Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1852-01-26 · Heft 5 (26.1.1852) · p. Seite 59

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
16 (1852)
Issue
Heft 5 (26.1.1852)
Date
1852-01-26
Page
Seite 59 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3225768-3225774--12219-3242374
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

50 dem heiligen Gesetze- -beschäftige^ könnte und dürfte, und da wäre solche deutsche Lektüre ein gutes Aushilfsmittel, -wenn man sonst nichts Besseres vornehmen könnte. Er selbst habe zufällig und durch Neugierde und obige Be-- wegungsgründe geleitet, etwas lesen gelernt und triebe dieses an geheimen Orten, wohin man doch kein heiliges Buch mitnehmen könne. Das war wirklich der Fall.. In den Momenten, wo dieser kleine Dalai Lama mit den Exkretionen .seines leiblichen Ueberflusses beschäftigt war und ihn das Wechselspiel der rnusouii spllmetores, levatores unb detrusores am untern Ende seines magern Organismus erleichterte, nahmen die Hemisphären seines großen GehirnS, am obern Ende, . die Zufuhr germanischer Bildung aus Zeitungs- und Wochenblättern, aus Mährchenbüchern und 1001 Nacht auf, ja er hatte einst bei einer sich durch vieles Sitzen und Grübeln über rabbinische „Fragen und Antworten" zugezogenen Unterlekbsfiockung Muße genug, Kramer'S „lahmen Wachtelpeter" zu lesen, der ihn kurirte. ES ist kein Wunder, daß er somit den Schuster entschuldigte, noch dazu, da dieser nie versäumt hatte, ihm am Neujahrs- und Purimfeste einen feinen Gulden Festgeschenk einzuhändkgen. Als der aber hörte, wie man ihn verketzert und was man gegen ihn vor hatte, so schickte er dem Vorsteher die Armenbüchse hin, entsagte seines Amtes und aus dieser Zeit rührt jener PaffuS in seinem Testamente her, worin er seinen Kindern die Annahme unbesoldeter Aemter abrieth. Die Schwelle der Kantorsschule wurde aber nun für Jossel der Rubikon, über den er in bte respublica lilterarum, in das Land germanisch-christlicher Bildung schritt. .Freilich kam es dem schon zwölfjährigen Knaben sonderbar vor, wenn er vom polnischen Reöi kam und eben sich aus dem Gestrüpp eines talmudischen Problems über Erbrecht, Leviratsehe, Weiberreinigung, ersten und zweiten Zehenten, verhauen noch durch die Tosephta, durch Jarchikommentar, und Mechilta's, hervorgearbeitöt Hatte und mit Anwendung alles Scharfsinnes und mit Hilfe der gestisulirenden Hand und des schüttelnden Hauptes auf die Ebene einer Ausgleichung gelangt war, — freilich kam eS ihm komisch vor, nun unter die lärmende Schuljugend zu treten und zu buchstabiren und zu lesen, wie „der Affe gar possierlich ist, zumal wenn er den Apfel frißt", und wie „die Klosternonne thuet Büß', ein Nagelbohr'man haben muß", und wenn er, eingeweihet in jeden Winkel der heiligen Schrift, vertraut mit allen Formen eines daS ganze Leben durchdringenden Gesetzes und gebunden durch Taufende von Regeln, eingeführt überhaupt in einen Jdetn- und LebenKkreis, dev in einet arabischen Wüste entworfen, in Jawnka und Babylon unter Weltstürmen einem Volke tief eingegraben wurde, dann Hören mußte , daß „Artigkeit-die Freude des Kindes sei nud sie mehr schmücke als Gold und Seide" — wie schüttelte er dann das Haupt über solche leichtfertige und dumme Dinge, mit denen sich die äußerjüdische Welt beschäftige, ja als der Kantor nun in's Gebiet der Naturgeschichte überging, wie lächelte Jossel, als man ihm auseinandersetzte, wie viel lebendige Junge der Hund werfe,, und daß die Gedärme der Schafe zu Violinsaiten, das Fleisch zum Essen und die Wolle zur Bekleidung, diene; was ist es denn so Großes,. dachte er, des Kätzchens Natur zu kennen und alle solche Lappalien, aber dennoch — ja dennoch bald wurde er.gewähr, daß unvermerkt alle diese Kleinigkeiten, dies ihm Verächtliche ihn in eine andere, neue Welt führen. (Fortsetzung folgt.) Anzeiger. In demselben werden Annoncen aller Art gegen 1*/* Ngr. (i gGr.) Gebühren für die gespaltene Zeile aus Petitschrift oder deren Raum so wie literarische, merkantile u. a. Beilagen ausgenommen. Die Verlags Handlung. ... (Offene St eile.) Am 1. Mai d. I. kommt, bei der israelitischen Religionsgemeinde Fürth die Stelle eines Relitzfionslehrer s und Kantors der Hauptsynagoge in Erledigung. Mit derselben ist — neben den Akzidentien — ein fixer Geldgehalt von 600 fl. verbunden. - Auf diese Stelle Reflektirende, welche das baierische Jndkgenat und die erforderlichen Fähigkeiten besitzen, Namentlich die, einen guten Chor zu bilden und zu dirigiren, werden eingeladen, spätestens am letzttn Februar d. I. ihre mit Zeugnissen belegten Anmeldungen hieher einzüreichen.; : . _ . / Fürth, den 7. Januar 1852. Der Vorstand der Israel. Religionsgemeinde. Moritz Befels. Lehrergesilch. .■ EV" Eine Gemeinde im Rabbinatsbezirk deS Herrn ür. Meier in Hannover sucht zu Purim oder Pesach d. J. einen Lehrer, welcher zugleich im Jüdischen wie auch im Deutschen unterrichtet. Und Schächter ist, gegen ein. sehr gutes Honorar. ' Wo? sagt auf portofreie Briefe die Expedition dieses Blattes.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.