenhaften Vegetiren, bevor von außen der Anstoß kam, der die innen vermoderte Leiche durch leiseste Berührung zum Zusammensturz brachte, z. B. die jetzigen Türken. In manchem Volke erzeugten sich Krankheiten, die den Tod droheten, aber durch ungeheuere Krisen und Ausbrüche ein neues, wie verjüngtes Leben hervorbrachten. Ueberall aber im Resultat dieselbe Erscheinung, und es ist kein Volk vom Schauplatz getreten, das nicht in sich selbst bereits den Tod, lang vorbereiret, getragen hätte, und es ist noch kein Volk auf dem Schauplatz geblieben, nachdem es sein ganzes Lebensprinzip verzehrt hatte. So können wir denn die einzelnen Völker in ihrem Charakter als organische Leben durchaus nicht verkennen, und wir sehen demnach schon hier sowol das Gesetz der Entwickelung vorherrschen, als auch durch dasselbe eine ungeheure Zahl von Individuen, die neben und nach einander eristiren, zu einem organischen Ganzen verbunden. Es wird dies aber auch gar nicht verwundern, wenn wir auch hier den gleichen physischen Boden, auf dem alle Individuen eines Volkes stehen, in Betracht ziehen. Niemand kann verkennen, daß alle Individuen einer Nation eine frappante Aehnlichkeit der Konstitution, überraschend gleiche Züge im Körperbau, besonders in Gesicht, Farbe, Gestalt u. s. w. haben, und daß sie ebenso in geistiger Beziehung an Charakter, Temperament, Leidenschaften, Geisteskräften hervorstechende Uebereinstimmung Haben, die sich als Volksphysiognomie und Volkscharakter, sogar leicht zeichnen und formuliren lassen. Daß innerer Zusammenhang zwischen diesen Erscheinungen und der klimatischen und geologischen Beschaffenheit des Landes, das dieses Volk bewohnt, stattfindet, entgeht dem Beobachter nicht,' und erweist' sich gerade dadurch, daß ein Volk, von seinem Ursprungslands entfernt, dennoch diese Eigenthümlichkeiten durch viele Jahrhunderte bewahrt, wie man noch heute den. Holländer auf dem Kap von allen anderen Bewohnern dieses Landes, trotzdem schon Jahrhunderte über seine Verpflanzung dahin gegangen, leicht unterscheidet. Die Individuen einer Nation bilden also schon physisch vollständig ein Ganzes. /Weniger be- und erkannt ist aber, m. H., daß nicht minder bet verschiedenen Zeiten innerhalb der mit einander verbundenen Menschheit als. solche einzelne organische Wesen angesehen werden müssen. Wir sehen gewisse Zeiträume von einer und derselben Richtung beherrscht, wir sehen in den Zeiträumen gewisse große Prinzipien aufkommen, sich entwickeln, und endlich absterben und ver^ kommen. Gedenken Sie z. B. des großen Prinzips des Feudalismus, das in den früher freien Völkern germanischen Stammes im Mittelalter entstand und sie gänzlich umgestaltete; des großen Prinzips der Reformation, das die allmälig abgestorbene Feudalktät auflöste und in den rationellen Absolutismus (ich nenne ihn so zum Unterschied vom irrationellen Absolutismus oder Despotismus) umsetzte, bis wiederum das Prinzip des Konstitutionalismus im vorigen Jahrhundert aufkam. Ich erinnere Sie, wie gleichzeitig, und in der Tiefe identisch, das Mittelalter vom religiösen Enthusiasmus (ja Fanatismus) beherrscht war, der in der Reformation zum religiösen Rationalismus überging, und in der neuesten Zeit zur kirchlichen Zersetzung umschlug. Warum, frageich, sehen wir zur Zeit des Verfalls des römischen Reichs, nicht blos Rom, sondern alledamals bestehenden Völker des Alterthums von demselben Geiste des Skeptizismus, der Erschlaffung und Erschöpfung ergriffen, daß sie allesammt den asiatischen Horden und der Barbarei zur leichten Beute wurden? Warum sehen wir den arabischen Stamm, der mit Mohammeds Wahlspruch in Syrien einbrach, in wenigen Jahren vom Himmelaja bis zu den Pyrenäen den Halbmond aufpflanzen und das Heidenthum durch eine neue asiatische Religion verdrängen? Es wäre lächerlich, solche Erfolge der rein physischen Kraft noch dazu kleiner Menschenhaufen zuzuschreiben. Nein, es ist nicht zu verkennen, daß. in der Menschheit immer neue Prinzipien erstehen, wachsen, sich entfalten, zu allgemeiner Geltung kommen, und nach ihrer wesentlichsten Entwickelung absterben und neuen Platz, machen. Wir sehen dann Dasselbe geschehen unter der Herrschaft eines solchen Prinzips an den Westwie Südküsten der Ozeane, in den Nordwie Ostgäuen der großen Ländergebiete; wir sehen dieselben Prozesse und Operationen bei den von einander getrenntesten Völkern unternehmen und vollziehen, überall

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