Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1852-03-08 · Heft 11 (8.3.1852) · p. Seite 126

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
16 (1852)
Issue
Heft 11 (8.3.1852)
Date
1852-03-08
Page
Seite 126 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3225768-3225780--12292-3242453
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

126 hervor, wodurch eS ein völlig bewußtes wird, und ebenso entspringt jeher Wille erst aus einem Denken oder Fühlen,- in der Tiefe sogar erst aus dem Stattsinden Beider. Es ist dies Alles also im Wesen, eine Einheit und nur in der Richtung verschieden. Wenden wir uns nun zu der unbewußten Seelenregion, so liegt die Hauptverschiedenheit in Folgendem. Bei allen Thätigkeiten der bewußten Seele sahen wir dieselben wesentlich vom Witten abhängen. Wir denken, wir fühlenwir wollen, wenn wir denken, fühlen, wollen wollen; wir denken, fühlen, wollen nicht, wenn wir eö nicht wollen. Das Wesen deS Willens ist also die Selbstbestimmung, und diese ist nichts anders als die Freiheit. Die Natur der bewußten Seele in ihren Thätigkeiten ist also die Freiheit. Das Entgegengesetzte findet in der unbewußten Seelenregion statt. In ihr findet keine Abhängigkeit vom Willen, keine Selbstbestimmung, keine Freiheit, sondern die Nothwendigkeit statt. Nothwendigkeit heißt, wenn auf kine einwirkende Ursache durchaus eine bestimmte Wirkung folgen muß, und diese niemals vom Gegenstände selbst abhängig ist. Ein Stein, auf den eine bewegende Kraft einwirkt, muß genau so lange rollen, als diese Kraft noch nicht ganz durch die Gegenwirkung der Schwere aufgehoben ist; während ich gehen kann, also die bewegende Kraft in mir ist, aber nicht zu gehen brauche. Zndeß ist dennoch ein Unterschied zwischen der Nothwendigkeit, wie sie in unbelebten, und wie sie in belebten Wesen waltet. In unbelebten Dingen, da geht jeder Vorgang in seiner Ganzheit bis auf die kleinste Grenze der Ausführung aus der Nothwendigkeit von Ursache und Wirkung hervor. Zn den belebten Wesen aber ist der Vorgang -in seinem Wesentlichen zwar Wirkung einer Ursache, aber nicht im Detail der Ausführung. Die Sense haut genau die Kräuter ab, so weit sie reichet, während das Vieh sich die Kräuter auswählt, die es fressen will; es muß fressen, aber was, ist ihm überlassen. Wir nennen daher die Nothwendigkeit in belebten Wesen — Trieb, Naturtrieb. Das Unbewußte in unserm Geiste sieht nun unter der Nothwendigkeit, wie sie als Naturtrieb in den belebten Wesen waltet. Gehört daher eine Funktion dem Unbewußten an, so hat unser Wille keinen Einfluß darauf, wie die Verdauung, gehört sie dem Bewußten an, so hängt sie allein von unserm Willen ab, wie das Sprechen, gehört sie Beiden an, so kommt es auf daS Mehr oder Weniger an, wem sie angehört, wie daS.Athmen nur auf eine sehr kurze Zeit vom Willen beherrscht wetden kann, die Bewegungen der Extremitäten hingegen vielfach vom Willen geleitet werden. Sy lange darum die Seele deS menschlichen Kindes allein im Unbewußten enthalten ist, ist eS der Nothwendigkeit deS Naturtriebes .allein unterworfen; nicht minder ist . im Schlafe unser Wille suSpendirt; Nichts ist schwieriger als eine in'S Unbewußte zurückgegangene Fertigkeit oder Gewöhnung, wenn wir sie als falsch oder nachtheilig erkannt haben, wieder unter die Herrschaft des Willens zu bringen, ihre Bewegungen mit dem Bewußtsein zu leiten; ja, auch diejenigen Vorstellungen, die aus dem Bewußtsein in das Unbewußte zurückgegangen find und darin ruhen, können nicht von selbst in daS Bewußtsein zurückkehrensondern erst in Folge einer Anregung (wie eines Merkmals, einer Ähnlichkeit), die sich im Unbewußten als Ursache zur Wirkung (der Erinnerung) verhält. Trotz dieser Verschiedenheit der beiden Seelenregionen muß aber auch hier nie vergessen werdendaß auch sie auf der Einheit der Seele beruhen; eS sind keine verschiedenen Seelen, oder Theile und Kräfte der Seele, sondern sie sind nichts weiter als zwei verschiedene Entfaltungsstufen eines und desselben Wesens, der Seeledas Unbewußte die Stufe des Naturtriebes, daS Bewußte die Stufe des Freiwerdens vom Naturtriebe, so jedoch,/ daß diese zweite Stufe das Bestehen der Erstem nicht ausschließt, sondern immerfort im Erdenleben auf ihr beruht. Darum findet ja auch.der beständige Uebergang aus einer Region in die andere, darum daS Hineinspielen der Einen in die Andere statt, so daß wir mitten im Bewußten auch Thätigkeit des Unbewußten haben und umgekehrt; darum endlich hat das der unbewußten Region Angehörige so vielen Einfluß auf die bewußte, z. B. durch die Störung der Verdauung, durch ungenügende Entkohlung des Blutes u. s. w. wird der Geist trübemelancholisch gestimmt u. s. w., und umgekehrt, eine Freude, eine Hoffnung belebt die Funktionen der Athmung, des Blutumlaufs u. s. w., ja dies ist so sehr der Fall, daß die Richtung, welche die Thätigkeit deS Geistes inhaltlich nimmt, selbst die Formen des Körpers, namentlich des Angesichts verändert, und denselben einen edlen, vergeistigten, oder niedern, gemeinen, verdümpften Charakter giebt mit all' den tausendfachen Nüancirungen. Durch diese Betrachtung wird unS nun aber sehr Vieles klarer werden. Man war immer in großer Verlegenheit zu bestimmen, wann eigentlich der Geist in den Menschen kommt; denn da man diesen nur als daS Bewußtsein verstand, so eristirte der Mensch seine erste Lebenszeit ganz ohne Geist, und er bekam den Geist

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.