Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 16 (1852)
- Issue
- Heft 7 (9.2.1852)
- Date
- 1852-02-09
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
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80 und rabbi,rische Stellen als möglich zu knüpfen, scharfsinnig auseinanderzusetzen, warum gerade für den Denker die Straße aufwärts ginge und wohin sie, endlich führe,, und ergötzte hierdurch sein Publikum sehr, welches den Jüngling belobte und für „aufgehendes Licht des Gesetzes" erklärte, Der Schuster söhnte sich vollständig mit dem polnischen Rebi aus. Jetzt erklärte er seinen Willen, Joffel noch einige Jahre bei sich zu behalten, obgleich er dazu nicht verpflichtet wäre, denn sein Sohn sei npn eigentlich mündig und aus der väterlichen Gewalt, dann sollte er ziehen nach jüdischen Hochschulen, nach Braunschweig, Halberstadt, Frankfurt oder wohin er wolle, und sich vorbereiten, ein Rabbiner und Lehrer in Israel zu werden. Die wenigen Jahre im elterlichen Hause gingen Joffel bald vorüber. Eines Morgens eröffnete ihm der Pater, daß eS nun Zeit wäre, die Heimath zu verlassen. Der Pole hatte erklärt, daß der Schüler Nichts mehr von ihm erlernen könne, und dies testimonium maturitatis reichte hin-, um alsbald das Ränzel mit den wenigen Habseligkeiten des Studenten schnüren zu lassen und diesen seinem Schicksal zu übergeben.. Denn nicht konnte der Schuster ihn mit Wechsel und Empfehlungsschreiben versehen, nicht boten Stipendien zur Unterstützung des Jünglings dar — der Schuster legte ihm sechs preußische Ehaler auf den Tisch und glaubte — auch Joffel glaubte es — mit einem solchen Kapital könnte man sich schon Etwas in der Welt versuchen. Er begleitete seinen Sohn eine Strecke Weges, dann legte er ihm die Hände auf das Haupt , segnete-ihn und sprach: „Friede sei mit Dir in der Nahe, Friede in der Ferne; also spricht der Herr, so ich ich ihn doch heil erhalten habe." Joffel nahm seinen Weg zuerst nach der Stadt Braunschweig, ging aber bald anderswo hin, denn er hatte nicht viel Geduld an-einem Orte. Ich will hier nicht die Zustände dieser jüdischen - Hochschulen beschrieben, da ich sie späterhin ja selbst kennen gelernt habe und sich seit Joffel wenig verändert hatte. Viel länger, erhielt sich unter den Juden jene Weise der „fahrenden Schüler", wie sie in der christlichen Welt deS Mittelalters herrschend war. Die Schüler zogen bald zu diesem, bald zu jenem Rabbiner von Ruf, genossen seinen Unterricht ohne Entgelt, lebten kümmerlich von den Gaben ihrer Glaubensgenossen, an deren Tischen sie sich wechselsweise satt aßen, gingen oft in Elend unter und trieben ihre rabbinischen und talmudischen Studien, während Leben und übrige Wissenschaft ihnen verschlossen und verborgen blieben. Auch von dem geistigen Gewinn, den Joffel als fahrender Scholar erlangte , will ich späterhin sprechen, nur so . viel-bemerken , daß e r auf dem Grunde, den er in der Sechserschule gelegt, auch weiter fortbauete und verstohlen manches deutsche Buch, das ihmin die Hände fiel, las und wieder las. Es. waren dies freilich keine bedeutenden Werke, an denen überhaupt die deutsche Literatur damals noch keinen Ueberfluß hatte, es waren die langweiligen Romane jener Zeit, Bibelübersetzungen, Postillen, Historienbücher und — Adam Rießen's Rechenbuch. Ein Begegniß seines damaligen Lebens will ich aber hier beschreiben, da Joffel selbst sehr oft darauf zurückkam und, bei heiterer Laune, es drollig genug erzählte, und da es von bedeutendem Einfluß auf sein Geschick wurde. Es war in den ersten Tagen des Novembers des Jahres 1757, als Joffel den Entschluß faßte, Norddeutschland zu verlassen und nach Frankfurt am Main zu ziehen. Diese Stadt war ja das deutsche Jerusalem für die Talmudstudiosen. - Dort gab es viele reiche Leute, die gem den Bedürftigen spendeten, dort hatten. Rabbiner ihren Sitz, die Tag und Nacht im Gesetz forschten und zu deren Füßen die Schüler saßen, um mit den Worten der Hochweiftn ihren Wissensdurst zu stillen. Joffel hatte die 'Stadt Halberstadt verlassen, wo es sehr unruhig wurde, denn die Franzosen hatten jene Gegend besetzt, um den Marquis von Brandenburg — so nannten sie den König von Preußen — einmal zu züchtigen und aus seinen Königsträumen zu wecken! Ehe sie zu diesem für sie anscheinend so leichten Merke schritten, mußten zuvörderst die armen Unterthanen des Königs in Westfalen und Niedersachsen, — nicht weniger aber auch die der mit ihnen verbundenen Reichsfürsten, denn auch eine Reichsarmee rückte mit den Franzosen gegen Friedrich an — die ganze Schwere des Krieges empfinden. Die galante Nation hausete furchtbar und beging größere Schandthaten, als die Kroaten Haddik'S. Joffel mußte daher einen Umweg nehmen und ging über Halle. Hier gesellte sich zu ihm ein jüdischer Schriftsetzer, der, aus Sulzbach gebürtig, in einer damals bedeutenden hebräischen Druckerei in der kleinen Stadt Jeßnitz im Anhalt'schen in Arbeit gestanden hatte und, kränklich geworden, nach seiner Vaterstadt zurückkehren wollte. Der Schriftsetzer war ein gelehrtes Haus, denn zu den Riesenarbeitendie seine fleißige Hand schon Vollender hatte—> er hatte ja schon zwei Editionen' des Talmuds, deS MaimonideS Jad hachfaka und viele andere Folianten und Manuskripte gesetzt — gehörte Verständniß dieser Werke. Joffel unterhielt sich vergnüglich