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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1852-03-29 · Heft 14 (29.3.1852) · p. Seite 163

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
16 (1852)
Issue
Heft 14 (29.3.1852)
Date
1852-03-29
Page
Seite 163 (sequence 7)
Language
German
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168 Literatur und Sprachen der semitischen Völker; im letzten halben Jahrhundert bemächtigte man sich der alten persischen und indischen Geiflesprodukte, durch die Kenntniß der Zendavesta und des Sanskrit, sind die frühesten Jahrhunderte Persiens und Indiens unser Eigenthum geworden, und haben wir einen tiefen Einblick in die früheste Bildung der Sprachen gewonnen. In jüngster Zeit sind sehr glückliche Schritte in der Entzifferung der egyptischen Hieroglyphen gethan, und in diesem Augenblicke ist man sogar den geheimnißvollen Felseninschriften in der sinaitischen Halbinsel auf die Spur gekommen. Was demnach Geschlechter, die längst dem Staube der Erde vermählt sind, gedacht und gefühlt, was Generationen, die vor längst geschwundenen Jahrtausenden über die Erde wandelten, gelitten und sich gefreut haben: es ist uns gegenwärtig, es bildet und entzückt uns; die Verbindung der Menschheit umfaßt alle ihre Zeiten und Räume, es giebt für sie nur dann abgestorbene oder todte Glieder, wenn in ihnen überhaupt , kein besonderes Leben war und ist. Also auch in dieser immer umfassendem und intensivem Verbindung erblicken wir ein Gesetz der Menschheit, dem sich auf die Dauer Nichts entziehen kann, und erwägen wir nun'diese beiden Gesetze der immerfortigcn Ausbreitung und der beständig wachsenden Verbindung tiefer, was setzen sie nothwendig voraus und waS beweisen sie? Daß die Menschheit einen einzigen, einheitlichen Organismus bildet, von dem die Völker und Zeiten die Glieder sind, die Individuen wieder die Glieder und Theile dieser Glieder. Diese Erkenntniß ist von der größten Vedeutng und Tragweite. Wenn jeder einzelne Mensch mit seinem Sonderbewußtsein und seinem Sonderwillen ein völlig freies, seinen eignen Weg verfolgendes Wesen zu sein-'wenn jede einzelne Begebenheit aus ihrer eigenlhümlichen, für sich vorhandenen Ursache hervorzugehen scheint : so erscheint nunmehr dieses Individuum doch nur als ein-unendlich kleines Glied eines Organismus, in dessen Gesammtleben unbewußt sein Sonderleben aufgeht, und jede Begebenheit als .ein Glied eines kolossalen Gesammtlebens, das mit seinen Gesetzen alle Einzelnen und alle Einzelheiten beherrscht und unbewußt zn einem Zielr zwingt. Allerdings giebt es hierfür auch Analoga in der Natur. Die Seefeder (kennatuls) ist ein aus vielen tausend kleinen polypenartigen Thierlein bestehendes größeres Thier, die alle nur von einem Willen belebt und beseelt sind. Denn sie bewegen sich alle auf einmal, und nach einer Richtung, vorwärts oder rückwärts, indem sie den Kiel-oder Schaft bald da, bald dort in den Meereßsand bohrt, und keiü einziges will etwa nach einer andern Richtung, als die anderen alle. Noch mehr jene bekannten Republiken der Insekten wie der Ameisen, oder Monarchieen wie . der Bienen, wo viele Tausende Individuen zu einer zusammenhängenden ineinandergreifenden LebenSentwickelung verbunden sind, ohne daß selbst zwischen ihnen Kommunikation der Zwecke und Bestrebungen, besteht. Und ein. solcher Organismus,, in welchem Millionen Individuen zu einem Lebenszwecke nach einer und derselben Richtung hin arbeiten, unbewußt mit und trotz ihrem Sonderbewußtsein, ist das Menschengeschlecht. Nur daß hier der große Unterschied stattfindet, daß jene Naturerscheinungen von Anfang an als fertige Organismen hingestellt sindwährend die Menschheit, wie wir gesehen haben, sich zu einem solchen Organismus erst herangebildet hat und bildet. Das Menschengeschlecht ist so in der Geschichte, wie rin großes, körperliches, aber noch todtes Gebilde, in welchem in einem Mittelpunkte das Leben erwachte, und von da ab unaufhörlich immer weiter und weiter griff, und nach und nach bis in die entferntesten Glieder die Belebung drängte, bis dereinst der ganze Körper ohne Ausnahme eines Theiles lebendiger .Organismus sein wird. Aber diese Erkenntniß hat auch ihren physischen Boden. Ich habe schon in der ersten Vorlesung jenes merkwürdigen Gesetzes Erwähnung gethan, wonach sich trotz aller scheinbaren Zufälligkeit der Geburten das Berhältniß der beiden Geschlechter immer und überall als ein gleiches heräusstellt (106 : 100). Wie anders ist dies zu erklären, als daß auch physisch alle Menschen zusammen einen, nach bestimmten, über alle Individuen sich erstreckenden Gesetzen bestehenden Organismus bilde? Und dies wird uns um so mehr einleuchten, wenn wir wissen, daß die Wissenschaft auch den ganzen Erdball mit all ihren Schöpfungen als einen Organismus anzusehen nicht anstehtder seine bestimmte Bildungsgefchichte hat und dem sogar die periodische Abwechslung des Wachens und Schlafens zugeschrieben werden muß. Sind wir aber zum Verständnis dieses Begriffs gekommen, daß die ganze Menschheit einen Organismus bildet, so ist die nothDendige Folge: daß dieser Organismus, wie alle Organismen, unter dem großen Gesetze der Entwickelung stehen muß, daß die Menschheit fortwährend in der Entwickelung begriffen sein muß. Dies ist die nothwendkge Folge — und finden wir diese Entwickelung in der Geschichte bewährt, so wäre damit auch

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