Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 16 (1852)
- Issue
- Heft 5 (26.1.1852)
- Date
- 1852-01-26
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
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57 türlkch, daß ihn nicht realistische, phklantropistksche oder klassische Entwürfe durchkreuzten — wenn man auch da« mals schon von diesen Unterscheidungen und Tendenzen etwas gewußt hätte — er folgte seiner Weisheitsquelle, den Sprüchen der Väter, welche die auf- und absteigenden Altersstufen des Lebens mit bestimmten, nicht allzuleichtey, Aufgaben versehen*). Deswegen mußte Joffel naA zurückgelegtem fünften Lebensjahre die alte hebräische Bibel in die Hand nehmen und sich zum polnischen Lehrer der Gemeinde begeben, der, wo möglich, noch schlimmer war als unser aschkenastscher langer Rebi, denn er war ein Muster sarmatischer Rohheit. Joffel ließ sich aber nicht so leicht unterdrücken und einschüchtern. Er erzählte der Mutter von den vielen Hieben und Ohrfeigen, die er unverdienter Weise vom Polen erhielte, diese theilte es dem Vater mit und mit dem Schuster war in Bezug auf Recht und Gerechtigkeit nicht zu spaßen. Deshalb schloß er sich einst mit dem Polen in die Werkstatt ein, .hielt ihm sein Benehmen gegen die Kinder vor, wartete . ruhig seine Vertheidigung ab und als diese schlecht und " unbeholfen ausfiel, langte er einen derben Riemen vom Stiefelbrette und ließ den Polen Zuchten riechen, obgleich er ihm noch Nichts zu Leide that, sondern vielmehr die Bezahlung der alten Schuld auf die Zeit und Gelegenheit versprach, wann von dem zitternden Scholarchen eine neue kontrahirt würde. Das half und Joffel wurde milde behandelt, wenn auch der Pole zuweilen in pädagogische Verzweiflung gerieth. Er nahm zu an biblischer und mischnischer Verständniß, denn das hatte sein Vater gelobet, der Sohn sollte kein Ignorant bleiben, wie er. Aber man würde sehr irren, wenn man die Toraschule für die einzige Bildungswerkstatt unserS Joffel hielt. Joffel hatte deren noch dreigefunden, die ich alle nennen und charakterisiren will. Die erste war — die wirkliche Werkstatt seines Vaters. Wenn da Bauern, Knechte, Bergleute und andere Leute aus dem Volke kamen, so merkte der Knabe auf ihre Unterhandlungen und Unterhaltungen mit dem Vater, vernahm Ansichten, Erfahrungen, Urtheile, welche sein Nachdenken erregten, sich tief seinem Gedächtnisse und Gemüthe einprägten und ihn mit der Sinn- und Denkungsart des Volkes vertraut machten. Die *) Mischna Abot: Zu fünf Jahren die Bibel, zu zehn die Mischna (die Traditionen über das Gesetz), zu dreizehn: selbstständige Erfüllung der Gebote, zu fünfzehn: Talmud (Gemara, Erklärung der Mischna), zu achtzehn: heirathen, zu zwanzig das Himmelreich verfolgen u. f. w. u, s. w. r . Anmerk d. H. Schusterwerkstatt führte ihn in eine wirkliche, lebende Welt, während sein mischnischeS und späterhin talmudisches Studium beim Polen sich mehr um eine hypothetische drehete. Ein anderer Hörsaal war für ihn — die Spinnstube beim Amtmann, sie war von großem Einsiuß. .Dorthin nahm ihn an den Winterabenden die alte Magd seiner Eltern mit. Auch sie war einst den fränkischen Rekruten entnommen worden und hielt treulich beim Schuster auS in Freud und Leid, nachdem sie vor seiner Ankunft in Sammelloch schon zwei Herrschaften überlebt hatte. ES war eine treuherzige Seele, die alte Hödes. Sie war ein sehr willkommener Gast auf dem Amthofe, denn, wenn sie mit ihrem Spinnrad ankam oder sich an den Tisch zum Daunenzupfen setzte, so waren alle Mägde gespannt auf die wunderhübschen Mährchen und Erzählungen, welche die alte HodeS an den langen Abenden vortrug, welche ihr in unerschöpflichem Strome entflossen und die bald Sagen aus den Bergen ihrer Heimath, bald Verfolgungen ihres Stammes in der Zeit der Kreuzzüge, wunderbare Rettungen u. dgl., bald Geschichten aus jüdischen Volksbüchern enthielten. Sehr oft verwebte sich daher einAjuvisches Lebensbild in den Vortrag der alten Äagd. Daher wurde durch sie in der Spinnstube Großes bewirkt. Die Mädchen spannen hurtig und fleißig, selbst die Knechte drängten sich hinein, trieben gar keinen Scherz, sondern nahmen sich -eine häusliche Arbeit vor, um der alten Hodes zuzuhoren. Die Frau Amtmann war höchst zufrieden, wenn sie die Ruhe in der Gefindestube bemerkte und die vielen Schocke am andern Morgen aözählte, welche geliefert wurden, sie selbst hörte oft zu und ergötzte sich. Das erzählte sie dem Herrn Amtmann, der schon längst den Schuster seines Fleißes und seiner Redlichkeit wegen schätzte, die fortwährende Zufriedenheit seines Weibes erfreuete ihn sehr und so — waren die. Juden von Sammetloch durch die Vorträge der alten HodeS emanzipirt, die hier mehr als die geistreichsten Parlamentsredner einer spätem Zeit wirkte. Sie waren emanzipirt, denn die Gunst des Herrn AmtmännS schützte sie vor Bedrückung, beförderte ihren Verkehr, unterstützte ihre Nothleidenden mit Holz, Kartoffeln und Rüben, und in das Herz des Amtsvolkes flößte HodeS, ohne daß sie es wußte, mildere Gesinnungen gegen ihren Stamm und Toleranz ein ohne andere Toleranzedikte als ihre Mährchen. Joffel aber erlangte in der Spinnstube einen Hang zur Romantik > die sich freilich fein Leben hindurch sonderbar gestaltete in ihm, da sie in ihm auf den scholastischen Schwall des einer ganz andern Zeit entsprossenen 5* »