Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 16 (1852)
- Issue
- Heft 6 (2.2.1852)
- Date
- 1852-02-02
- Page
- Seite 69 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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69 sem Gebäude herauszufinden. Aber sicher ist's, daß das Innere dieser prächtigen- Synagoge nicht nach richtigen Regeln des Schalles konstruirt ist, was leider so oft vernachlässigt wird. Ich gehe nicht aus der Synagoge, bevor man ganz fertig ist. (Letzthin war es mir nicht möglich. Die niEtf» rVDtrt dauerte mir zu lange und dauert leider oft noch viel länger.) . Aber wir haben noch eine zu starke Rüge vorzubringen und diesmal gegen den Herrn Chief- Rabbi selbst. Wir wünschen ihm nämlich so viel körperliche Ruhe in der Synagoge, als er geistige während seiner Predigt und selbst seines Gespräches bekundet. Herr Dr. Adler ist zu gelehrt und zu aufgeklärt, daß er den Vers in diesem Sinne deuten sollte rwinan bs .^722 ■>» . Es ist 12 Uhr vorüber und der Leser geht sicher gern mit mir aus dem Gotteshause, um noch einen kleinen Kours mit mir zu machen, bevor wir ein Mittagessen cinnehmen. Wäre es nicht Sabbat, ich würde Dich, lieber Leser, einladen, mir nach Petticoat Laue zu folgen. Es wäre interessant genug, einen solchen spezifisch jüdischen Markt anzusehen. Aber in Houndstich sind fast alle Läden geschlossen, Du siehst kein einziges Altkleidermagazin offen und selbst die Cloth excliange, das sonst nimmer ruhende Gewühl von alten Kleidern, sieht man ruhig und menschenleer. Du begleitest mich lieber einmal an einem Freitage dorthin. Auch die schönen Läden von Moses & Son in Withchapel sind geschlossen, bis es Nacht ist; wir gehen deshalb auf gut Glück hin durch die Straßen und betrachten waS uns gerade in den Weg läuft und finden wir uns dann nächsten Sabbat wieder, um eine andere Synagoge zu besuchen. Mancher meiner Leser ist hier sicher fremd, und ist froh, wenn ich ihn einführe, der ich schon einmal dort war. Aber der Weg ist weit von der City nach Orford Streat und wenn wir daselbst angekommen sind, so haben wir erst noch eine Strecke zu laufen und zu suchen bis Margareth Str. Verirre Dich aber nicht, wie ich es das erste Mal that, als man mir sagte Marg. Str. Cavendisch Square, dieses Letztere ist nicht der Fall. Die Reformsynagoge, in die wir jetzo gehen, ist Margareth Street No. 48. Schon in der Vorhalle nimmt man Dir Deinen Surtout und Regenschirm ab und gkebt Dir eine Nummer dafür. Du brauchst Nichts zu fürchten. Du hast Nichts dafür zu. bezahlen. In London ist's nicht wie in Parisman verlangt Nichts für das Aufbewahren der Effekten. Wir treten jetzt in den gut gewärmten, prachtvollen Tempel. Die Wärme kann man bei dem heutigen'dichten Nebel sehr gut gebrauchen und wegen des Nebels finden wir auch Heute die Gaslampen brennend. Obschon der Gottesdienst bereits feit einer Viertelstunde begonnen hat, so find wir doch nur ein Publikum von geringer Anzahl. Was ihm aber.an Extensität ab- ' geht, gewinnt es an Intensität. Es herrscht Andacht, Ruhe und Ordnung, wie ich bisher noch in keinem jüdischen Gottesdienste gefunden habe. Die Gebete, die zum größten Theile * von dem sehr gelehrten Vorbeter Herrn Levi und dem Prediger Herrn vr. Marx gelesen werden, machen aus doppeltem Grunde einen guten Eindruck auf mich, erstens weil sie mit Anstand, mit Andacht und derjenigen Betonung vorgelesen werden, aus der man deutlich erkennt, daß Beide verstehen und fühlen, was sie beten, und zweitens, weil .sie sich der einzig richtigen Aussprache, der portugiesischen, bedienen. Ich habe das erste Mal geglaubt, es sei etwa ein Irrthum vorgegangen, daß man die ganze Sidra 8^.1 gelesen. Aber heute wieder, eine ganze das ist ein wenig stark in einer Reformsynagogc. Warum nicht, einen dreijährigen Zyklus einführen? Wo die Orgel ist? fragst Du.mich leise. Hier nicht, lieber Leser! Ich suchte sie jungst in allen Ecken, aber vergebens. Der Chor ist gut, aber auch zu gering an Kräften. Schade daß die Frauen oder Mädchen, die hier wie in ber Dukes Place Synagoge sich öfters einfinden, und die gerade ob und hinter dem Chore fitzen, wie geschaffen für die weibliche Abtheilung, nicht mit zum Gesänge benützt werden. Schön ist's wenn Herr vr. Marx vor dem Herausnehmen der Tora vor der Lade steht, die Zehn Gebote lesend. Und schön und erhebend ist auch hier der Effekt, den das Herausnehmen der'Tora macht. Das Lesen der Tora wird gleich den anderen Gebeten nur gelesen, nicht nach der alten Melodie rezitirt. Am Anfang und am Ende spricht der Vorbeter dm üblichen Segen. Jetzt betritt Herr vr. Marr die Kanzel. , Schon feine ernste und kräftige Gestalt, die Ruhe seines regelmäßigen Gesichtes, man könnte es fast englisches Phlegma nennen, lassen'etwas Ernstes und Kräftiges erwarten. Du täuschest Dich nicht, mein Leser! Sein Vortrag ist vortrefflich, seine Gestikulation natürlich und bezeichnend, seine Aussprache echt englisch und doch verständlich, seine Gedanken logisch und seine Ausdrücke kurz und bündig. Ich habe zwei Predigten von ihm gehört 6* .