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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1852-03-08 · Heft 11 (8.3.1852) · p. Seite 129

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
16 (1852)
Issue
Heft 11 (8.3.1852)
Date
1852-03-08
Page
Seite 129 (sequence 9)
Language
German
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129 Pharaonen wallfahrten seine größten Männer, um daselbst auS dem versiegelten Brunnen des Geistes Weisheit zu schlürfen, Künste und Wissenschaften nach der jungen Heimath zu verpflanzen. Der klassische Boden Griechenlands wurde nicht blos^ von orientalischen Kolonisten besetzt,, er wurde auch von den Begriffen des Morgenlandes befruchtet. Dort, wo die Wiege der Menschheit stand, ging auch daS Morgenroth des Geistes auf, dort erchachte auch der Geist aus dem Schlummer der ersten Kindheit. Die ' ersten Anfänge aller Wissenschaften liegen in Dunkel gehüllt, und reichen nuistens bis zu den ersten Anfängen der Geschichte hinauf. Wenn nun die Völker deS AlterthumS sich den Vorrang in den Wissenschaften streitig machen, so ist es natürlich, daß auch die Juden mit ihren uralten geistigen Denkmälern, mit ihrem großartigen Jdeenschatz auf dem Kampfplatze erscheinen. Wirklich behaupten manche jüdische Schriftsteller älterer Zeit, eS feien die Jijlven die ersten Pfleger aller Wissenschaften gewesen. Sie hätten ihre Kenntnisse den Egyptern mitgctheilt, welche wieder Lehrer der Griechen wurden.- So fand die Wissenschaft ihren Weg durch die Welt, während sie im Drange der Zeiten ihren ursprünglichen Verehrern entschlüpfte. ES läßt sich kaum bestimmen, inwieweit diese Ansicht richtig sei, aber sie enthält unstreitig viel Wahres. Ein Volk, daS in seinem ganzen Denken und Erkennen einen vollständigen Gegensatz zu den Jrrthümern und Mißgriffen der übrigen Völker bildete, konnte nicht leicht von der liefern Ergründung der Wahrheit auf wissenschaftlichem Gebiete unberührt bleiben. König Salomon hatte ja Kenntniß von allen Wissenschaften, und ferne Nationen lauschten seiner Weisheit. So waren denn zu seiner Zeit alle Wissenschaften in Palästina heimisch; nun, meint man, lejten sie auch von den Juden shre Abstammung. Von ihnen erst empfingen sie die Chaldäer durch ihre Berührung mit dem israelitische Volke, und so kamen sie von Hand zu Hand zu den Persern, Medern , Griechen und Römern. Durch die Länge der Zeit und die vielen Vermittler vergaß man des ersten Ursprungs, und dachte in den Schriftwerken der Wissenschaft nur stets der letzten Besitzer, der Griechen und Römer, niemals der Juden *). Mit besonderer Vorliebe wird diese Ansicht in Betreff der mathematischen Wissenschaften behauptet. Die Mathematik, als Wissenschaft xaz i'%oyr\v», die auf völliger Evidenz fußend-, Jbec Empirie wenig bedarf, mußte einem ernsten, abgeschlossenen, kleinen Volke, daS leichter *) CuSri im 2ten Buche. den Geist: als die Natur in die enge Studierstube zu bannen wußte, besonders Zusagen. Jedenfalls fand diese Wissenschaft zu jeder Zeit Pflege bei den Juden. Selbst ln jenen finfleren Zeiten, wo Talmud und rabbinksche Lite^ rarur das ausschließliche Studium der Juden bildeten, wo man die Beschäftigung mit profanen Wissenschaften beinahe als sündenhaft erklärte,, lieferten fromme Rabbiner mathematische und astronomische Werke. Sie glaubten freilich sich wegen dieser fremdartigen Thätigkeit entschuldigen zu müssen; sie that ja dem Talmudstudium Abbruch, Grund genug solche Arbeiten zu verspotten und zu verfolgen, und sie fanden wirklich nur dann Gnade, wenn der Autor auch in der talmudischen Welt einen guten Klang hatte. Indessen genossen die mathematischen Wissenschaften ein gewisses Vorrecht, denn, die Entschuldigungsgründe, welche die Verfasser mathematischer Werke für ihren sogenannten Fehltritt anführten, ließen sich eigentlich auch auf andere Wissenschaften anwenden. ES ist nicht ohne Interesse, diese Entschuldigungsgründe etwas näher zu betrachten. Sie lassen sich in folgende drei Punkte zusammenfassen. Erstens, meinte man, waren auch die alten Hebräer und die Weisen deS Talmuds in diesen Wissenschafteneinheimisch. Das ist allerdings richtig; allein jene waren auch in den Naturwissenschaften und auf anderen Gebieten des Wissens keine Fremdlinge. Zweitens: Seien jene Wissenschaften zur Berechnung deS Neumonds und der Festtage praktisch norhwendig. DaS ist insofern wahr, daß zur Kalenderberechnung mathematische Regeln und Formeln in Anwendung gebracht werden müssen; jedoch auch andere Theile der jüdischen Theologie, und namentlich daS Zeremoniale, bedürfen häufig einer wissenschaftlichen Begründung, wenn wir nicht den Vorwurf hinnehmen wollen, daß die Talmudisten in kindischer Unwissenheit lebten, und der geistige Fortschritt spurlos an ihnen vorüberging. - Drittens, betrachten die Verfasser mathematischer Schriften die Abfassung ihrer Werke als eine Ehrenrettung gegenüber der übrigen Welt, die uns der Unwissenheit anklagt. Dieses vollständig begründete Geständniß, obwol es ziemlich naiv klingt, und sich aus die ganze Richtung jener Zeit anwenden ließe, zeigt es uns doch deutlich, daß viele der besseren Geister fühlten, woran es fehle. Wäre diese Ueberzeugung zum Bewußtsein der Massen gelangt, so hätten wir, trotz der äußerst ungünstigen Lage manche tüchtige wissenschaftliche Arbeit aus jener dürren Periode erhalten.. Immerhin'steht die Thatsache fest, daß die Mathefis zu allen Zeiten unter den Juden Verehrer und Bearbeiter 11*

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