Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 16 (1852)
- Issue
- Heft 5 (26.1.1852)
- Date
- 1852-01-26
- Page
- Seite 58 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3225768-3225774--12218-3242373- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
TalmudiSmuS, außer ihm auf ein nacktes, unpoetisches Leben stieß. Wenn Jossel so durch seine Tora- und Talmudschule mit der Geschichte und dem Glauben seines Stammes und den Vorstellungen uralter Zeit— die freilich für den Juden noch zum großen Theile Gegenwart blieb — in Verbindung gesetzt wurde, wenn ihn hingegen die Werkstätte seines Vaters in das reale, praktische Leben des Volkes, die Spinnstube wiederum in's Mittelalter, zum Theil gefärbt durch die Romantik der Sage und Volks- Poesie, führte, so fehlte es auch nicht an einer Stätte, die ihn geradezu mit dem Geiste der Neuzeit und ihrer. Bildung anhauchte. ES war — die Sechser- oder KantorSschult von Sammetloch. — ES lächele aber Keiner, der dieS liefet - daß ich so triviale Plätze, eine Juden- und eine KäntorSschule^ eine Schuster- und eine Spinnstube zu Vildungsherden weltgeschichtlicher Zeitrichtungen mache und scheinbar Heterogenes miteinander parallelistre — ich erzähle im Grunde doch nur die Jugendgeschichte eines jüdischen BachurS. Als ich heute in meinen, Gattchen hinter dem Haufe grub in der nach dem Winterfroste wieder aufgethaueten Erde, um recht frühzeitig die Zwiebeln der Tulipanen und Gartenhyazinthe umzulegen, da kam ich auf ein Gewebe von Fasern und dünnen Fäden, daS sich fest im fruchtbaren Boden eingenistet hatte und daS feinste Filament' bis zum unterliegenden harten Grant niederstreckte. Das Gewebe war die Wurzelenden einer mächtigen hundertjährigen Linde, die auf der Straße steht, im heißen Sommer weit ihre schattigen Zweige erstreckt, mit ihrem Blütenduft die Luft durchhaucht und die ihre Wurzeln unter die«Schwellen des Hauses durch Hof und Gatten streckt, wo sie sich unvermerkt in die Tiefe verlieren. Der stattliche Baum der Menschen- und Völkerbildung hat auch solche Wurzeln, deren feine Enden und Fäden sich sowol in Fruchterde als im Grant anfetzen, überall die Nahrungssäste aufsaugen und in die Höhe und Weite treiben.. Wer aber glaubt, daß das Judenthum seine nach langem Winterschlafs erwachte Bildung, feine geläuterten Ansichten und Bestrebungen sogenannten Reformatoren verdanket, irret sich sehr. Wol haben große Geister auch in Israel gewirkt und in dasselbe belebende Frühlingstriebe gesendet, aber besonders war hier der innere Volksinstinkt thätig, der, als es Zeit war und eine neue Frühlingssonne warm und schaffend ihre Strahlen warf, überall Und überall auS dem Volksleben die Elemente zur Erkräftigung einsog und verarheitete. -— Mit der Kantorsschule verhielt eS.sich aber folgendermaßen. Der Schuster hatte von selbst, ohne -äußere Belehrung eines Einzelnen, eingesehen, daß deutsch lesen und schreiben zu können, doch keine so unnütze Sache wäre und seinem Jossel wol zu seinem Fortkömmen ersprießlich werden könnte. Er entschloß sich schnell und bat den christlichen Kantor loci, seinen Sohn einige Male die Woche in die Lese- und Schreibestunden seiner Schule aufzunehmen, an jedem -andern Unterrichte sollte er aber keinen Theil Nehmen. Der freundliche Mann willigte ein und das Honorar für seine Bemühungen wurde auf einen Sechser für die Woche festgesetzt. Man denke sich diesen Schritt des Schusters als keinen kleinen. Mit sich selbst war er zwar bald einig, denn er plagte sich nicht mit vielen Erwägungen , sondern folgte-seinem Gefühle, aber er bekam die ganze Judengemeinde von Sammetloch gegen sich. Das war etwas Unerhörtes, ein Judenkind in eine Kantors schule zu schicken, man ward irre an an dem sonst so frommen Manne. Zwar stand er bet der Gemeinde in großem Ansehen, man fürchtete nicht allein seine wuchtigen Hände, er war ja sehr beliebt bei dem Amtmanne und Bürgermeister und hatte zu verschiedenen Malen vor dem Fürsten gestanden, der ihm offenbar begünstigte, aber, was er hier gethan, war doch zu viel und was man sich noch nicht öffentlich zu erpektoriren getraute, wurde im Geheimen giftig besprochen, wobei der polnische Rebi, der den Schuster, seiner Riemen wegen, haßte, als durchtriebener Jntriguant daS Seine beitrug. Der alte Jossel war Almosenier der Gemeinde und hatte das wichtige Amt, die Gaben für Arme und Bettler zu sammeln und zu spenden, ohne daß er Rechnung abzulegen je genöthigt war. Einem Manne, der so offen aller jüdischen Sitte den Fehdehandschuh hingeworfen, konnte man unmöglich ein so heiliges und wichtiges Amt, das ihm Anspruch auf den reichsten Segen Gottes und auf-einen Theil der ewigen Glückseligkeit verlieh, weiter überlassen. Wer wa^te eS aber, die Büchsen abzufordern und abzuholen? Ehe man zu einer so tief eingreifenden That schritt, wollte man zuvor daS Gutachten des Gerechtigkeit^ und Tugendweisers (More Zedek) der Gemeinde vernehmen. Sein Ausspruch fiel merkwürdiger Weise zu Gunsten des Schusters auS. Er meinte, es wäre allerdings von einigen Talmudisten alle griechische Weisheit und folglich auch alle eroterische Wissenschaft verboten, aber andere und zwar gewichtige Talmudautoritäten wären wiederum nicht gerade entgegen; er folgere daraus, daß es keine Versündigung wäre, das deutsche Lesen zum Zeitvertreibe zu erlernen, denn eö gäbe Stunden, wo man sich nicht mit