Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1852-02-16 · Heft 8 (16.2.1852) · p. Seite 88

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
16 (1852)
Issue
Heft 8 (16.2.1852)
Date
1852-02-16
Page
Seite 88 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3225768-3225777--12251-3242409
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

sind es keine tr»®: öiöb rip^n», daS Bessere zu fördern, den Gottesdienst würdevoller zu gestalten, den Jugendunterrichtnach den Anforderungen der Zeit und des Judenthums einzurichten; sondern ganz andere Zwecke werden verfolgt, die zu erreichen so viele Machinationen im Gange sind. Wenn die Geldmänner einige Thaler mehr zu den Korporations- und Schulbeitragen zahlen sollen, da brechen die bösen Leidenschaften los, die, einmal angefacht, fast nie mehr zum Schweigen kommen und jede Gelegenheit benutzen, um ihre Wuth zu kühlen; da können die Beamten darauf gefaßt fein > daß ihnen die heftigsten Gegner entstehen, deren Rache sie über kurz oder lang fühlen müssen; da wird keine Rücksicht genommen, daß Männer ihrer wohlthätigen Wirksamkeit entzogen, Familien dem Elende Preis gegeben werden. Es ist in unseren Gemeinden fast eine gewöhnliche Erscheinung, daß die Reichen Feinde der Schule und überhaupt jedes Fortschritts sind, weil es Geld kostet. Wären die jüdischen Schulen bei uns keine Staatsanstalten und hätten sie nicht den kräftigen Schutz der Regierung genossen, so gingen sie schon längst in das Reich der Vergessenheit über, deren Mangel die mittleren und ärmeren Klassen, die auf ihre Kinder nicht anderweitig so viele Gelder verwenden können, wol gefühlt hätten. Im Jahre 1848 glaubte man zwar die Revolution,- die man sonst wegen der polnischen Insurrektion hier verwünschte, zum Umstürze der Schulen u. s. w. benutzen zu können, und von einem Ende zum andern ertönte der Jubelruf: „die Schulen auflösen, den Beamten kein Gehalt zahlen! auf-/und afclofen!". war das Losungswort; aber mit der Anarchie gingen auch diese Hoffnungen zu Grabe. Wol haben diese. Bestrebungen ein Ende genommen, weil sie erfolglos, blieben, keineswegeS aber der Haß und die Verfolgungssucht, die vielleicht erst mit dem Dasein der Rachsüchtigen aufhören werden. Und der Fanatismus — dieser gefährliche Feind der Menschheit — bald tritt er unter der heuchlerischen MaSke der Frömmigkeit offen auf und sucht jede bessere Regung niederzuhalten, bald wühlt er im Dunkeln und nagt an der Pflanze, welche dem Lichte zustreben will. Sie erlauben uns, nur einige Beweise für unsere Behauptungen anzuführen, damit wir nicht des Gebrauchs allzu greller Farben beschuldigt werden. In Schneidemühl, das durch seine unschuldigen Reformen im Heere der Orthodoxie solche Aufregung hervorgebracht, daß es die höheren und höchsten Behörden zu seiner Rettung anrief, wie es den Lesern dieser Blätter wohl bekannt ist, kam es vor-einigen Wochen in der Synagoge an einem Sonnabend während des Gottesdienstes zu Tätlichkeiten: Auf Anstiften der Orthodoren stürzte eine Menschenmenge aus der niedrigsten Volksschicht in die Synagoge, während der Gottesdienst von der sogenannten Linken andächtig abgehalten wurde, und schrie und tobte aus allen Kräften. Aufgefordert, keine Störung zu verursachen, schlug dies Gesindel mit den Fäusten auf die Betenden ein. Diese Schlägerei nahm eine so gefährliche Gestalt an, daß die Polizei einschreiten und die Synagoge geschlossen werden mußte, die bis jetzt noch nicht geöffnet ist. Die Untersuchung ist bereits eingeleitet und werden wir das Resultat zur Zeit mittheilen. *) — In Wongrowiec ist, wie wir vernehmen, die Synagoge ganz dem Einsturze nahe. Auf der einen Seite derselben werden die Schweine gefüttert und auf der andern entledigen sich die Bewohner der um sie liegenden Hütten ihrer verdauten Speisen. So etwas Beschämendes und Erniedrigendes kann man mit der größten Gleichgiltigkeit ansehen, weil jede Reparatur und Umzäunung Geld kosten würde. In einem eben solchen düstern Zustande befindet sich die nipn, und ginge nicht die sinnliche Befriedigung bei den rohen und sinnlichen Menschen über Alles, es würde gewiß keine Person über sich gewinnen können, dahin zu gehen. — In Rogasen hat der Rabbiner, ein Mann von ungeheuchelter Frömmigkeit und hohem Rufe auf talmudischem Gebiete, schon mehrere Monate kein Gehalt erhalten, weil die dort wegen eines Kantors sich streitenden Parteien es ihm verargen,- daß er sich weder für noch gegen denselben erklären will. Da sie an ihm keine Stütze haben, so muß er darben. — In Rakel dauern die Zwistigkeiten wegen eines auf-' zunehmenden Rabbiners fort. Sobald die eine Partei für einen Kandidaten Sympathie zeigt, so will die andere Nichts mehr von ihm wissen und mag er alle Vollkommenheiten in sich vereinigen. Nach an- - deren Berichten soll man sich doch geeinigt und den *) lieber dieses Faktum sind uns mehrere, und sehr weitläufige Berichte zugegangen, es genügt aber das Obrge. Am Meisten klagt man, daß das berliner Rabbinat nun bereits sechs Monate sein Gutachten zurückhält. Redakt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.