Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 16 (1852)
- Issue
- Heft 9 (23.2.1852)
- Date
- 1852-02-23
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
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100 Worten des Herrn v. Harpprecht in der Kammer der Standesherren berichtet und wie ein achtbares Quartett ftuttgarter Israeliten darauf erwidert hat. Die Presse bringt geharnischte Artikel gegen Juden, die Wucher treiben und hofmetzgen. Der Judenhaß greift diese Vergehen sogleich auf,' um: gegen das Judenthum zu Felde zu ziehen. Wir erklären hier wiederholt in dem offiziellen Organe des deutschen JudenthumS, daß wir Nichts sehnlicher wünschen, als daß die Wucherer unter Christen und Juden von dem Arm der Gerechtigkeit ereilt und unmöglich gemacht werden, aber protestiren energisch dagegen, daß dem Judenthume als Solchem deswegen ein Bein gestellt werde, wenn zufällig auch Einige seiner Bekenner gegen daS Strafgesetzbuch sich vergehen. Uebrigens wäre eS Sache der Rabbinen, nach Art unserer Propheten im alten Bunde, gegen die moralischen Gebrechen ihrer Pfarrkinder mit all den ihnen gegebenen Waffen der geistlichen Macht zu kämpfen, ob auch einige Geldprotzer momentan ihnen gram würden. Wir sehen in der Residenz den Wohlstand unserer Glaubensgenossen blühen und nicht Einer derselben betreibt ein unredliches Gewerbe, ihre Firmen werden zu den angesehensten Stuttgarts gezählt. In Göppingen sind die größten Manufakturen im Besitz israelitischer Fabrikanten, die in Süd- und Norddeutschland guten Namen haben. Die Bijouterie des Herrn I. Levi in Eßlingen konkurrirt durch Größe und Solidität mit jedem derartigen Etablissement Deutschlands. Es würde ermüden, wollte ich die Industrie der Israeliten Württembergs statistisch darstellt-n. Selbst der Viehhandel in den Landgemeinden giebt keinen rechtlichen Grund zur Klage. Und für einige Auswüchse wollen und können wir nicht solidarisch verbindlich gemacht werden. Wir erkommuniziren hiermit alle diejenigen Juden, die dem Wucher verfallen sind und verwahren uns gegen jede solidarische,' moralische Haft.—- Unftrs Königs Majestät hat den israelitischen Waisenverein durch reiche Geschenke wieder bedacht, wofür der Vorstand-des Vereins, Seine Munisicenz Herr vr. DreifuS, öffentlich seinen tiefgefühlten Dank im Namen der Israeliten ausgesprochen hat. — Das Rabbinat Laupheim ist dem Rabbinen Wälder in Berllchingen übertragen wordeM, MeiStelle' in Berlichingen ist unbesetzt und in Verwesung. — In Affolterach bei Heilbronn ist eine neue Synagoge eingeweiht worden. Ein pietistischer, protestantischer . Geistlicher hat in einer Predigt dagegen geeifert, daß Christen an der Einweihung eines Gotteshauses bei den „Feinden deS Kreuzes^ Antheil genommen haben. Derselbe Geistliche wird es dem christlichen Religionsstifter verargen, daß er einst-im jüdischen Tempel gebetet hat. Ueberhaupt wird der protestantische Pietismus bei uns fanatisch gegen Andersglaubende, wie auch seine ephemeren literarischen Erscheinungen darthun. — . Die Stelle vr. Karl Weils an der Oberkirchenbehörde wurde dem Referendar I. Klaffe Jordan aus Ludwigsburg in provisorischer Eigenschaft übertragen. Derselbe ist Jurist von Fach, ob er aber die gehörigen Kenntnisse und Erfahrungen im Wesen des Judenthums besitzt muß die Folge lehren. — Durch die veränderte, bessere Stellung der bürgerlichen Verhältnisse der Israeliten in Württemberg bereitet sich ein Umschwung in deren religiösen Einrichtungen vor, der den Jndlfferentismus in der Reform unsers Kultus zu Zugeständnissen zwingen wird. Die Landgemeinden entvölkern sich, die unbemittelte Jugend wandert nach Amerika aus, die wohlhabenden Familien übersiedeln nach Städten, in denen das Bedürfniß nach geregeltein Gottesdienst sich geltend macht; doch bei' der Entfremdung der städtischen Jugend von der Synagoge, bei der Uukenntniß der hebräischen, heiligen Sprache, muß ein entsprechender deutscher Gottesdienst eingerichtet werden. Wir erblicken darin keinen Fortschritt, wenn die Sprache unserer Altvordern zur tod- , ten, nur wissenschaftlichen gestempelt wird und auf- -hört Gebetssprache zu sein, aber wir müssen aus der Noth eine Tugend machen und der Jugend einen gottesdienstlichen Kult schaffen, der sie anregt, erbaut ‘ und an dem väterlichen Glauben festhält. Wiederum muß ich auf mein „ceterum censeo“ kommen, daß es Noth thut von Seiten der israelitischen Oberkirchenbehörde die verheißenen Synagogenvisitationen vorzunehmen. Unser Armenwesen ist Gegenstand der öffentlichen Belobung geworden; die Wohlthätigkeitsvereine der Israeliten zu Buchau sind als Musteranstalten in unsrer konservativen-Presse dargestellt. Wir können das Lob unserer Wohlthätigkeitsanstalten nicht unbedingt unterschreiben, die jüdische Wohlthätigkeit ist oft exorbitant, besonders gegen die ausländischen