Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 16 (1852)
- Issue
- Heft 12 (15.3.1852)
- Date
- 1852-03-15
- Page
- Seite 141 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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verlacht dem Rhein zueilen. Sollte sich da. Joffel nicht auch gehoben fühlen, sollte eS ihn nicht kränken , wenn man kleinlich geizte, seinem tapfern Kameraden ein Kissen unter die zerschossenen Glieder zu legen? Nachdem diesem Alles, waS nöthig war, gewährt war, setzte sich Joffel an sein Bett, befolgte genau did Vorschriften, welche der Feldschere ihm anempfohlen hatte und nahm zuletzt ein Psalmbüchlein aus seiner Brieftasche, um eifrig darin zu lesen "und sich Rath und Trost für seine Situation aus den Liedern jenes Königs zu holender vor Tausenden von Jahren seine Nation zum Glanz und Sieg geführt, aber ■ und hierin weit größer — für alle Zeiten die von Gottbegeisterung getragenen Lieder des Trostes und der Erhebung allen an Leib und Seele Verwundeten hinterlassen hatte. ES war stille Nacht im Dorfe, fernhin hatte sich daS Kriegsgetümmel gezogen, nur in einzelnen Häusern waren noch Wachtposten und Verwundete zurückgelaffen. Der Mond schien hell in die Klause der beiden Freunde. Auf seinem Lager lag der Eine, stöhnend pot Schmerz und hin und wieder von Fieberphantasien aufgeregt, er träumte und sprach nur von den fernen Lieben, die an der Warthe Afer lebten, von dem greisen Vater, der bei seinem Fortgehen sinnend das Haupt geschüttelt, von der Mutter, die die von Thränen überfließenden. Augen in die blaue Arbeitsschürze verborgen und gerufen hatte: Christoph., ich sehe dich nicht wieder! von der Geliebten, die schluchzend an seinem Halse gelegen. Der Andere saß aufmerksam neben ihm, auf. jede Bewegung des Kranken achtend, dann wieder seine Psalmen murmelnd. „Was machst Du da, Kamerad?" redete ihn in einem lichten Augenblicke der Wachtmeister an. „Ich bete für Dich, Bruder// „Ist daS Dein hebräisches Brevier, Kamerad?" „Ja wol, es find Davids Psalmen. Hier hast Du eS,- da steht es: Umstricken mich des TodeS Band / ergreift mich auch des Unterganges Angst, kam ich in Jammer^ und in Noch und rief ichdann des Herrn Namen an: o Herr, errette meine Seele, so ist er gnädig und gerecht, und unser Gott barmherzig ewiglich!" - 5„Du erinnerst mich, waS ich thun sollte. Mein Leben geht zu Ende, Kamerad. - ES fassen mich des TodeS Aengsten. Ruf' mir den Prediger des Dorfes, vielleicht kommt er, daß ich das Abendmahl aus seiner Hand nehme/? '' „Wol bin-ich bereit," sagte Joffel. ' Joffel, her Jude, machte sich auf, um für seinen sterbenden Kameraden den Priester zu suchen. In der Nahe der Kirche, von welcher am Morgen der Zug nach dem Lager auSgegangen war, suchte Joffel .daS Pfarrhaus und fand eS bald. Die Bewohner. desselben hatten das Dorf am Tage verlassen, weil es zu. unsicher wurde und Zuflucht bei einem Amtsb.ruder in der Nähe von Bedra gesucht, waren aber gegen Abend, nachdem sich die Nachricht von dem Zurückweichen. der Franzosen in der ganzen Gegend verbreitet hatte, zurückgekehrt. . Nun lagen Alle im Hause in den Armen deS Schlafes, ermüdet von erlittener Angst und Beforgniß. Joffel klopfte daher lange bis sich ein Fenster öffnete und ein greiser Kopf, mit einer Schlafmütze bedeckt, durch dasselbe hinaus schaute. Joffel brachte sein Gesuch an. . . . „Ich komme, lieber Herr, von dem Krankenlager eines verwundeten preußischen Kriegers, er wünscht von Euch die letzten Tröstungen seiner Religion , eilet und kommet, denn der Tod wird nicht lange auf sich warten lassen." Der Geistliche war bereit; viel zu ängstlich aber, Joffel einzulassen, mußte dieser draußen stehen bleiben bis der Herr sich in die Kleider-geworfen, sein geistliches Gewand umgeworfen und Alles zum Sakramente vorbereitet hätte. Joffel ging auf und ab, um sich zu erwärmen, er schauete bald nach dem klaren, gestirnten Himmel, an dessen Wölbung Tausende von Welten wie Funken glitzerten, bald nach den fernen thüringer Bergen, die sich wie ein Saum um die Erde zu ziehen schienen. -.Woher kommt meine Hilft," seufzte er, „sie kommt vom Ewigen, der Himmel und Erde geschaffen." Endlich trat der Prediger hinaus. ES war ein freundlicher,'ältlicher ManN, der aber nochmals Joffel scharf ansah/ ' „Wer bist Du denn, mein Sohn?" fragte er denselben. „Du scheinst ja kein Soldat zu sein."/ „DaS bin ich auch nicht, Herr Pfarrer, ich bin Joffel, der Bächur." Der Prediger"schüttelte verwundernd wen Kopf. „Hm, hm, ein Jude, gar ein Jude, wie kommst Du' denn hierher?^— r : Joffel erzählte ihm auf dem Wege/ wie er zu diesem Avancement gekommen wäre. Der Prediger schüttelte immer wieder sein greises Haupt und sagte: „Hm, hm!" Langsam stiegen die Beiden die Treppe hinauf, die in die Kammer des sterbenden Wachtmeisters führte.. Joffel holte eine brennende Lampe herbei. Dem Verwundeten 12*